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Norddeutsche Rundschau

08. Dezember 2016 | 17:12 Uhr

Mietshaus in Itzehoe : Feuchte Decken und lauter Sex: Wie Mieter in Itzehoe in ihrer Wohnung leiden

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Schimmel und ein Bordell: Viele Mieter dieses Mehrfamilienhauses wollen am liebsten nur noch weg. Doch das ist nicht so einfach.

Itzehoe | Dass das graue Mehrfamilienhaus in der Itzehoer Innenstadt nicht in bestem Zustand ist, wird jedem Besucher schon am Eingang klar: Der Garten wirkt ungepflegt, die Scheibe neben der Eingangstür hat große Risse, die Klingelanlage ist defekt. Doch das sind nur einige der Probleme, die Mieter Thomas Fehrs mit dem Gebäude hat. Seit Monaten dränge er den Vermieter zur Beseitigung der Mängel, klagt der Familienvater. Passiert sei bisher kaum etwas. „Wir wollen hier nur noch weg“, sagt er.

Am Anfang habe die Wohnung im ersten Stock einen ganz guten Eindruck auf ihn und seine Lebensgefährtin gemacht, sagt der Vater von zwei Söhnen im schulpflichtigen Alter. „Früher waren das Büroräume. Als wir vor zweieinhalb Jahren eingezogen sind, war hier und da etwas zu machen, aber ich sah keine großen Probleme.“ In Eigenleistung habe er in Absprache mit dem Vermieter eine Küche eingebaut. „Da bin ich schließlich auch vom Fach“, sagt der Küchenmonteur.

Der Vermieter sagte laut Fehrs zu, die alten und defekten Fenster zu reparieren. Ein Fenster zur viel befahrenen Straße vor dem Haus lasse sich nicht schließen, der Verkehrslärm dringe direkt in Wohn- und Schlafzimmer der Familie. Im Winter zieht es „gewaltig“, berichtet Fehrs. Mit Klebeband hat er das Fenster notdürftig abgedichtet. Auch mit anderen Fenstern gibt es Probleme. „Zwischendurch waren Monteure einer Fensterfirma vor Ort. Sie sagten, eine Reparatur sei nicht möglich. Die über 30 Jahre alten Fenster müssten ersetzt werden. Das ist jetzt über ein Jahr her.“

Doch es kam noch schlimmer für die Familie: An einer Außenwand im Kinderzimmer habe er Feuchtigkeit unter der Tapete festgestellt, sagt Fehrs. „Ich habe das oberflächlich mit einem Schimmelspray behandelt, aber das bringt ja nichts auf Dauer.“ Er ist besorgt um die Gesundheit seiner Kinder. „Vom Vermieter kam nur der Ratschlag, ich solle das Bett doch woanders hinstellen.“

Schimmel befürchtet Fehrs demnächst auch in Küche und Bad. Nach einem Leitungsschaden ein Stockwerk höher, tropfte dort das Wasser von der Decke, berichtet er. Der Schaden wurde von einem Klempner repariert. „Meiner Meinung nach muss aber für eine Trocknung der Zwischendecken gesorgt werden“, klagt Fehrs. Passiert sei in dieser Richtung bisher nichts. Mehrere Wochen seien seit dem Rohrbruch inzwischen vergangen.

560 Euro Miete und Nebenkosten zahlt der Familienvater für die knapp 80 Quadratmeter große Wohnung. „Ich kann manchmal gar nicht glauben, dass ich für so eine Bruchbude arbeiten gehe“, sagt er resigniert. Immer wieder habe er den Eigentümer und die Mitarbeiter von dessen Hausverwaltung auf die Mängel hingewiesen. Immer wieder sei er vertröstet worden.

Der Hauseigentümer aus Hamburg lehnte auf Anfrage eine Stellungnahme gegenüber shz.de ab. Über seinen Anwalt lässt er schriftlich mitteilen, er habe von bestehenden Mängeln erst kürzlich erfahren, Reparaturen seien „längst beauftragt“.

Liebesdienste in der Nachbarwohnung

Eine Nachbarin im Haus, die ihren Namen an dieser Stelle nicht lesen möchte, klagt über weitere bauliche Mängel. Sie leidet aber vor allem unter einem anderen Problem, das auch Fehrs und seine Lebensgefährtin belastet. Eine der Wohnungen wird seit einiger Zeit für Prostitution genutzt. Wechselnde Damen bieten dort Liebesdienste an – sieben Tage in der Woche, wie ein einschlägiges Internetportal verrät, und oft bis in die frühen Morgenstunden. „Ich bin leider immer live dabei“, verrät die Frau. Die Wände seien sehr hellhörig.

Prostitution im Mietshaus: Das sagt der Mieterbund

Seit 2002 ist Prostitution in Deutschland legal und damit grundsätzlich auch in Mehrfamilienhäusern erlaubt. Andere Mieter müssen aber relativ wenig Belästigungen durch sogenannte „Wohnungsprostitution“ dulden, erklärt Heidrun Clausen, Geschäftsführerin des Mieterbundes Schleswig-Holstein. „Die Rechtsprechung ist noch nicht ganz eindeutig. Bisherige Urteile gehen aber in diese Richtung.“ 

Clausen rät zu einer  Abmahnung des Vermieters mit konkreter Fristsetzung. Wird diese nicht eingehalten, kann der Mieter die Miete mindern oder auch fristlos kündigen. Das Amtsgericht Osnabrück hat in einem Fall sogar einer Frau Recht gegeben, die fristlos kündigte, obwohl keine konkrete Belästigung vorlag. Eine Abmahnung oder fristgerechte Kündigung sei der Mieterin nicht zumutbar, heißt es in der Urteilsbegründung. Die Ausübung der Prostitution im gleichen Haus führe zur drohenden Gefahr der Belästigung durch Freier beziehungsweise zu einer für weibliche Mieter drohenden Gefahr der Einschätzung als Prostituierte.

 

Bei Thomas Fehrs standen schon Freier in der Wohnung und machten seiner Lebensgefährtin eindeutige Angebote. Die Kinder hatten die Wohnungstür angelehnt gelassen. Die Belästigung ist nicht der einzige Grund, warum das Etablissement die Mieter stört. „Man weiß ja nicht, was da für Leute kommen. Wir haben Kinder“, sagt die Nachbarin. Die seien schon von den Prostituierten beschimpft worden. Mindestens einmal habe es Randale im Treppenhaus gegeben, weil die Haustür verschlossen war. Versuche der Kontaktaufnahme mit den Damen durch shz.de blieben erfolglos.

Polizei sieht keinen Grund zum Einschreiten

Bei der Polizei ist das Etablissement bekannt. Einen Grund zum Einschreiten sieht man aktuell nicht. „Prostitution ist zunächst nicht illegal“, erklärt Polizeisprecherin Merle Neufeld. „Bei entsprechenden Anzeigen, etwa wegen Ruhestörung, werden wir natürlich reagieren.“ Doch grundsätzlich sei dies ein Problem zwischen Mieter und Vermieter.

Thoma Fehrs hat die Hoffnung aufgegeben, dass der Vermieter aktiv wird. Schnell reagiert habe der nur, als Fehrs Miete zurückhielt, um Druck für die Reparaturen auszuüben. Da sei eine Drohung mit der Kündigung gekommen. Der Anwalt des Hauseigentümers stellt den Sachverhalt anders da. Er schreibt, es handele sich um einen „seit Längerem zahlungssäumigen Mieter“, dem „fristlos gekündigt worden“ sei. Fehrs besichtigt bereits neue Wohnungen. Bezahlbarer Wohnraum sei in Itzehoe aber nicht einfach zu finden. „Aber so kann es auf keinen Fall weitergehen. Wir haben schon gar keinen Besuch mehr, weil es uns unangenehm ist. So sollen unsere Kinder nicht aufwachsen.“

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erstellt am 21.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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