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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 18:29 Uhr

Getanztes Liebesdrama begeistert

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Einem lästerlichen Vorurteil gemäß können Waldorf-Schüler ihren Namen tanzen. Wie aber tanzt man eine Dampflokomotivfahrt, ein Pferderennen, eine spröde Party? Oder – abstrakter – Sehnsucht, Leidenschaft, Zweifel, Schuldgefühle? Das bedarf fantasievoller und nicht abgenutzter Bilder, die zugleich eingängig und schlüssig nachvollziehbar sind und dennoch über die Kraft des Neuen verfügen. Genau das gelingt Katharina Torwesten in ihrer Ballett-Inszenierung des Tolstoi-Romans „Anna Karenina“, die das Publikum im Theater zu Beifallsstürmen hinriss.

Die Inszenierung des Landestheaters tut gut daran, den Roman auf das tragische Dreiecksverhältnis zwischen Anna, ihrem Gatten und ihrem Liebhaber Graf Wronski zu beschränken. Damit ist jede Nacherzählungsgefahr gebannt. Das Ballett öffnet sich damit ganz der Gefühlswelt dieses Romans der Weltliteratur, deren andere große Ehebruch-Romane bei Tolstoi schon durchschimmern. Noch eine Stärke der Konzeption: Während in den anderen Romanen auch Neid und Hass eine Rolle spielen, konzentriert sich Torwesten ganz auf die Liebesfähigkeit der Anna Karenina. Diese Stärke der Konzeption führt dazu, dass die eindringlichen Bilder ihrer Leidenschaft zu Wronski oder ihrer mütterlichen Liebe zum Sohn fein gezeichnet und ohne jede Plakativität erscheinen.

Von vornherein lässt das Ballett keinen Zweifel an der katastrophalen Entwicklung der Liebe Annas zu Wronski, trotz allen militärischen Gehabes ein Inbegriff sensibler Männlichkeit. Wie ein Todesengel taucht immer wieder der anfangs getötete Gleisarbeiter auf; er erscheint ihr in ihren Albträumen und er führt sie, als sie sich in ihrer Verzweiflung vor den Zug wirft.

Die Hauptakteure – Anna Schumacher als Anna, Enkhzorig Narmandakh als Graf Wronski und Arsen Chraghyan als Gatte Alexej Karenin – tanzen sich sozusagen die Seele aus dem Leib, alles geschieht im Tanz; Habitus, Gestik, Mimik, wenig Requisiten, das zeitgenössische Kostüm unterstützen die getanzte Erzählung. Die Musikauswahl mit Honeggers „Pacific 231“, Stücken von Rachmaninow und Debussys „Zwiesprache von Wind und Meer“ ergänzt das inszenatorische Konzept optimal. Auch das Corps de Ballett tanzt die russische Gesellschaft großartig.


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