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Norddeutsche Rundschau

02. Dezember 2016 | 19:12 Uhr

Seehundstation Friedrichskoog : Fisch futtern für die Forschung

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Aufzucht von Heulern in der Seehundstation Friedrichskoog auf Rekordniveau / Leitung hat Personalsorgen

So begeistert wie Nemi und Mareike robbt wohl kaum jemand zur medizinischen Untersuchung: Ruckzuck sind die 10-jährige Kegelrobbe und die 14-jährige Seehündin auf Kommando per Ultraschallpfeife bei Trainerin Ulrike Meinfelder und lassen sich gründlich untersuchen. Zunächst wird die empfindliche Bauchmuskulatur abgetastet, anschließend folgt ein prüfender Blick ins Maul.

Für ihre Kooperation haben die Tiere einen guten Grund: Am Gürtel der Tiertrainerin baumelt ein Behälter mit viel frischem Fisch. Für jedes befolgte Kommando kommt gleich die Belohnung. Sehr zur Freude der Besucher auf der Zuschauertribüne der Seehundstation Friedrichskoog ist Nemi zwischendurch ungeduldig und bedient sich schon mal selbst, während Ulrike Meinfelder sich zu Mareike beugt.

Die Fütterung der ausgewachsenen Tiere gehört zu den täglichen Highlights für Besucher der Station. Die Mitarbeiter kommentieren die „Show“ und vermitteln Wissen über die Tiere und ihren Lebensraum. „Das zeigt gleich den Dreiklang unserer Aufgaben hier: Forschung, Aufklärung, Aufzucht“, sagt Stationsleiterin Tanja Rosenberger. „Die Tiere, mit denen wir trainieren, leben dauerhaft bei uns und werden für Forschungsprojekte eingesetzt.“ So untersuchte zum Beispiel ein Forscherteam, das Hörvermögen, um die Belastung wildlebender Seehunde durch Lärm von Schiffen und Offshore-Anlagen besser einschätzen zu können.

Die Aufklärung der Bevölkerung über Seehunde, Robben und das Wattenmeer ist das zweite große Aufgabenfeld der Station. Dieser Bereich wird bald räumlich und inhaltlich erweitert. „Wir überarbeiten unsere naturkundliche Dauerausstellung“, sagt Rosenberger. Die aktuelle Ausstellung sei in Teilen nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die neuen Räume werden barrierefrei und mit mehr interaktiver Ausstellungstechnik gefüllt sein, erklärt die Biologin.

Für ihr drittes Aufgabenfeld ist die Station vor allem bekannt: Nach Friedrichskoog werden Heuler – junge Seehunde, die an Stränden ohne Muttertiere aufgefunden werden – zur Aufzucht gebracht. Deutlich über 250 Tiere im Jahr versuchen Rosenberger und ihr Team möglichst naturnah zu pflegen und wieder auszuwildern. In 90 Prozent der Fälle sind sie erfolgreich. In der Station ist der Aufzuchtbereich der Jungtiere für Besucher nicht zugänglich. Zu groß wäre die Gefahr, dass Krankheitserreger eingeschleppt werden. „Wir möchten außerdem nicht, dass die Tiere sich zu sehr an Menschen gewöhnen.“ Schließlich sollen sie wieder eigenständig im Wattenmeer leben. „Die Besucher können aber über Videokameras alles beobachten.“

Die Heulersaison neigt sich langsam dem Ende zu. Die Zahl der Tiere in der Station geht zurück. „Es kommen jetzt weniger Jungtiere rein als wir auswildern“, sagt Rosenberger. Das sei auch gut so, denn das Team der Station sei nach anstrengenden Sommermonaten ziemlich erschöpft. „Wir haben eine neue Rekordzahl an Heulern versorgt und das mit wesentlich weniger Personal als früher. Das geht schon an die Substanz.“ Abends um halb elf werden die Tiere zuletzt gefüttert. Morgens um halb vier müssen sie bereits wieder betreut werden.

Das dafür nötige Personal zu finden, bereite große Probleme, berichtet Rosenberger. Grund sei vor allem das Mindestlohngesetz. „Das ist für gemeinnützige Einrichtungen wie unsere überhaupt kein Segen“, sagt die Biologin. Früher hätten jedes Jahr mehrere Praktikanten mitgeholfen. Meist waren es junge Leute, die auf einen Studienplatz für Biologie oder Tiermedizin im Herbst warteten und die Übergangszeit dafür nutzten, praktische Berufserfahrung zu sammeln. „Die kamen dann im Frühjahr, konnten in Ruhe eingearbeitet werden und waren dann für mehrere Monate während der Hauptsaison eine wertvolle Hilfe.“

Nun dürfen unbezahlte Praktika nur noch maximal drei Monate dauern. Zu kurz für die Seehundstation. „Und es ist nicht so, dass Tierpfleger als Saisonkräfte gerade reichlich auf dem Arbeitsmarkt verfügbar wären“, sagt Rosenberger. Zudem könne sich die Station, die von der Gemeinde Friedrichskoog und dem Landesjagdverband betrieben wird, die im Sommer benötigten Vollzeitkräfte kaum leisten. Etwas Entlastung schaffen Bundesfreiwillige und Teilnehmer des Freiwilligen Ökologischen Jahres. „Die leisten tolle Arbeit“, sagt Rosenberger. Die Bedingungen seien aber für jedes Programm anders, die Bewilligung von Plätzen komme nicht selten sehr spät. Auch ehrenamtliche Helfer sind daher willkommen. „Wenn die Zahl der Heuler weiter auf hohem Niveau bleibt, müssen wir aber künftig andere Lösungen finden.“



> Infos zum Verhalten bei Heuler-Funden und alles über die Seehundstation unter www.seehundstation-friedrichskoog.de

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erstellt am 28.Aug.2016 | 16:00 Uhr

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