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Döblin-Haus : Krämerladen mit fesselnder Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Karl-Theodor Junge schreibt ein Buch über die Geschichte des Wewelsflether Döblin-Hauses und seiner Bewohner.

Dieses Haus hat eine Menge zu erzählen. Und Karl-Theodor Junge hat die vielen Geschichten zusammengetragen. Im Mai erscheint bei der Glückstädter Druckerei Augustin erstmals die ganze Geschichte des Döblin-Hauses in Wewelsfleth. „Es geht mir dabei vor allem um die verschiedenen Nutzungen und um ihre Bewohner. Und wie sich das Gebäude in all den Jahren verändert hat“, sagt der Autor. Der heute 75 Jahre alte Lübecker ist nicht nur verwandtschaftlich mit dem das Ortsbild prägenden Haus verbunden. Seit vielen Jahren schon sammelt er alles, was er über das Gebäude und das spannende Drumherum in Erfahrung bringen kann.

Die Initialzündung gab es dann bei einem Familientreffen vor gut einem Jahr. Im Anschluss machte er sich ans Werk. Herauskommen werden gut 200 Seiten, die eine Fülle von Informationen und Geschichten rund um die über 300-jährige Historie des Hauses und seiner Bewohner enthalten – bis hin zu ihrem prominentesten, dem Literatur-Nobelpreisträger Günther Grass.

„Da hinten hatte Tante Liese ihr Zimmer“, erinnert sich Karla Eggers noch gut. „Und da hat immer ein Kartoffelsack gestanden.“ Karla Eggers ist wie Frauke Jensen und auch Karl-Theodor Junge selbst Angehörige der Familie Junge, die in dem Haus einst nicht nur einen Krämerladen betrieb, sondern mit ihrer Junge’schen Werft auch einen Beitrag dazu lieferte, dass Produkte aus Wewelsfleth die Weltmeere eroberten.

Die Geschichte des Hauses beginnt aber mit ihrem Erbauer, dem Kirchspielvogt Peter Hellmann. In seinem Buch will Karl-Theodor Junge aber auch aufzeigen, in welchem gesellschaftlichen und sozialen Umfeld das in wesentlichen Bestandteilen noch immer ursprüngliche Gebäude stand und steht. Zum Auftakt – auch das gehört letztlich zur Entstehungsgeschichte – wirft Junge einen Blick zurück bis hin zur Besiedelung der Wilstermarsch. Ausführlich beleuchtet wird dann der Bau des Hauses im Jahre 1698, wie sich die Gemeinde in jenen Jahren entwickelte, wie aus der Kirchspielvogtei ein Krämerladen wurde. „Es ist eine bau- und schiffshistorische sowie eine literarische Spurensuche“, beschreibt Junge die gesamte Bandbreite seiner Nachforschungen. Allein 500 alte Briefe und Postkarten aus Familienbesitz hat der Autor gesichtet und in mühevoller Kleinarbeit entziffert. Davon wie auch aus den Erzählungen der Junge-Nachfahren fließt viel in das Buch ein.

Die Spurensuche beginnt schon über der Eingangstür. In das Oberlicht ist noch immer ein großes „M“ eingearbeitet, das für den einstigen Besitzer Hinrich Möller steht, der 1830 einen Krämerladen in dem Haus einbaute. Man braucht nicht einmal viel Fantasie, um sich in einen Verbraucher aus dem 19. Jahrhundert zurückzuversetzen. Die Einrichtung mit den vielen kleinen Schubladen für die Kolonialwaren ist noch weitgehend komplett vorhanden. Im Tresen findet man sogar noch den Schlitz, durch den das Kleingeld in eine abschließbare Kassenschublade fiel.

Drei Generationen lang war das Gebäude dann im Besitz der Familie Junge. Deren Name ist auf das Engste mit einer bis heute währenden Schiffbautradition in Wewelsfleth verbunden. Entsprechend breiten Raum widmet Karl-Theodor Junge denn auch diesem Thema. Er beschreibt wie Johann und Christopher Junge die örtliche Werft gründeten – und sich dabei ihr Know-how auch als Schiffszimmerleute geholt hatten. Was sie bei praktischer Arbeit auf dem Wasser an Erkenntnissen gewannen, setzten sie in Verbesserungen für ihren Bootsbau um. Das Haus in der Dorfmitte war seinerzeit die Zentrale der Junge-Werft.

Anfang der 1970er Jahre verliebte sich Günter Grass in das vom Abriss bedrohte Gebäude. Der Schriftsteller war zusammen mit Peter und Mechthild Dietrich, einem befreundeten Ehepaar aus Hamburg, in die Wilstermarsch gekommen. Mit seiner damaligen Lebensgefährtin Veronika Schröter zog er in das bauhistorische Kleinod ein. Hier schrieb Grass den „Butt“, die „Kopfgeburten“ und Teile der „Rättin“. Nach 13 Jahren verließ er die Marsch, um sich im Lauenburgischen niederzulassen. Die alte Vogtei schenkte er dem Land Berlin. Aus dem Gebäude wurde das Döblin-Haus, das in den vergangenen mehr als 30 Jahren schon mehr als 250 Stipendiaten Rückzugsort und Inspiration zugleich für den schwungvollen Umgang mit der Feder geboten hat

Für Karl-Theodor Junge hat sich bei der Beschäftigung mit dem Gebäude jedenfalls eine wahre Fundgrube aufgetan. Die reicht mittlerweile sogar weit über die Region hinaus. Bei seinen vielfältigen Recherchen bekam er inzwischen schon Feedback aus Nord- und Südamerika, zum Beispiel aus dem chilenischen Valparaiso, wohin es ebenfalls schon Junge-Nachfahren verschlagen hatte.

Die Spurensuche führte Karl-Theodor Junge aber auch nach Bremerhaven. Hier sichtete er Unterlagen von auf der Junge-Werft gebauten Schiffen, was dann ebenfalls Einzug in sein Buch hält und die Geschichte eines faszinierenden Gebäudes und ihrer Bewohner abrundet. Schließlich wird der Autor auch die Frage beantworten, wie das Hellmann-Möller-Junge-Grass-Döblin- Haus zu dem Namen „Villa Grassimo“ kam, worüber sich Hausdame Desiree Tiedemann noch immer wundert: „Eigentlich nennt das hier doch kein Mensch so.“ In gespannter Erwartung auf das fertige Buch ist auch Delf Bolten. Angesichts der Bedeutung des Hauses hat sich der Bürgermeister schon eine kleine Teilauflage für seine Gemeinde gesichert.

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erstellt am 20.Mär.2017 | 05:00 Uhr

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