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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 03:33 Uhr

Itzehoe : Gefährliche Fahrt im Lkw

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Verkehr aus der Sicht eines Lkw-Fahrschülers: Nach zuletzt zwei schweren Unfällen in Itzehoe waren wir bei einer Lkw-Fahrstunde dabei.

Schon der Einstieg ist beeindruckend. Das Wort Aufstieg wäre allerdings treffender. Drei Gittertrittbretter müssen wie eine Leiter erklommen werden, bis Dennis Steffens auf dem gefederten Fahrersitz des Fahrschul-Lkw Platz nehmen kann – rund drei Meter über dem Asphalt. Sein Ausbilder, Sönke Junge (51), setzt sich in die Mitte, Rundschau-Redakteur Sönke Rother bleibt der rechte Platz. Der schwere Schulwegunfall vor eineinhalb Wochen und der Unfall mit einer 76-jährigen Radfahrerin am Adler Mitte Juli waren Anlässe, sich selbst ein Bild aus der Fahrerkabine eines 40-Tonners zu machen. Ein 15-jähriger Schüler war an der Einmündung der Bargkoppel in den Lübschen Brunnen unter einen Laster geraten und schwer verletzt worden. Wie blickt man aus dem Lkw auf die Straßen der Stadt, was muss der Fahrer alles beachten und wie reagieren die anderen Verkehrsteilnehmer? Wolfgang Hinz, Geschäftsführer der Fahrschule des Verkehrsinstituts Nord, war sofort bereit, eine Mitfahrt zu organisieren.

Heute geht es durch die engen Straßen Itzehoes. „Da wird schnell deutlich, wie viel Platz man mit dem Fahrzeug braucht. Und mit Anhänger ist es sogar noch mehr“, erklärt Junge, der seit 1990 als Fahrlehrer tätig ist. Für den Fahrer bedeutet das höchste Aufmerksamkeit. „Er muss nicht nur nach vorne und seitlich alles im Blick haben. Er muss auch immer darauf achten, was hinter ihm passiert, wie der Zug läuft.“ Mit Anhänger liegt das Ende schließlich fast 20 Meter hinter dem Mann am Steuer.

Steffens legt den Gang ein – eine von bis 18 verschiedenen Übersetzungen, die schaltbar sind. Allein das würde manchen Autofahrer schlicht überfordern. Langsam rollt der Lkw von der Auffahrt der Fahrschule in Itzehoe-Wellenkamp. Blick links, Blick rechts. Dennis Steffens ist hochkonzentriert. Der junge Mann führt seit 2010 sein eigenes Erdbau-Unternehmen. Jetzt braucht er dafür einen Lkw-Führerschein. „Das ist schon etwas anderes als Auto fahren“, sagt er. Eigentlich kann man von hier oben alles gut überblicken, aber andererseits ist es auch ganz schön unübersichtlich.“

Das liegt auch an den sechs Spiegeln, die der Fahrer im Lkw im Blick haben muss: zwei auf der Fahrerseite und vier auf der Beifahrerseite. Damit kann Dennis Steffens sowohl vor das Fahrzeug, als auch an der rechten Seite senkrecht hinunter sehen. „Das verkleinert den toten Winkel, aber ausschließen kann man ihn nie ganz“, sagt Junge. Auch deshalb finden in den Schulen immer wieder Aktionen zum toten Winkel statt. Es reicht nicht, dass der Fahrer im Lkw versucht, alles im Blick zu haben. Auch die anderen Verkehrsteilnehmer müssen mitdenken. „Gerade Kindern ist es oft gar nicht bewusst, dass sie vom Fahrer nicht gesehen werden“, sagt auch Wolfgang Hinz. Niemand baue freiwillig einen Unfall. Meist sei es eine unglückliche Verkettung der Umstände und von Unachtsamkeiten.

Das wird in der De-Vos-Straße klar. Ein kleines Mädchen überquert in rund drei Metern Entfernung auf dem Zebrastreifen die Straße. Nur der schwarze Lockenkopf ist zu sehen. Einen Meter näher und die Kleine wäre „unsichtbar“. Dennis Steffens ist aufmerksam, hat alles im Blick. Er lenkt in Richtung Innenstadt.

Kamper Weg, Wellenkamper Chaussee, dann geht es von der Adenauerallee rechts in die Schumacherallee und schließlich in das enge Labyrinth. Beim Rechtsabbiegen an der Großen Paaschburg grinst Sönke Junge. „Hier ist es richtig eng. Das Absperrgitter muss alle paar Wochen erneuert werden, weil ein Lkw-Fahrer seinen Zug nicht richtig eingeschätzt hat.“ Mit seinem Gespann befinde man sich gerade beim Abbiegen fast immer im Gegenverkehr. „Wer da nicht aufpasst, ist auch mit dem Heck schnell auf dem Kantstein. Wenn dort jemand steht...“, sagt Junge und wird wieder ernst.

Langsam geht es weiter. Die 480 PS des MAN-Trucks werden im Straßenwirrwarr kaum benötigt. Nicht einmal die erlaubten 50 Stundenkilometer sind mit dem Lkw, der schon leer 13 Tonnen wiegt am Amtsgericht zu erreichen. Zu gefährlich. Und: „Mit dem Lkw wird es schnell eng“, sagt der Fahrlehrer. Das wird schon beim nächsten Abbiegen von der Bergstraße in die Breitenburger Straße wieder klar. Einen großen Bogen lenkt Steffens und nutzt dabei die gesamte Gegenfahrbahn. Der Blick in einen der zahlreichen Spiegel zeigt: hinten ist nicht mehr viel Platz zwischen Lkw und Bürgersteig. Junge analysiert trocken: „Ein Anhänger wäre jetzt schon über den Kantstein gehoppelt.“

Die Fahrbahn wird breiter, Dennis Steffens entspannt sich. Es geht zurück nach Wellenkamp. Für den Fahrschüler folgt nach praktischer Fahrt der Theorieteil direkt am Laster. Ende des Monats will er die Prüfung ablegen. Die Ausbildung ist umfangreich, für Berufsfahrer sind immer wiederkehrende Qualifikationen notwendig. Lkw-Fahrer stehen unter ständiger Beobachtung und sind sich ihrer Verantwortung bewusst. „Wenn aber etwas passiert, ist es meist umso schrecklicher. Das brennt sich ein“, sagt Sönke Junge.

Dann stoppt der Truck. Der Abstieg beginnt. Drei Stufen auf den Asphalt – und auf den Boden der Tatsachen. Es ist enorm, auf was ein Lkw-Fahrer alles achten muss. Im Auto sind wir mal eine, oder zwei Stunden unterwegs. Die Trucker sitzen acht Stunden am Tag hintern Steuer. Hochkonzentriert, alles im Blick. Niemand riskiert freiwillig oder mutwillig einen Unfall. Der Traum von Freiheit, vom Leben auf der Landstraße ist ein schöner Traum. Kraftfahrer ist ein Knochenjob.

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erstellt am 19.Sep.2016 | 05:32 Uhr

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