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Norddeutsche Rundschau

07. Dezember 2016 | 15:24 Uhr

Vogelforschung : Itzehoer Möwenforscher: „Wer braucht schon Pokémons?“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Sie sind schlau, manchmal laut – und nicht immer beliebt. Der Itzehoer Sönke Martens aber ist großer Fan von Möwen und erforscht die Vögel.

Itzehoe | Die E-Mail kam am Sonntag aus England: Der Farbring AD262 ist gesichtet worden, an einem See südlich von Manchester. Nur drei Monate zuvor hatte Sönke Martens das kleine Plastikstück mit den Ziffern und Buchstaben noch in der Hand gehabt. Ende Mai brachte er den Ring in Plön am Bein einer jungen Lachmöwe an. Nun weiß der Itzehoer Vogelforscher, dass der Jungvogel exakt 826 Kilometer zurückgelegt hat bis nach Mittelengland und freut sich über den schönen Erfolg seiner Beringungsaktion. „Wer braucht schon Pokémons? Das hier ist doch viel spannender“, sagt Martens.

Über 50.000 Möwen hat der Internist, der im Klinikum Itzehoe als Medizin-Controller arbeitet, in den vergangenen über 30 Jahren ehrenamtlich im Auftrag der Vogelwarte Helgoland beringt. Bereits als Kind begleitete er seinen Vater und seinen Patenonkel, die beide ebenfalls ehrenamtlich Ornithologie betrieben, beim Beringen von Jungvögeln. „Ich bin da reingewachsen“, sagt der 53-jährige Familienvater. Heute begleiten ihn seine Töchter regelmäßig, wenn er zu den Brutplätzen aufbricht.

„Die eigentliche Beringung ist aber nicht meine Haupttätigkeit. Mehr Zeit nimmt die Koordination und die Pflege der Datenbanken in Anspruch.“ Martens ist in mehreren Netzwerken aktiv und arbeitet nicht nur mit anderen Vogelforschern in Norddeutschland zusammen, sondern unterstützt auch Kollegen in Russland, Weißrussland, der Ukraine, Rumänien und der Schweiz. 3500 neue Einträge sammelte er allein 2016 aus Mittel- und Osteuropa ein. In die Datenbanken werden unterschiedlichste Vögel aufgenommen, Martens persönliches Forscherherz schlägt aber besonders für die Möwen. Er koordiniert ein Programm zur Erforschung der weißen Seevögel. „Möwen sind intelligente und langlebige Vögel, die beeindruckende Leistungen bei der Anpassung an ihre Umwelt erbringen. Anders als bei anderen Arten ist jede ein richtiges Individuum“, erklärt Martens seine Faszination.

Balzende Sturmmöwen am Strand von Amrum: Erkennbar ist der rote Ring mit der Nummer am Bein des linken Tieres.
Balzende Sturmmöwen am Strand von Amrum: Erkennbar ist der rote Ring mit der Nummer am Bein des linken Tieres.
 

Leider sei das Wissen über die Tiere in der Bevölkerung sehr gering. „Ich denke, auch deshalb ist ihr Ansehen nicht das beste“, sagt der Mediziner. „Viele wissen gar nicht, dass es elf Arten gibt, sondern kennen nur die dicke Silbermöwe an Stränden oder Häfen.“ Aber kaum jemand wisse, dass einige Arten ebenso weit ziehen wie Schwalben und zum Winter bis nach Afrika fliegen. „Und manche Möwenart ist seltener als der Seeadler – auch deshalb verdienen die Möwen unsere Aufmerksamkeit und unseren Schutz.“

Martens Vorliebe für die Möwe hat aber auch einen ganz praktischen Hintergrund: Die Seevögel seien geradezu „perfekt“ für die Beringungs-Forschung geeignet. „Sie haben schöne dicke Beine für große Ringe, leben nicht allzu heimlich und können daher häufiger und ohne spezielle Ferngläser abgelesen werden als andere Vögel. Und ein Alter von 20 Jahren ist keine Seltenheit.“ Ein einmal beringter Vogel könne also mit Chance über Jahrzehnte beobachtet werden. Die dabei gewonnen Erkenntnisse über die Lebensweise der Möwen hat dann nicht nur Bedeutung für die Vogelforschung.

„Möwen sind ein guter Indikator für Veränderungen in unserer Umwelt und können uns Hinweise über Klimaveränderungen und ähnliches geben, bevor wir sie sonst bemerken.“ So lassen die Ergebnisse der Beringungs-Forschung beispielsweise Rückschlüsse auf die Entwicklung von Fischschwärmen zu. „Und auch die Verbreitung von Arten wie der Mittelmeer-Möwe gibt über Jahre betrachtet auch Auskünfte über die Klimaentwicklung.“ Deshalb publizieren Martens und seine Mitstreiter ihre Ergebnisse regelmäßig, damit sie anderen Wissenschaftlern zur Verfügung stehen.

Nicht zuletzt dient die Forschung aber der Bestandsbeobachtung. Und deren Entwicklung bereitet dem Itzehoer Möwenforscher durchaus Sorgen. „Trotz ihrer Anpassungsfähigkeit haben Möwen es nicht leicht. Die Zahl der Lachmöwen hat beispielsweise stark abgenommen. Noch ist nicht ganz klar, woran das liegt.“ Es sei aber wichtig, die Gefahr frühzeitig zu erkennen, um gegensteuern zu können und etwa die Brutplätze zu schützen und zu erhalten. Denn ohne Möwen wäre Norddeutschland doch nicht mehr dasselbe, findet Martens.

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erstellt am 31.Aug.2016 | 05:00 Uhr

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