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Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 02:56 Uhr

Flüchtlingshelfer für einen halben Tag

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit einer irakischen Familie aus Wilster beim Bundesamt für Migration in Boostedt – ein Erfahrungsbericht

Die Familie steht pünktlich um 7 Uhr in der Rathausstraße. Vater, Mutter und den 13 Jahre alten Sohn hatte mir Knud Jüstel angekündigt, als er nur wenige Tage zuvor telefonisch um Hilfe nachfragte. Jüstel ist der ehrenamtliche Flüchtlingsbeauftragte für die Wilstermarsch und braucht an diesem Tag meine Unterstützung.Die Flüchtlinge aus dem Irak müssen wegen ihres Asylantrags in aller Herrgottsfrühe beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Boostedt bei Neumünster antreten. Nur wie sollten sie dort hinkommen? Die Helferkreise kennen das Problem. Immer wieder müssen sie Fahrdienste organisieren. Für diesen Tag stehe ich als Letzter auf Jüstels Liste. Es ist ein Jahr her, da hatte ich mich für solche Zwecke angeboten – wenn mal Not am Mann ist. Heute ist es soweit. Alle anderen Helfer waren ausgebucht oder unabkömmlich. Also: kein Problem. Boostedt ist ja nicht weit. Wie lange das dort denn erfahrungsgemäß so dauere? Ein oder zwei Stunden? Dann wäre man mittags ja wieder zurück, sind die Fragen, die ich mir stelle.

Unüberwindbare Sprachbarriere

Am Treffpunkt in der Rathausstraße wartet aber schon die erste Hürde auf mich. Die Familie hat unerwartet auch das zweijährige Töchterchen im Schlepptau. Diskussionen über einen vielleicht fehlenden Kindersitz erübrigen sich. Die Iraker sprechen perfekt arabisch, aber kein Wort deutsch oder englisch. Auch der Junior ist in Sachen Sprachkenntnisse trotz einem Jahr in Deutschland und dem Besuch der DAZ-Klasse kaum einen Schritt weiter gekommen. Immerhin ist alles andere gut vorbereitet. Dokumente und Papiere sind griffbereit, ein Zettel weist mich als den zuständigen Begleiter für diesen Tag aus. Vorsorglich hat Knud Jüstel noch einen Ersatzfahrer aus Wilster organisiert, falls es wider erwarten länger dauern sollte. Das erweist sich als sehr weitsichtig, wie ich später noch erfahren werde.

Verwaistes Kasernengelände

Jetzt aber drängt die Zeit, vor Itzehoe herrscht der frühmorgendliche Stau. Immerhin kann von dem Termin ja das weitere Leben der Familie abhängen. Pünktlich treffen wir aber am Tor zur ehemaligen Kaserne ein. Das freundliche Wachpersonal checkt die Namen der Flüchtlinge, kassiert meinen Personalausweis und überreicht mir im Gegenzug einen Besucherausweis. Das Fahrzeug solle bitte unweit der Einfahrt abgestellt werden. Aus Sicherheitsgründen, sonst hätte es erst noch durchsucht werden müssen. Aber frische Luft ist ja gesund, eine verwaiste Kaserne allerdings auch beachtlich groß. Ein paar hundert Meter Fußmarsch bis zur nächsten Kreuzung, nach links abbiegen und dann der fünfte Block. Auch hier werden wir von freundlichem Security-Personal empfangen. Ansonsten scheint die gesamte Kaserne menschenleer zu sein. Um 8.30 Uhr, so steht es in der Ladung des Bundesamtes, sollte die Familie aus Wilster sich melden. Das Wartezimmer ist leer, was mir Hoffnung macht, dass der Zeitrahmen überschaubar bleibt. Die irakische Familie nimmt wortlos Platz. Eine gute Gelegenheit für mich, sich mal auf der Wache nach dem weiteren Ablauf zu erkundigen. Die Entscheider sitzen im ersten Stock, erfahre ich. Zehn davon gibt es, wenn alle da sind. „Und wie lange dauert so eine Befragung?“ Eine bis sieben Stunden lautet die spontane Antwort. Meinen entgeisterten Blick kontert der Wachmann mit dem Hinweis, dass ich doch eine ehrliche Antwort haben wolle. Schließlich, so folgt noch eine kurze Erklärung, würden die Entscheider oft mit langen und mitunter auch dramatischen Lebensgeschichten konfrontiert. Auch seien oft viele Familienangehörige dabei. Und: Es müsse ja alles erst einmal übersetzt werden.

Leere im Wartezimmer

Die Leere im Wartezimmer macht mir dennoch weiter Hoffnung. Bislang ist nur eine weitere Familie eingetroffen. Der erste Entscheider erscheint, mit einem Dolmetscher. „Meine Iraker“ sind aber noch nicht an der Reihe. Nach zwei weiteren Stunden Wartezeit ist das Wartezimmer noch immer nicht voll. Dafür läuft vor dem Gebäude zum dritten Mal ein älterer Herr offensichtlich schimpfend vorbei. Er hat einen Zettel in der Hand und sucht einen Arzt. Den gebe es hier nicht, sagt die Wache. Es folgt eine Familie mit vielen Kindern. Die suchen den Bahnhof. Auch den gibt es hier nicht. Ansonsten verfestigt sich mein erster Eindruck: Die Kaserne ist wie ausgestorben. Aus dem Wartezimmer erklingen endlich einmal vertraute Klänge. Ein ehrenamtlicher Helfer spricht plattdeutsch in sein Handy. Er ist mit einem syrischen Ehepaar ganz aus Nordfriesland angereist. Glück für ihn: Seine Schützlinge sprechen schon sehr gut deutsch – ein Ärzteehepaar.

Ungeduldige Begleiter

Dreieinhalb Stunden später: „Meine Iraker“ scheinen Wartezeiten gewohnt zu sein. Sie bleiben einfach sitzen – wie bestellt und noch immer nicht abgeholt. Es seien ohnehin immer die Begleiter, die ungeduldig werden, erfahre ich von den wirklich sehr netten Wachleuten. Im Flur fällt mir ein junger Mann auf, der offenbar der deutschen Sprache mächtig ist. Wo er denn her käme? „Aus Elmshorn“, kommt die akzentfreie Antwort. Dort lebe er mit seinen Geschwistern seit 27 Jahren. Jetzt sei er mit seinen Eltern hier, weil die – nach ebenfalls 27 Jahren – wieder in den Libanon zurück sollten. Dorthin, von wo sie vor genau diesen 27 Jahren dem Bürgerkrieg entkommen sind. Dabei sei dort noch immer die Terrormiliz Hisbollah aktiv. Und Verwandte gebe es in der alten Heimat auch keine mehr. Nur eine Tante, die inzwischen in einem Altersheim lebe. Mit seinen alten Herrschaften ist der junge Mann pünktlich um 11 Uhr zum Anhörungstermin erschienen. Wann meine Leute ihren Termin hätten?, fragt er. „Um 8.30 Uhr“, entgegne ich ihm. Der Elmshorner schaut unglücklich, zumal auch sein Anwalt gerade telefonisch abgesagt hat.

Von der Wache gibt es immerhin die beruhigende Information, dass es keine lange Mittagspause gebe. Allerdings könne man bei den Entscheidern auch nicht nachfragen, wie lange es noch dauern werde. Nur gut, dass Knud Jüstel für Ablösung beim Fahrdienst gesorgt hat, die sich nach kurzer telefonischer Abstimmung dann auch von Wilster auf den Weg nach Boostedt macht. Später erfahre ich dann, dass „meine Iraker“ gegen 17 Uhr endlich durch waren. Mit welchem Ergebnis ist allerdings noch unbekannt.

Das Fazit

Auf der Rückfahrt fällt mir indes ein, was der Elmshorner mir von seinem Vater erzählt hatte. Der solle jetzt wieder in seine alte Heimat zurück, aber habe nach 27 Jahren endlich eine Arbeitsgenehmigung bekommen. Allerdings sei sein alter Herr inzwischen auch schon 72 Jahre alt. Was sind solche Geschichten und Probleme schon gegen vier Stunden Beine in den Bauch stehen. Und was ist ein halber Tag gegen die vielen hundert Stunden, die all die anderen Flüchtlingshelfer schon investiert haben. Wenn Knud Jüstel wieder anruft, helfe ich gerne. Vielleicht hat das Bundesamt bis dahin ja auch noch ein paar Euro für einen Kaffeeautomaten übrig.

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erstellt am 14.Okt.2016 | 16:02 Uhr

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