zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

07. Dezember 2016 | 13:41 Uhr

Schleswig-Holstein Musik Festival : Fröhlichkeit vor den Altar gebracht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Wiener Sängerknaben überzeugen mit anspruchsvollem Programm bei Konzert vor vollem Haus in der Itzehoer St. Laurentii-Kirche

Zuletzt waren die Wiener Sängerknaben vor knapp 17 Jahren in Itzehoe. Ihr jetziger Auftritt im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals zeigt den diskreten Wandel dieses österreichischen Kultur-Exportschlagers. Unter den 24 Knaben des Haydn-Chors (einer von vier Sängerknaben-Chören) finden sich auch Nicht-Österreicher. Die weltweite Migration geht nicht an diesem österreichischen Traditionshort vorbei.

„Brücken schlagen“ – mit diesem Motto hatte Pastorin Wiebke Bähnk die Kinderkünstler und ihren asiatischen Dirigenten Jimmy Chiang begrüßt. An keiner Stelle des zweistündigen Konzerts wurde dieses Motto deutlicher als bei Johann Strauß' „Radetzky-Marsch“, bei dem der indische Sängerknabe Rishan mit sichtbarem Vergnügen das Piano- und Forte-Mitklatschen des Publikums in der bis auf den letzten Platz gefüllten St. Laurentii-Kirche dirigierte.


Ein Programm, das Brücken schlägt


Das entwickelte jenen unwiderstehlichen kindlichen Charme, der auch an anderen Stellen des Programms aufblitzte. Und zwar immer dann, wenn die Knaben sich nicht wie ausgebuffte Singprofis, sondern wie Jungs verhielten. Da ließ hier und dort mal einer der Knaben seinen Blick durch das Kirchenschiff wandern und mag das norddeutsch-protestantische „Tiefkühlbarock“ mit Wiens Prachtbarock verglichen haben. Diese Unkonzentriertheiten machen den Chor menschlich. Das war auch den strahlenden Augen der neun- bis 13-jährigen Knaben anzusehen, als sie nach zwei Zugaben die Kirche durch den Mittelgang verließen, flankiert vom begeistert applaudierenden Publikum. Da verwandelten sich die engelsgleich singen könnenden Knaben-Künstler zu feixenden „Jungs“, voller Stolz und Staunen. Ohne jeden Schmäh.

 

Das Programm illustrierte Pastorin Bähnks Begrüßungssatz von der Musik, die Brücken schlägt – zwischen Zeiten, Ländern, Kulturen, Religionen und Menschen – etwas, „was wir gerade jetzt nötiger denn je brauchen“. Von den geistlichen Motetten und Kantaten schlugen die Knaben, von ihrem Dirigenten teilweise am Klavier begleitet, die Brücke hin zu den unterhaltsamen Polkas und Märschen. Wer so rein und sicher singen kann, wer so fein differenzieren kann und so variabel im Tempovermögen ist, schafft locker den Spagat zwischen dem Tiefreligiösen und dem Fetzig-Temperamentvollen.

Höchst anspruchsvoll begann das Konzert mit einem vierstimmigen Doppelchor von Jacobus Gallus (1550 – 1591), einem gregorianischen Antiphon, teils vom Altar, teils unter der Empore gesungen. Sie beherrschen das geistliche Repertoire. Aber die Knaben können neben den ergreifenden Volksliedern (zum Beispiel aus dem Burgenland oder aus Kroatien) auch „Boulevard“, hier in Form von Zigeunerweisen. Trotz gewisser Intonationstrübungen und trotz der katholischen Askese-Lieder blitzte dann eben, ganz wie es zu Haydn passt, der Schalk durch. Der hatte auf die Gretchen-Frage nach seiner Frömmigkeit geantwortet: Der Gedanke an Gott mache ihn fröhlich. Und diese Fröhlichkeit brachten die Knaben in die Kirche, ein Klasse-Brückenschlag. Respekt!

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen