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Norddeutsche Rundschau

10. Dezember 2016 | 06:10 Uhr

Apotheken : Gerichtsurteil mit Nebenwirkungen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach dem Wegfall der Preisbindung im Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten kritisieren Itzehoer Apotheker die Entscheidung. Sie warnen vor schnellerem Apotheken-Sterben.

Der Mittwoch sei für ihn kein guter Tag gewesen, sagt Apotheker Sebastian Jahn. Er habe sich geärgert über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), die Preisbindung für ausländische Versandapotheken bei rezeptpflichtigen Medikamenten zu kippen, die aber für normale Apotheken weiter gilt, sagt der Inhaber der Viktoria Apotheke in der Kirchenstraße. „Wettbewerb ist ja schön und gut, aber es herrscht keine Waffengleichheit zwischen großen Versandhändlern und uns“, sagt Jahn und verweist auf die vielen Regulierungen, die im inländischen Handel mit Medikamenten gelten und die Fixkosten nach oben treiben und die starke Position von Großhändlern gegenüber Pharmafirmen. Da sehe er deutlichen Nachbesserungsbedarf, beispielsweise bei den technischen Anforderungen an den Versand.

„Ich will mich aber nicht beklagen“, sagt Jahn. „Die Konkurrenz durch den Online-Handel haben viele zu tragen. Das ist eben leider der Zeitgeist.“ Ähnlich wie Jahn sehen auch andere Itzehoer Apotheker die Entscheidung des EuGH. „Jammern“ möchte niemand, aber es wird vor möglichen Folgen gewarnt.

Ulrike Pickert, Inhaberin der Hanseaten Apotheke, befürchtet mittelfristig eine Ausdünnung des Apotheken-Netzes. „Was ich sehr bedauerlich finde ist, dass dies wahrscheinlich vor allem ältere und kranke Menschen treffen wird, die nicht schnell in die nächste Stadt fahren können.“ Denn es würden eher Apotheken an schwächeren, ländlichen Standorten schließen. Auch bei den Notdiensten werde sich die Situation nicht verbessern. „Wird nicht gegengesteuert, würde es mich nicht wundern, wenn in einigen Jahren abends oder am Wochenende öfter keine Apotheke im Kreis Steinburg mehr Notdienst macht“, sagt auch Sebastian Jahn. „Wir sollten jetzt überlegen, wie das verhindert werden kann.“

Darüber, ob die Zahl der Apotheken in Itzehoe sinken könnte, möchte Ulrike Pickert nicht spekulieren. Dass die Kreisstadt schon bisher kein einfacher Standort sei, zeige aber die Schließung von drei Apotheken allein im vergangenen Jahr.

Nach der Entscheidung in Luxemburg nun auch im Inland die Preisbindung abzuschaffen und in eine Rabattschlacht mit den Online-Händlern einzutreten, ist für Knud Clausen, Inhaber der Adler -Apotheke, keine Option. „Die Margen sind schon heute kleiner als viele denken. Die Zeiten, wo Apotheker große Gewinne machten, sind schon lange vorbei.“ Er mache sich aber auch nicht allzu große Sorgen, dass seine Kunden ins Internet abwandern. „Ich denke, wir bieten mit unserer Beratung und unserer Schnelligkeit sehr viel, was unsere Kunden zu schätzen wissen.“

Wie Clausen warnen auch seine Berufskollegen vor Medikamentenkauf ohne Beratung durch Fachpersonal. Ulrike Pickert: „Wechselwirkungen verschiedener Wirkstoffe können gefährlich werden.“ Sie erlebe es regelmäßig, dass Patienten nicht verträgliche Medikamente aus Unwissenheit zusammen einnehmen wollten. „Wir Apotheker sind da oft die letzte Kontrollinstanz vor der Einnahme.“ Das könne ein Online-Händler kaum leisten.

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erstellt am 22.Okt.2016 | 08:00 Uhr

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