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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 07:56 Uhr

„In Wilster fehlt es mir an nichts“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Hans-Werner Speerforck, Vorsitzender des Regionalvereins Wilstermarsch, ist um die Zukunft seiner Heimat nicht bange

Er kennt Wilster und die Wilstermarsch wie seine Westentasche. Mit Hans-Werner Speerforck sprachen wir über die Stärken und die Schwächen der Region und über ihre Zukunft.

Herr Speerforck, wenn Sie heute durch Wilster gehen und dabei zehn oder sogar 20 Jahre zurückdenken: Macht Ihnen die Entwicklung in der Innenstadt nicht ein bisschen Angst?
Hans-Werner Speerforck: Ja, aber nur begrenzt. Die Leerstände in den zum Markt führenden Straßen sind ganz sicher kein Ruhmesblatt. Aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Innenstädte insgesamt mit diesem Problem kämpfen. Vor ein paar Tagen habe ich zum Beispiel direkt in der Fußgängerzone in Uetersen zahlreiche Leerstände gesehen. Wilster ist beileibe kein Einzelfall. Neuansiedlungen von kleinen Geschäften direkt in Innenstädten sind nicht diese Zeit; sinnvolle und passende Umnutzungen wären für diese Bereiche eher anzustreben.

Die Leerstände sind ja nicht zu übersehen. Was macht die Stadt für Ihre Einwohner und Besucher dennoch anziehend?
Die Situation um den Marktplatz mit den Geschäften, die denkmalgeschützten Gebäude mit Kirche und Rathäusern, die Wilster-Au mit der Rumflether Mühle und natürlich das Hallenbad mit dem Sportzentrum. Das schulische Angebot ist zudem ganz hervorragend; unsere Schulen haben einen exzellenten Ruf. Das Wilsteraner Einkaufszentrum wird auch aus Heiligenstedten/Oldendorf angefahren. Es zieht sicherlich Kaufkraft aus der Innenstadt ab, dennoch ist es gut für Wilster, dass wir es haben.

Versetzen Sie sich mal für einen Moment in einen ganz normalen Konsumenten. Was gibt es, das man in Wilster und Umgebung nicht bekommen kann?
Welch eine Frage. Da fällt mir wenig bis gar nichts ein! Lebensmitteleinzelhandel, Bekleidung für Damen und Herren, Optiker, Schreibwaren, Elektronik, Möbel, Autos und einen Baumarkt – um Einige zu nennen – gibt es in der Stadt. Selbst ganz spezielle Dinge gibt es bei „Klein Karstadt“. Warum also in die Ferne schweifen? Ich kaufe bewusst regional, und es fehlt mir an nichts.

Wilster steht ja irgendwo auch im Wettbewerb mit Nachbarstädten wie Itzehoe, Glückstadt und vielleicht auch Brunsbüttel. Was unterscheidet die Stadt von ihren Mitbewerbern?
Positiv sind die Überschaubarkeit, die guten und kostenlosen Parkmöglichkeiten und die Spezialgeschäfte. Wilster hat seinen eigenen Charme, den wir selbst oft so gar nicht wahrnehmen. Die historischen Bauten erwähnte ich bereits. Auch darf man den günstigen Wohnraum, den es hier gibt, nicht unterschätzen. Gegenüber Brunsbüttel ist schließlich der Bahnanschluss von großem Vorteil. Und wir haben einen aktiven Gewerbe- und Verkehrsverein. Denken Sie nur einmal an unsere „Lütt Wiehnacht“ und die Anerkennung, die uns die Gäste aus Glückstadt und Itzehoe aussprechen.

Besucher und Konsumenten, die es nach Wilster verschlägt, sind von dem Charme der kleinen Stadt durchaus angetan. Was könnte man noch tun, um diese Menschen möglichst zu einem Wiederkommen zu bewegen?
Das gastronomische Angebot verbessern, geöffnete Außengastronomie am Markt an allen Wochentagen vorhalten. Das tolle Eiscafé zieht Menschen an, das allein reicht aber bei weitem nicht. Was die Geschäftswelt angeht, ist mit den verkaufsoffenen Sonntagen alles getan. Die Menschen kommen wieder.

Ein großes Thema wird in den nächsten Jahren die demografische Entwicklung sein. Welche Herausforderungen werden das an eine Infrastruktur in einer Stadt wie Wilster und ein ländlich geprägtes Amt wie die Wilstermarsch stellen?
Wilster ist denke ich nicht so betroffen. Zumindest ist kein Bevölkerungsrückgang prognostiziert. Einige der ganz wenigen Städte – das spricht für sich, wie ich finde. Die Umlandgemeinden sind hier mehr gefordert. Sie müssen schauen, dass sie ihre Kindertagesstätten weiter so gut es geht wirtschaftlich betreiben können. Leider sind die Standards durch die Gesetzgebung immer höher gesetzt worden. Die Grundschulen wurden ja bereits unter einem Dach zusammengefasst. Hier wurde rechtzeitig reagiert. Wenn in den Dörfern weiter die Voraussetzungen für seniorengerechtes oder auch betreutes Wohnen geschaffen werden, müssen auch ältere Menschen ihr Dorf nicht verlassen. Auch den Feuerwehren gelingt es inzwischen einigermaßen, ihren Nachwuchs zu sichern. Ansonsten wären auch hier Fusionen ein Weg. Die Lebensmittelversorgung ist ja schon durch die Gemeinden gesichert worden. Hier gilt es, den Bestand nachhaltig zu sichern. Wenn die Bevölkerung in den Dörfern dort nicht einkaufen geht, entzieht sie sich selbst die Lebensgrundlagen. Das muss den Menschen mehr bewusst werden. Ansonsten gilt es, zu akzeptieren, dass das eine oder andere leere Gebäude auch mal ersatzlos verschwinden wird.

Ein wichtiges Thema wird die Breitbandversorgung gerade im ländlichen Raum sein.

Das ist ganz wichtig. Vor allem, dass im dünn besiedelten Raum wirklich jedes Haus angeschlossen ist. Schließlich stellt ja auch jeder Selbstständige, der hier lebt, einen Arbeitszahl und damit einen Steuerzahler dar. Ich habe das Thema von Anfang an sehr forciert und gefördert. Was uns dabei immer wieder befeuert hat: Wir dürfen das nicht verschlafen.


Der Regionalverein engagiert sich seit Jahren und stellt Veranstaltungen auf die Beine. Zum Teil mit gutem Erfolg. Gleichzeitig ist in vielen Vereinen aber spürbar, dass es zunehmend schwieriger wird, Menschen für eine ehrenamtliche Arbeit zu gewinnen. Wie sehen Sie die Zukunft der Vereinslandschaft in der Region?
In der Tat. Wir sehen uns unter anderem auch ein wenig als das Dach für die Vereine. Unser Projekt ,Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements’ zeigte, dass kein überragender Bedarf für die Unterstützung besteht. Durch den Wandel in der Gesellschaft wird sich der eine oder andere Verein auch mal auflösen, weil das Angebot den Nachwuchs nicht anzieht. Auf der anderen Seite hat es im letzten Jahrzehnt eine ganze Reihe von Neugründungen gegeben. Das sind unter anderem die Fördervereine für die Rathäuser, die Rumflether Mühle, der Schachverein oder ganz neu der Kulturverein mit dem Kulturhaus Wilster. Mir ist nicht bange. Wir müssen die Menschen, die vor dem Ende des Berufslebens stehen, für die Vereinsarbeit gewinnen. Sie sind noch vital und fit – auch das ist Nachwuchs für die Vereinsarbeit.

Derzeit läuft ein Projekt, in dem gemeinsam mit den hier lebenden Menschen die Stärken der Region Elbmarschen herausgefiltert werden sollen. Was sind aus Ihrer Sicht die Stärken?
Sie meinen das Projekt „Regiobranding“, in welchem der Kreis Steinburg eine von drei Fokusregionen ist. Mir gefällt das ganzheitliche Konzept. Fachleute aller Bereiche mit unterschiedlichen Blickwinkeln arbeiten daran und was noch wichtiger ist: 3  000 Marschbewohner wurden befragt, wie sie über die Region, in der sie leben, denken. Gut ist auch, dass im Rahmen dieser Arbeit Dinge, die zu tun sind, bis zur Projektreife bearbeitet werden können. Es gibt also keine verlorene Zeit, die sonst die Gefahr des „in der Schublade verschwindens“ birgt.

Und die Schwächen?
Schwer zu sagen. Dazu kenne ich den Stand nicht. Vielleicht wurde die breite Öffentlichkeit doch noch nicht so erreicht. Aber das kann ja noch kommen. Vermieden werden müssen unbedingt Luftnummern, die wegen mangelnder Fördergelder versiegen.

Weiteres großes Thema ist die Energiepolitik. Dabei ist die Wilstermarsch durch überregionale Stromtrassen und durch Windkraftanlagen neben allen schon vorhandenen Anlagen über Gebühr belastet. Wie viel erneuerbare Energie verträgt die Wilstermarsch?
In der Tat ist die Landschaft belastet. Ein weiterer Ausbau der erneuerbaren Energien sollte nur noch sehr maßvoll und nur dort, wo die Bürger es akzeptieren, erfolgen. In den Gemeinden der Wilstermarsch wird das jetzt aber schon weitestgehend so praktiziert.

Die Wilstermarsch wird von Urlaubern allenfalls als Durchgangsregion auf dem Weg zur Nordsee wahrgenommen. Seit vielen Jahren laufen Bemühungen, touristische Stärken der Landschaft an der Unterelbe herauszustellen.
Ja, und das aus meiner Sicht erfolgreich. Die Gründung der Maritimen Landschaft Unterelbe, des Holstein Tourismus und des Regionalvereins Wilstermarsch waren der richtige Weg. In allen Institutionen ist die Wilstermarsch aktiv vertreten. Schon bei den Gründungen sind die Initiativen zum Teil von hier ausgegangen.

Reicht es, mit der tiefsten Landstelle Deutschlands zu werben, oder muss da nicht ein bisschen mehr passieren?
Für alle Ideen und Anregungen sind wir dankbar. Viele unserer heimischen Angebote sind weggebrochen (Gastronomie Kasenort, Marschentöpferei, Kutschfahrten). Touristische Angebote wie Aukieker, Rumflether Mühle, Historische Bauten, Boßeln u.a. werden beworben. Und die Tiefste Landstelle präsentiert sich wie wir Menschen hier: Klar, norddeutsch sachlich und ohne viel Firlefanz. Die Wilstermarsch Service GmbH tut, was möglich ist. Viele Gruppen haben uns besucht und suchen ihre Ausflugsziele nun in anderen Teilen Schleswig-Holsteins in Regionen, die es uns gleichgetan haben, Das muss man wissen und auch akzeptieren können.

Mitunter hört: „Ich lebe dort, wo andere Urlaub machen“. Würden Sie das auch für sich so unterschreiben?
Nein. Das wäre vermessen. Es gibt zwar einige Gäste, die hier für eine Woche ihren Urlaub buchen, worüber wir uns auch sehr freuen. Der Spruch aber gilt für mich für die Küstenstreifen und die Gebiete an den Seen in Schleswig-Holstein, wo man seinen kompletten Erholungsurlaub verbringt. Wir hingegen haben uns auf Gruppenfahrten und Tagestouristen ausgerichtet. Das Konzept hat auch gegriffen.

Wie wird die Wilstermarsch in zehn oder vielleicht auch zwanzig Jahren dastehen  ?
Im wesentlich unverändert. Natürlich gibt es den Strukturwandel in der Landwirtschaft und dann weniger Landwirte. Die wertvollen Böden werden aber auch weiter bewirtschaftet. Die Wilstermarsch wird in Zukunft weder Brachland sein, noch überflutet werden.

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erstellt am 09.Sep.2016 | 10:18 Uhr

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