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Norddeutsche Rundschau

28. Mai 2016 | 07:47 Uhr

Kultur : Jürgen Groß – Musik von früh bis spät

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Leiter der Glückstädter Musikschule liebt das Geigespielen – große Erfolge hat er mit dem Hamburger Barockensemble.

Abends gegen 21 Uhr, wenn viele es sich bereits vor dem Fernseher gemütlich gemacht haben, nimmt Jürgen Groß seine Geige und verlässt das Haus. Sein Ziel ist eine kleine Kirche unweit seines Hauses in Hamburg Blankenese. Dort angekommen, klappt er den Notenständer auf und übt Stücke für anstehende Konzerte. Eine Stunde, zwei Stunden – kurz vor Auftritten manchmal noch länger. „Mit einem Kopf voller Arbeit fällt mir das Üben sehr schwer – hier habe ich die nötige Ruhe“, sagt der 46-Jährige. Und Arbeit, davon hat Groß mittlerweile mehr als genug. Der gebürtige Hamburger unterrichtet Geige, leitet ein Hamburger Barockensemble und ist seit beinahe fünf Jahren Leiter der Musikschule in Glückstadt. Ein ordentliches Pensum, das Groß wahrscheinlich nur durchhält, da er seine Arbeit liebt.

Angefangen hatte alles in der fünften Klasse. In einer Geigen-AG kam Jürgen Groß zum ersten Mal mit dem Instrument in Kontakt, das sein Leben von diesem Zeitpunkt an bestimmen sollte. Nach einem Jahr AG folgte richtiger Unterricht, kurze Zeit später hatte er selbst bereits erste Schüler: „Ich fühlte mich sofort wohl mit der Geige und brauchte kaum Eingewöhnungszeit“, so Groß. Nach dem Zivildienst begann er ein Lehramtsstudium in den Fächern Musik und Deutsch. Der junge Geiger merkte jedoch schnell, dass ihm etwas fehlte. Groß wollte selbst Musik machen – und belegte parallel in Bremen das Studium der alten Musik. Bereits die Eltern hörten zu Hause viel Barock, diese Leidenschaft hatte sich auch auf den jüngsten Spross der Familie übertragen. Er wählte bei seinem Studium den Schwerpunkt „Barockvioline“ und gründete kurze Zeit später das Hamburger Barockensemble „Elbipolis“. Mit Musikern aus Hamburg und Bremen nimmt er sich seitdem die Barockstücke von unbekannten Hamburger Künstlern vor und macht sie einer breiten Masse zugänglich.

30 bis 40 Konzerte spielt das Kollektiv pro Jahr. Beim Schleswig-Holsteinischen Musikfestival sind sie mittlerweile eine feste Größe, spielten jedoch auch schon Live-Shows für den WDR oder traten in der Kölner Philharmonie auf. Dabei begnügt sich das Ensemble oft nicht damit, die Stücke nur vom Blatt zu spielen. Bei ihren Konzerten auf Kampnagel in Hamburg oder im Berliner Radialsystem war stets ein Elektrokünstler dabei, der den Stücken mit künstlichen Klängen und Samples eine neue Dimension verlieh und die Grenzen zwischen alter und aktueller Musik verschwimmen ließ. 2014 gelang es sogar, über das Goethe Institut eine komplette Südamerika-Tour zu spielen. „Die Leute waren sehr offen für unsere Musik und die Konzerte waren immer gut besucht“, verrät Groß.

Nicht ganz so weit weg zog es ihn im Jahr 2011, als ihm die Leitung der Musikschule in Glückstadt angeboten wurde. „Glückstadt ist eine Stadt mit einem wirklich guten kulturellen Angebot. Da wollte ich meinen Teil dazu beitragen. Außerdem hat es mich gereizt, planerisch tätig zu werden und Projekte über einen längeren Zeitraum anzugehen“, sagt der zweifache Familienvater. Er wolle speziell die Politik mehr einbinden, um finanzielle Mittel für einen noch besseren Unterricht freizusetzen – oft ein sehr schwieriges Unterfangen. So möchte er aktuell Lehrkräfte mit einem hohen Stundenanteil gerne ganz an die Musikschule binden und ihnen mehr finanzielle Sicherheit geben; ein Plan, der bisher noch nicht durchsetzbar war. Doch Groß gibt nicht auf und wird auch in Zukunft nicht müde werden, seine Ziele auf die politische Agenda zu setzen. Und wenn er den Kopf dann vom Tagesgeschäft doch mal wieder frei kriegen muss, findet man ihn zu später Stunde mit seiner Geige in der Blankeneser Kirche.

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