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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 13:43 Uhr

Kampf um Holsteins Unabhängigkeit

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mitte des 19. Jahrhunderts spalten nationalistische Bestrebungen Schleswig-Holstein / Spuren dieser Epoche finden sich auch in der Wilstermarsch

Dem englischen Premierminister John Henry Palmerston (1784-1865) wird das Bonmot zugeschrieben, wonach es nur drei Experten gäbe, die die überaus komplizierte Geschichte Schleswig-Holsteins im 19. Jahrhundert wirklich durchdrungen hätten: Einer sei daran gestorben, der andere sei verrückt geworden. Der dritte sei Palmerston selbst, er habe aber alles vergessen. Wer bereits einmal etwas tiefer in die Thematik eingestiegen ist, versteht, was der britische Staatsmann gemeint hat. Jan Ocker, 21 Jahre alt und Student der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wagte sich trotzdem an die Materie und befasste sich intensiv mit einer lokalen Spurensuche zur schleswig-holsteinischen Erhebung in den Jahren 1848 bis 1851.

Seine gewonnen Erkenntnisse stellte der Geschichtsstudent in einem Vortrag vor, zu dem ihn die Glückstädter Detlefsen-Gesellschaft eingeladen hatte. Ocker ging der Frage nach, welche Spuren heute noch im Kreis Steinburg von den damaligen Ereignissen sichtbar sind. Neben den bekannten Doppeleichen (als Zeichen für ein geeintes Schleswig-Holstein, zum Beispiel in Glückstadt, Itzehoe, Looft, Münsterdorf) untersuchte der junge Experte Grabsteine, Gedenktafeln, zeitgenössische Biographien und Zeitungsberichte. Anhand dieser Quellen ließ er in seinem über zweistündigen, fast frei gehaltenen Vortrag im Glückstädter Ratskeller die historischen Ereignisse materialreich, lebendig und anschaulich Revue passieren.


Viele Spuren der Ereignisse um 1850 sind noch sichtbar


Heute gehen wir an den noch überall sichtbaren Spuren der Erhebung von 1848 bis 1851 achtlos vorbei. Denn Schleswig-Holstein, im 19. Jahrhundert ein Zankapfel zwischen den Großmächten, ist geeint und mittlerweile ein souveränes Bundesland. Insofern bildet das Thema des Vortrags Geschichte von gestern ab. Dennoch aber sind die Ereignisse der Erhebung vor nunmehr 168 Jahren von großer Aktualität. Denn so wie heute nationalistische Ideen ein geeintes Europa gefährden, so war es die Radikalisierung nationalen Denkens, die unserer Region drei Jahre lang Krieg beschert hatte. Einerseits wollten die sogenannten „Eider-Dänen“ die Integrität des dänischen Staates bis an die Eider ausdehnen, sich das Herzogtum Schleswig also vollständig bis auf die Höhe von Rendsburg einverleiben. Andererseits wehrten sich dagegen vor allem in Holstein liberale gesinnte Kräfte, die vom programmatischen „Up ewig ungedeelt“ und der 1848er Revolution in Frankreich inspiriert waren. Ihre Forderung nach staatsbürgerlicher Freiheit, nationaler Einheit und sozialer Gerechtigkeit hielten sie den ultranationalen Eider-Dänen, die in Kopenhagen regierten, entgegen.

Dabei gab es durchaus Bestrebungen, Schleswig-Holstein nicht innerhalb des Deutschen Bundes, sondern als eigenen Staat zu etablieren. In diesem Zusammenhang spielte der in Itzehoe mit der „Bürgerkrone“ höchstgeehrte Jurist Georg Löck (1782-1858) eine wesentliche Rolle, den es als wortführenden Schleswig-Holsteiner weder zu den Dänen noch zu den Preußen zog. An ihn erinnert noch heute ein Denkmal – ebenfalls in Form einer Doppeleiche – direkt vor dem historischen Rathaus mit dem Ständesaal, wo in jener Zeit der Versuch eines holsteinischen Parlamentarismus unternommen wurde.

Einer anderer Wortführer der „deutschen“, in Ansätzen radikaldemokratischen, Opposition war der in Glückstadt geborene Theodor Olshausen (1802-1869). In seiner Biographie – ab 1830 war er 13 Jahre lang in Glückstadt als Jurist tätig – wird der Konflikt deutlich zwischen Staatshoheit, auf die die Dänen pochten, und Volkssouveränität, die die 1848er-Revolutionäre inspirierte. Kurz gesagt: Als die Eider-Dänen an die Macht kamen, wehrte sich Schleswig-Holstein unter Einfluss Olshausens und Löcks durch eine provisorische Regierung in Kiel gegen den drohenden Krieg, getragen von der Idee des freien Selbstbestimmungsrechtes eines Volkes – allerdings vergeblich. Dänische und schleswig-holsteinische Truppen bekriegten sich bei Flensburg, Schleswig (1848), Eckernförde, Kolding, Fridericia (1849) und bei Idstedt (1850). Dort unterlagen die Schleswig-Holsteiner. Die Großmächte England und Russland hatten Preußen genötigt, die Erhebung nicht mehr zu unterstützen. Zwar blieb Dänemark nur gut zehn Jahre lang der Sieger, aber das ist eine andere vertrackte Geschichte.


Der Unabhängigkeitskampf forderte 163 Menschenleben


Auf den Grab- und Gedenksteinen im Kreis Steinburg (zum Beispiel in Breitenberg, Glückstadt, Hohenaspe, Horst, Kellinghusen, Krempe, St. Margarethen, Stellau, Wacken, Wewelsfleth, Wilster) hat Jan Ocker 163 hiesige Todesopfer dieses Kriegs ausgemacht. Meist handelt es sich um Mannschaftsdienstgrade. Diese schlossen sich zuerst der anti-dänischen Bewegung an, während die Offiziere und Beamten eher auf der dänischen Seite blieben. Eine Ausnahme unter den Offizieren bildet der Rittmeister Carl Hanssen (1818-1892). Er tat sich als der „tapferste und kaltblütigste Kavallerie-Offizier hervor, der keine Übermacht kannte“. Sein Grab befindet sich an der Südwand der Hohenasper Kirche.

Unter der hiesigen Geistlichkeit waren die Einstellungen gegensätzlich. Während sich Pastor Ernst Friedrich Versmann an St. Laurentii in Itzehoe vehement für die schleswig-holsteinische Sache einsetzte, galt Pastor Peter Gottlieb Hansen in Brokdorf als Dänenfreund. „Du Dänenhund, komm heraus, wir wollen dich aufhängen!“ riefen ihm nicht zimperliche Schleswig-Holsteiner zu. Auch die Kinder des Brokdorfer Pastors wollten die Marodeure, von „mit Knoblauch versetzten Spirituosen angestachelt“, in die Elbe treiben. Der Familie gelang aber die Flucht durch eine Stalltür. Hansen zog sich in den dänischen Landesteil Schleswig zurück.

Ausführlich ging Jan Ocker auch auf die Rolle der Presse ein, speziell widmete er sich dem „Itzehoer Wochenblatt“, das sich nach der Abschaffung der Zensur 1848 keineswegs objektiv äußerte, sondern die schleswig-holsteinische Partei mit jeder Zeile unterstütze. „Das Itzehoer Wochenblatt schadet uns mehr als eine Armee“, stöhnte ein dänischer Minister. Zwar veröffentlichte das Blatt auch dänenfreundliche Stellungnahmen, etwa als Leserbriefe. Das bekam deren Verfassern jedoch nicht gut: So wurden dem Itzehoer Chef-Polizisten und späterem Bürgermeister Gustav Poel (1804-1895) nach Äußerungen im „Wochenblatt“ kurzerhand die Scheiben eingeworfen.

In der abschließenden von Christian Boldt moderierten Diskussion wurde die verzwickte Kompliziertheit der Geschichte Schleswig-Holsteins deutlich. Der junge Vortragende manövrierte mit den handfesten Ergebnissen seiner Spurensuche aber mühelos um alle gefürchteten Klippen des komplexen Themas herum.

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erstellt am 19.Okt.2016 | 17:47 Uhr

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