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Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 16:56 Uhr

Kinderbetreuung in Hohenlockstedt : Keine Chance auf Kindergartenplatz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In Hohenlockstedts sind die Kitas voll. Betroffene Eltern erzählen von ihren Erfahrungen.

Es sind nur noch wenige Tage bis zu Junos drittem Geburtstag. Statt durch die Geschäfte zu streifen, um das perfekte Geschenk, Partydekoration und eine Torte für ihre Tochter auszusuchen, kämpfte Jessica Dübner (35) aus Hohenlockstedt für einen großen Wunsch: Dass Juno weiter in den Kindergarten gehen darf. Zu ihrem dritten Geburtstag muss das Mädchen die Krippe in Neuenbrook verlassen. Seit einem halben Jahr ist Jessica Dübner deshalb auf der Suche nach einem Kitaplatz - vergeblich.

Die alleinerziehende Mutter ist am Ende ihrer Kraft. Im April trennten sich Junos Eltern. Jessica Dübner konnte die Wohnung in Neuenbrook alleine nicht finanzieren. Sie zog nach Hohenlockstedt, um neu anzufangen. Ein Neustart mit Hindernissen, denn die Suche nach einem Kitaplatz ist aussichtslos: „Meine Existenz und die meiner Tochter stehen auf dem Spiel, da sich niemand im Stande sieht, einen Kitaplatz zur Verfügung zu stellen.“

Den Vertrag für den Kindergarten in Rethwisch, in den die Krippenkinder aus Neuenbrook gewöhnlich wechseln, hatte sie schon fast unterschrieben. „Dann kam die Trennung und der Umzug nach Hohenlockstedt, wo ich sie alternativ anmelden wollte.“ Doch in der neuen Gemeinde gibt es keine freien Plätze mehr. Auch aus den umliegenden Gemeinden erhielt sie nur Absagen.

Nach Tagesmüttern suchte Jessica Dübner ebenfalls. Bei einer klappte das Probespielen nicht wie gehofft. Doch nach vielen Telefonaten hat sie nun eine Tagesmutter gefunden. „Die Betreuung kostet etwas mehr als ein Kitaplatz, aber es geht nicht anders. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Ich möchte Juno aber nicht zu viel Veränderungen zumuten. Hätte ich keine Tagesmutter gefunden, hätte ich meine Arbeit nicht mehr ausüben können und ich wäre zum Sozialfall geworden.“

Jessica Dübner hat die Suche nach einem Kitaplatz aber noch nicht aufgeben. Die Mutter überlegt auch, notfalls nochmal umzuziehen, „obwohl wir hier in Hohenlockstedt ein schönes Zuhause gefunden haben. Irgendwann müssen wir doch mal ankommen“. Sie kämpft mit aller Kraft, ihrer Tochter Stabilität zu geben und hätte nie gedacht, dass es so schwer werden würde: „Es ist traurig, dass man als Alleinerziehende in die Sozialmühlen gerät und die Kinder die Leidtragenden sind.“

Eine Lösung für diesen konkreten Fall hat Bürgermeister Jürgen Kirsten derzeit nicht. „Wir versuchen unser Bestes, alle Kinder unterzubringen. Aber die Kindertagesstätten der Kirche und der Awo sind bis Stehkragen überbelegt.“ Auch für 2017 sei schon absehbar, dass die Plätze in den Kitas der Gemeinde nicht ausreichen. Geplant sei, eine neue Gruppe in der evangelischen Kita aufzumachen, Ziel ist eine Eröffnung zum 1. Februar, „aber die Gruppe ist auch schon voll“, informiert Kirsten. Die Gemeinde habe auch über räumliche Erweiterungen der Kitas nachgedacht, das bringe aber auch neues Personal mit sich – und das kostet. Noch eine neue Gruppe einzurichten, sei laut Kirsten deshalb derzeit nicht machbar, sondern solle sukzessive angegangen werden. „Die Kindergärten sind nicht das einzige Problem, mit dem sich die Gemeinde beschäftigt.“

Auch Carsten Roeder vom Kinder- und Jugendbüro in Itzehoe kann Jessica Dübner nicht weiterhelfen. „Ihre Chancen, in Itzehoe einen Kitaplatz zu bekommen, sind gleich Null.“ Die Reserve der Stadt für Kitaplätze liege derzeit bei unter einem Prozent. „Auch wir werden nächstes Jahr in die Situation kommen, Kinder nicht versorgen zu können. Die letzten freien Plätze können deshalb nicht an Auswärtige vergeben werden“, erklärt Roeder. Das knappe Kontingent reiche gerade, um akute Fälle – Neuzugezogene beispielsweise – aufzufangen.

„Jede Kommune ist für die eigenen Kinder zuständig und auch verpflichtet, diese bedarfsgerecht unterzubringen“, so Roeder. Für ein Kind ab drei Jahren wie Juno bedeutet das: Es gibt einen Anspruch auf Betreuung im Kindergarten, eine Tagesmutter als Alternative können die Eltern akzeptieren, müssen sie aber nicht. „Eine Kommune kann nicht sagen: Sorry, hier gibt es keine Plätze mehr.“ Roeder: „Die Kommune muss das schaffen. Die Stadt Itzehoe hat es so gemacht; hier wurden neue Kitas gebaut.“

Notfalls müsse der Rechtsweg eingeschlagen werden. „Eltern können den Kreis, den örtlichen Jugendhilfeträger verklagen, allerdings nur auf Schadensersatz bei Verdienstausfall. Das sagt das Urteil des Bundesgerichtshofs.“ Dies sei aber so neu, dass es noch nicht schriftlich vorliege und man deshalb auch keine Erfahrungen damit habe. So weit wolle es die Stadt für die eigenen Bürger auch nicht kommen lassen: „Wir versuchen immer, jeden einzelnen Fall zu lösen.“

Jessica Dübner ist kein Einzelfall. Auch Arne Rudlof Bleker (30) aus Hohenlockstedt und seine Frau scheiterten bei der Suche nach einem Kitaplatz. Vor zweieinhalb Jahren meldeten sie ihren Sohn in Hohenlockstedt an. Mittlerweile ist der Junge fünf Jahre alt und immer noch bei einer Tagesmutter. Bleker übt harte Kritik an der Gemeinde: „Für die Verschuldung des Ortes können wir doch nichts.“

„Es ist nicht nur ein Problem in Hohenlockstedt, sondern ein norddeutsches und gesellschaftliches Problem“, findet Marcus Klingler (41). Der Hohenlockstedter ist Vater von Drillingen. „Wir haben von Geburt an nach Kitaplätzen gesucht: 26 Kitas angeschrieben, 26 absagen bekommen.“ Die Drei werden in einer Woche drei Jahre alt, gehen mittlerweile in Kellinghusen in den Kindergarten. Er wollte das Recht seiner Kinder auf Kitaplätze nicht einklagen, sondern ist selbst aktiv geworden, damit sich etwas ändert im Ort. Klingler hakte bei den Hohenlockstedter Kindertagesstätten nach, ob man eine Outdoorgruppe einrichten könne. „Das ist kostengünstiger.“ Sogar Personal habe er schon organisiert, einen Förster angerufen, der die Gruppe ausstatten könne. „Jetzt fehlt nur jemand, der sagt: Ja, jetzt machen wir das.“ Klingler plant sogar, zum Familienministerium nach Berlin zu fahren: „Ich möchte, dass alle Bewohner Schleswig-Holsteins da gemeinsam vorankommen.“


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erstellt am 20.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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