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Erreger des Subtyps H5N5 : Geflügelpest im Kreis Steinburg: Das Virus verändert sich

vom

18.000 Puten müssen gekeult werden. Zwei Standorte sind betroffen. Es handelt sich um einen neuen Virus-Typ.

Süderau | In einer Geflügelhaltung im Kreis Steinburg ist die Geflügelpest ausgebrochen. Die Tötung und Ursachenforschung geht am Dienstag weiter. Das Besondere an diesem Fall besteht darin, dass in der Putenzucht erstmals in einem Hausgeflügelbestand in Europa der sehr aggressive Erreger des Subtyps H5N5 nachgewiesen wurde.

Bundesweit sind inzwischen 15 Bundesländer von der Geflügelpest betroffen. Rund um den Jahreswechsel brach die Tierseuche in größeren Hausgeflügelbeständen in Niedersachsen aus. Die Tiere mussten alle der Geflügelpest-Verordnung entsprechend getötet werden. Auch in anderen Ländern Europas grassiert der Erreger: In Polen, Ungarn, Frankreich und den Niederlanden ist er in zahlreichen Hausgeflügelhaltungen ausgebrochen. Erstmals erfolgte auch ein Nachweis in der Slowakei.

Die Polizei sperrte am Montagmorgen die beiden Betriebe in Süderau –  zwischen Glückstadt und Itzehoe – ab. Sie gehören dem gleichen Besitzer. 18.400 Tiere an zwei Standorten des Unternehmens Grevenkoper Pute an der Süderauerdorfstraße müssen getötet werden. Es ist das erste Mal, dass der Erreger des Subtyps H5N5 in einem Hausgeflügelbestand in Europa nachgewiesen wurde.

 

Die Polizei hatte bereits am Montagmorgen die Zufahrt zum Hof abgesperrt, der als erstes betroffen war. Zugleich war der Löschzug Gefahrgut des Kreisfeuerwehrverbands Steinburg in Marsch gesetzt worden, um eine Dekonterminationsschleuse an der Einfahrt zum Betrieb zu errichten. Alle Fahrzeuge, die auf das Gelände fahren, müssten durch eine Desinfektionssperre. Zum Schutz vor der Verschleppung der Tierseuche ist es fremden Personen untersagt, das Gelände zu betreten. Ministerium und Landrat Torsten Wendt  appellieren dringend, sich daran zu halten.

Am Nachmittag rückte eine Spezialfirma an, die sich um das so genannte Keulen der Puten sowie deren Entsorgung kümmerte. 25 Mitarbeiter begannen mit den Vorbereitungen und töteten die ersten Tiere. Mit einem Lkw  wurden die Kadaver abtransportiert worden. Aufgrund der großen Anzahl der betroffenen Tiere wird das Keulen am Dienstag fortgesetzt.

Für den Betrieb sei ein Schlacht- und Verkaufsverbot ausgesprochen worden. Sämtliche vorrätige Ware sei beschlagnahmt worden, berichtete Landrat Torsten Wendt. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden sei, könne er nicht sagen, aber „es wird eine erhebliche Summe sein“. Wendt: „Wir haben harte Entscheidungen treffen müssen und hoffen, dass wir dadurch möglichst schnell die Seuche eindämmen können.“ Der betroffene Betrieb möchte sich derzeit nicht zu den aktuellen Geschehnissen äußern.

Am Dienstag werde für einige Gemeinden der Katastrophenvoralarm ausgelöst, kündigte Wendt an. Das habe aber vorrangig den Grund, dass der Landrat dadurch besondere Befugnisse erhalte, die ihm einen besonderen Zugriff auf  Personal und Sachmittel  ermöglichen. Rund 50 Personen waren am Montag im Einsatz. Viele von ihnen werden auch am Dienstag noch vor Ort sein. Die Sperrung der Süderauerdorfstraße bleibe vorerst bestehen. Torsten Wendt bat alle Bürger, sich dringend an die Vorschriften zu halten. Ob die Maßnahmen erfolgreich seien, würden die nächsten Tage zeigen. Ständig werden Proben genommen und untersucht. Noch am Montagabend tagte der Katastrophenstab im Kreishaus, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Das Virus verändert sich

Mit dem neuen Virus sei nach FLI-Einschätzung genauso umzugehen wie mit dem bisher wiederholt aufgetretenen hochaggressiven Subtyp H5N8, sagte eine Ministeriumssprecherin. H5N5 sei bisher nur bei Wildvögeln in den Niederlanden, in Montenegro, Italien und Kroatien sowie jetzt auch bei einer Nonnengans in Brunsbüttel festgestellt worden, aber noch nie in einer geschlossenen Anlage wie nun im südwestlichen Schleswig-Holstein. „Also sind wir wieder einmal die ersten“, sagte Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Montagabend.

„Dieser Befund zeigt, wie dynamisch das Geflügelpestgeschehen ist“, erklärte Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). „Das Virus ist weiterhin vorhanden und verändert sich.“ Der Betreiber hat den Angaben zufolge vier Haltungen mit insgesamt 33.000 Puten. In der ersten betroffenen Haltung mit rund 3400 Tieren waren am Samstag erste Tiere gestorben, innerhalb von 48 Stunden war mehr als die Hälfte verendet. An einer nahegelegenen Haltung des Betreibers mit etwa 15.000 Tieren wurden die ersten Puten am Montagfrüh verendet aufgefunden. Bei ihnen wurde der Erreger H5 nachgewiesen. Die Tötung der Tiere sollte bis Dienstag dauern.

Wie das Virus in die Anlage gelangte, blieb zunächst unklar. Ein Expertenteam des FLI soll epidemiologische Untersuchungen vornehmen und dabei alle möglichen Eintrags- und Verbreitungswege berücksichtigen. Die wahrscheinlichste Erklärung sei, dass etwas „aus der Natur“ in die Anlage gelangt sei, meinte Habeck.

Infektion über Geflügel-  oder Futtertransporte?

Doch es gibt auch andere Theorien. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hält es für grob fahrlässig, dass das FLI an der Theorie der Übertragung  durch Wildenten entlang von Vogelfluglinien festhält, nicht aber die mögliche Infektion über Geflügel- oder Futtertransporte untersuche. 

„Es bestehen intensive Handelsbeziehungen nach Südostasien, wo das Virus grassiert“ gibt Schleswig-Holsteins Nabu-Chef Ingo Ludwichowski  zu Bedenken. Angesichts der Zustände in Intensivtierhaltungen mit  zu hoher Besatzdichte sei eine Mutation der Stämme zu erwarten gewesen. Habeck will eine Virusverbreitung über Handelswege nicht grundsätzlich ausschließen. Es werde in alle Richtungen untersucht, versprach der Minister.

Der Kreis Steinburg richtete am Montag einen Sperrbezirk von mindestens drei Kilometern und ein Beobachtungsgebiet von weiteren mindestens sieben Kilometern ein. Die Polizei sperrte den Betrieb zudem ab. Es ist fremden Personen untersagt, das Gelände zu betreten. Auch Haustierhalter sollten auf ihre Vierbeiner achten; Hunde dürfen nicht ohne Leine laufen, Katzen sollten möglichst im Haus gehalten werden.

Hintergrund: Geflügelpest in Schleswig-Holstein

Der Geflügelpest-Erreger des Subtyps H5N8 war am 8. November 2016 erstmals in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden. Seitdem wurde er in zwei Geflügelhaltungen in Schleswig-Holstein, darunter eine kleine Hobbyhaltung, nachgewiesen. Die Tiere wurden der Geflügelpest-Verordnung entsprechend getötet.

Zudem gab es Nachweise der niedrigpathogenen aviären Influenza des Subtyps H5 in drei Tierhaltungen. Auch hier mussten die Tiere getötet werden, um zu verhindern, dass Viren des Subtyps H5 in dem Geflügel spontan zu einer hochpathogenen Form mutieren und sich weiterverbreiten.

Auch bei einigen Wildvogelarten wurde die Geflügelpest nachgewiesen: Reiher-, Stock-, Eiderente, Säger, Gans, Möwe, Schwan, Seeadler, Bussard und Eulen.

 

Die Restriktionszonen – also Sperrbezirke im Umkreis von mindestens drei Kilometern um den Fundort eines infizierten Wildvogels und Beobachtungsgebiete im weiteren Umkreis von mindestens sieben Kilometern – werden von den Kreisveterinärbehörden angepasst. „Das ist nach mehr als zweieinhalb Monaten Geflügelpest für alle Beteiligten, insbesondere für die Geflügelhalter und Geflügelhalterinnen, eine große Belastung“, sagte Habeck.

Die Kreise überprüfen regelmäßig, ob in ihren Gebieten noch verendete Wildvögel mit H5N8 oder anderen Subtypen gefunden werden. Erst, wenn es über längere Zeiträume keine Nachweise mehr gegeben hat, können bestimmte Maßregeln gemäß Geflügelpest-VO gelockert werden.

Nach Einschätzung des FLI handelt es sich in dem neuen Fall um ein Mischvirus, das auf Basis des ursprünglichen H5N8 entstanden sei. Bisher wurden nach Angaben des Kieler Ministeriums weltweit keine Fälle von Infektionen mit diesem Subtyp beim Menschen beobachtet. Mischviren von aviären Influenzaviren entstehen, wenn in einem infizierten Tier mehrere Virus-Subtypen zeitgleich auftreten und bei ihrer Vermehrung Erbmaterial austauschen. Das Auftreten dieses Virus-Subtyps sei laut FLI nicht überraschend und ändere weder die Risikoeinschätzung des Instituts zur Geflügelpest noch die Empfehlungen zu Gegenmaßnahmen, gab das Ministerium an.

Letzte Woche wurde ein toter Bussard mit dem Geflügelpest-Erreger H5N8 in Hamburg gefunden. Den aktuellen Stand über die Sperr- und Beobachtungsgebiete in SH finden Sie hierfür Hamburg gibt es die Übersicht hier.

Fragen und Antworten zur Vogelgrippe:

Ist die Vogelgrippe für den Menschen gefährlich?

Das hängt vom Erreger ab. Zudem hatten die meisten der an Influenza erkrankten Menschen engen Kontakt zu krankem oder verendetem Geflügel. Mediziner gehen davon aus, dass Säugetiere und Menschen sehr große Virusmengen aufnehmen müssen, um sich zu infizieren.

Am hochpathogenen Erreger H5N1 erkrankten laut Weltgesundheitsorganisation seit 2003 weltweit rund 850 Menschen, etwa 450 starben. Für den hochpathogenen Erreger H5N8 sind bislang weltweit keine Erkrankungsfälle bekannt. Augenmerk richten die Forscher auf H7N9. Als niedrigpathogene Variante bleibt er im Geflügel lange unauffällig, kann aber beim Menschen zu Erkrankungen und Todesfällen führen. Seit 2013 wurden weltweit knapp 800 erkrankte Menschen registriert, mehr als 300 starben an H7N9.

Kann ich jetzt noch Fleisch und Eier essen?

Bislang ist nach Angaben des zuständigen Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Ostsee-Insel Riems kein Fall bekannt, bei dem H5N8 auf den Menschen übertragen wurde. Dennoch könne eine Empfänglichkeit des Menschen nicht völlig ausgeschlossen werden. Eine Ansteckung über infizierte Lebensmittel ist nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung „theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich“.

Angst vor dem Verzehr von Geflügelfleisch oder Eiern muss der Verbraucher nicht haben. Das Virus ist hitzeempfindlich und hält Temperaturen von mindestens 70 Grad nicht stand. Durchgegartes Fleisch und hartgekochte Eier können also bedenkenlos genossen werden. Wer ganz sichergehen will, sollte auf Produkte mit rohen Eiern wie etwa Tiramisu vorerst verzichten.

Worin unterscheidet sich der jetzige Ausbruch von der Geflügelpest 2006?

Anfang 2006 war die Geflügelpest, auch Vogelgrippe genannt, schon einmal in aller Munde. Damals hatte sich der aus Asien stammende Erreger H5N1 rasant über Sibirien bis nach Deutschland ausgebreitet. Auch Schleswig-Holstein war 2006 betroffen. Im Kreis Ostholstein wurden damals zwei tote Enten gefunden, die mit einer Variante des Erregers infiziert waren. Auf der Insel Rügen, wo 2006 die ersten deutschen Fälle der Vogelgrippe auftauchen, wurde nach kurzer Zeit der Notstand ausgerufen. Dort wurden immer wieder infizierte Wildvögel gefunden. Auf der Insel wurden massenweise Nutzvögel vorsorglich getötet. Nachdem das Virus in einem sächsischen Mastbetrieb ausgebrochen war, werden auch dort Zehntausende Tiere gekeult. 

In Deutschland infiziert sich 2006 kein Mensch mit dem H5N1-Virus.

Ist die Vogelgrippe immer gleich gefährlich?

Nein. Es gibt niedrigpathogene (gering krankmachende) und hochpathogene (stark krankmachende) Varianten und verschiedene Subtypen. Gefährlich können die Influenzaviren der Subtypen H5 und H7 werden. Geringpathogene Influenzaviren dieser beiden Subtypen verursachen bei Hausgeflügel kaum oder nur milde Krankheitssymptome. Allerdings können diese Viren zu einer hochpathogenen Form der klassischen Geflügelpest (Vogelgrippe) mutieren. Die Krankheit ist für Hausgeflügel hochansteckend und verläuft mit schweren allgemeinen Krankheitszeichen. Aktuell haben wir es in Deutschland mit einem hochansteckenden Erreger zu tun.

Wie kann die Vogelgrippe nach Deutschland kommen?

Wildlebende Wasservögel sind das natürliche Reservoir für die niedrigpathogenen Vogelgrippe-Erreger. Es ist davon auszugehen, dass Zugvögel das Virus großflächig verbreiten. Der aktuelle Ausbruch steht nach Einschätzung des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, im Zusammenhang mit dem Vogelzug. Der Import von infiziertem Futter oder Eiern spielt demnach bei den aktuellen Fällen im Wildvogelbereich eher keine Rolle.

Bei jedem Ausbruch bei Nutzgeflügel werden laut FLI mögliche Eintragungsquellen wie Futter und Einstreu untersucht. Ist der Erreger in der Wildvogelpopulation vorhanden, kann er direkt und indirekt - etwa über den Kot infizierter Wildvögel - übertragen werden. Daher sollte Futter für Nutzgeflügel nicht frei gelagert werden. Wildvögel sollten keinen Zugang zum Trinkwasser von Nutzgeflügel haben und Menschen über Seuchenmatten Ställe betreten.

Kommt die Vogelgrippe häufiger in Deutschland vor als früher? 

Durch die verbesserte Diagnostik werden heute mehr Fälle bekannt. Nach Einschätzung des FLI hat die Zahl und Schwere der Ausbrüche seit den 1990er Jahren aber auch zugenommen. Eine Ursache könnte die Art der engen Tierhaltung in Südostasien sein.

Wie wird die Geflügelpest übertragen?

Die Geflügelpest ist ein für Hühner, Puten und andere Vogelarten hochansteckendes Virus. „Wie jedes andere hochpathogene Virus hat es eine Veränderung im Genom, so dass es sich schnell im gesamten Tier ausbreitet und dann zum Tode führt“, sagt Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts.

Infizierte Vögel scheiden das Virus über die Atemwege sowie Sekrete und Exkrete aus. Daher breitet sich das Virus schnell aus, wenn ein infiziertes Tier eng mit anderen Tieren in Kontakt steht. Das ist zum Beispiel in der Stallhaltung aber auch beim Transport des Geflügels der Fall.  

Auch indirekt kann das Virus übertragen werden – beispielsweise über ungereinigte Kleidungsstücke, Fahrzeuge, Transportkisten, Mist und Futter.

Wie kann man sich vor dem Virus schützen?

Es wird dringend dazu geraten, Vogelkadaver nicht mit den bloßen Händen zu berühren. In betroffenen Gebieten sollte zudem der direkte Kontakt zu Wildvögeln, etwa zur Fütterung, gemieden werden. Tote Tiere sollten den örtlichen Behörden gemeldet werden.

Betroffenen Tieren sollte sich nur in entsprechender Schutzkleidung genähert werden. Das zuständige Friedrich-Loeffler-Institut empfiehlt zudem Menschen, die in Kontakt zur Geflügelzucht stehen, eine Influenza-Schutzimpfung.

Woran erkennt man infizierte Tiere?

Die Symptome des H5N8-Erregers können vielfältig und von Art zu Art unterschiedlich sein. Bei Hühnervögeln ist auf ein stumpfes, gesträubtes Federkleid zu achten, auch voranschreitende Teilnahmslosigkeit der Tiere ist ein Indiz auf eine Infektion mit dem Virus. Verweigerung von Futter und Wasser sowie Fieber, Atemnot, Niesen, Durchfall und Ausfluss aus Augen und Schnabel deuten ebenfalls auf eine Infektion des Tieres hin. Schließlich sind auch zentralnervöse Auffälligkeiten wie Gleichgewichtsstörungen oder eine ungewöhnliche Kopfhaltung bei den Tieren Anzeichen für die Erkrankung. Bei Enten und Gänsen können sich ähnliche Symptome zeigen, sie erkranken jedoch häufig weniger schwer. Hier führt die Krankheit nicht immer zum Tod des Tieres.

Welche Maßnahmen haben die Kreise erlassen?

In Schleswig-Holstein gilt ein Aufstallungsgebot, Geflügel muss in Ställen untergebracht werden. Nach einem Vogelgrippe-Fund werden rund um den Fundort Sperrzonen (drei Kilometer Umkreis) und Beobachtungsgebiete (zehn Kilometer Umkreis) eingerichtet. In diesen Gebiete darf kein Fleisch und kein Geflügelmist transportiert werden, außerdem dürfen Katze und Hunde nicht frei herumlaufen.

 
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erstellt am 24.Jan.2017 | 07:10 Uhr

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