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Norddeutsche Rundschau

10. Dezember 2016 | 08:03 Uhr

Arbeitsmarkt für Flüchtlinge : „Jetzt bin ich richtig angekommen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vom Asylbewerber zum Angestellten einer Kremper Tischlerei – der Syrer Mohamad Albeida aus Itzehoe hat es geschafft

Freudestrahlend kommt Mohamad Albeida (35) in das Büro der Flüchtlingsbeauftragten Renate Wittern. In der Hand hält er einen unterschriebenen Arbeitsvertrag. „Jetzt bin ich richtig angekommen“, sagt der Syrer, der schon seit mehr als zwei Jahren in Itzehoe lebt und nun in Lohn und Brot steht – ein Moment, auf den er lange gewartet hat.

Albeida stammt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus, von wo er mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn vor den Bürgerkriegswirren floh. Von Libyen aus setzte die Familie mit dem Boot nach Europa über, kam im Juli 2014 in den Kreis Steinburg. Ein Jahr lang lebten die drei in Lägerdorf, wo Albeidas zweiter Sohn zur Welt kam. Sogleich begann der Familienvater damit, sich ein neues Leben aufzubauen. „Das Wichtigste war zunächst die Sprache“, sagt er. Ein Jahr lang besuchte er einen Kurs an der Volkshochschule, legte die Prüfung für das Sprachniveau B1 ab. Um ein Interview zu führen, reicht sein Deutsch mittlerweile problemlos aus, aber Albeida ist noch nicht mit sich zufrieden: „Es kommt immer noch sehr oft vor, dass ich nicht das sagen kann, was ich sagen will.“

Schon während des Sprachkurses machte sich der Syrer, der inzwischen nach Itzehoe gezogen ist, auf die Suche nach Arbeit. „Den ganzen Tag zu Hause zu sitzen, ist nicht mein Ding.“ Er absolvierte ein Praktikum beim Fenster- und Türenbauer Rekord in Dägeling, nahm einen befristeten Minijob in der Tischlerei Rathkamp in Westermoor an. Für den Syrer genau das Richtige, hatte er doch auch in seiner Heimat Damaskus einen kleinen Tischlerbetrieb geführt.

Die Industrie- und Handelskammer verhalf Albeida schließlich zu einem festen Job. Als er bei der Elmshorner Zweigstelle vorsprach, stellte die sogleich Kontakt mit Tischlermeister Jan-Markus Göbel her. Der Kremper suchte für seinen Zwei-Mann-Betrieb in Elmshorn Verstärkung. Als er Albeida kennenlernte, machte er gleich Nägel mit Köpfen: „Du kannst sofort anfangen“, sagte er zur Überraschung des Syrers.

Das ist mittlerweile schon drei Monate her. Seither geht Mohamad Albeida Tag für Tag der Arbeit im Elmshorner Tischlerbetrieb nach, baut Türen, Schränke und Tische, aktuell den Handlauf eines Treppengeländers. Zum Teil sind es alt vertraute Handgriffe für den Syrer, zum Teil ist die Arbeit in Deutschland für ihn aber auch eine Umstellung. „Das Tischler-Handwerk hier ist anders als in Syrien“, sagt er. Dort sei der Tischler eher ein Allrounder, kümmere sich neben der Inneneinrichtung auch gleich um den ganzen Hausbau – vom Mauern der Wände bis zum Decken des Dachs. Deutsche Handwerker dagegen seien eher Spezialisten. „Aber daran werde ich mich gewöhnen.“

Eine große Herausforderung sei auch die Verständigung. „Manchmal fehlen mir die Worte für ein bestimmtes Werkzeug, und im Lärm auf der Baustelle verstehe ich natürlich noch schlechter.“ Um so dankbarer sei er seinem Chef, der viel Geduld mit ihm habe und immer mal wieder von der Leiter steigen müsse, um ihm etwas zu erklären.

„Klar gibt es Verständigungsprobleme“, sagt Jan-Markus Göbel, „und ich kann auch nicht voraussetzen, dass Mohamad alles kann.“ Aber das könne er bei einem deutschen Angestellten auch nicht und sei deshalb sehr zufrieden: „Mohamad hat einen starken Willen und will alles richtig machen.“

Für ihn sei es fast wie eine zweite Lehre, in einem deutschen Betrieb zu arbeiten, sagt Albeida. Ob Kundengespräch oder Holzeinkauf – alles müsse er neu lernen. Eine Herausforderung, die er gerne in Kauf nehme: „Jetzt, wo ich endlich wieder selber schwitze, um mein Essen zu verdienen, schmeckt es mir auch wieder.“

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erstellt am 08.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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