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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 07:43 Uhr

Unglück mit vier Toten im März 2014 : Explosion in Itzehoe: Bauarbeiter weist jede Schuld von sich

vom

Wer ist Schuld an der Tragödie? Hätte das Unglück verhindert werden können? Das Amtsgericht rollt den Fall auf.

Itzehoe | Itzehoe Montag, 10. März 2014. Ein schwarzer Tag für die Stadt. Vier Menschen sterben, als das Haus Schützenstraße 3 explodiert. 15 weitere werden verletzt, sechs Häuser unbewohnbar, der Schaden liegt jenseits von einer Million Euro. Wer ist schuld an dem Unglück? Die Staatsanwaltschaft hat zwei Mitarbeiter der Baufirma angeklagt, die in der Straße Kanalarbeiten ausführte. Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion lauten die Vorwürfe. Am Mittwochmorgen hat der Prozess vor dem Amtsgericht begonnen.

Staatsanwalt Joachim Bestmann wirft dem 52-jährigen Baggerfahrer vor, er habe mit der Maschine gegraben, obwohl er eine Gasleitung gesehen habe oder hätte sehen können. Der mitangeklagte Schachtmeister (51) habe das zugelassen. Dieser schwieg, der Baggerfahrer dagegen sagte umfassend aus. Er war selbst bei dem Unglück schwer verletzt worden, über Monate arbeitsunfähig. Dann kam er zurück: „Ich bin mir keiner Schuld bewusst, deshalb habe ich mich da auch wieder raufgesetzt.“

Beim Graben habe er einen Widerstand gespürt, danach sei das gefundene Stahlrohr von Hand freigelegt worden. So werde immer vorgegangen, wenn bekannt sei, dass im Boden Leitungen lägen, so der 52-Jährige, der seit 34 Jahren als Baggerfahrer arbeitet.

Doch diese Leitung war nicht bekannt. Die Tiefbaufirma hatte sich Pläne von den Stadtwerken besorgt – aber bei deren Digitalisierung im Jahr 1977 sei das Gasrohr „einfach vergessen“ worden, sagte ein Ingenieur der Stadtwerke. Die Ermittler hatten nach einem Verantwortlichen gesucht – vergebens. So stehen jetzt die Bauarbeiter vor Gericht. „Die Letzten beißen die Hunde“, kommentierte Richterin Katja Komposch.

Die Trümmer eines Hauses in Itzehoe. /Archiv
Die Trümmer eines Hauses in Itzehoe. /Archiv Foto: Axel Heimken

Die entscheidende Frage: Konnten die Angeklagten das Unglück mit der nötigen Sorgfalt vermeiden? Laut Anklage wussten sie beim Baggern von der Gasleitung. „Das habe ich bis hierher nicht feststellen können“, sagte die Richterin gegen Ende des ersten Prozesstages nach vielen Zeugenaussagen. Diese Schlussfolgerung der Ermittler, auf der die Anklage beruht, könne sie nicht nachvollziehen. Zum gleichen Ergebnis kam der Sachverständige Holger Herdejürgen vom Landeskriminalamt. Er nannte die Schilderung des Baggerfahrers „plausibel“ und schilderte den Hergang des Unglücks aus seiner Sicht: Durch den Ruck mit der Baggerschaufel sei eine 50 Jahre alte und angerostete Muffe innen an der Kellerwand abgerissen, Gas strömte aus. Was das Gas-Luft-Gemisch entzündete, ließ sich nicht klären. Doch Herdejürgen erläuterte, dass schon eine Minute nach dem Abreißen der Muffe die Voraussetzungen für die Explosion geschaffen waren.

„Das heißt, das Zeitfenster war sehr kurz“, stellte Richterin Komposch fest. Eine wichtige Nachricht für die Angeklagten – denn die weitere Frage ist: Hätten sie das Unglück vermeiden können, wenn sie schnell Alarm geschlagen hätten, nachdem die Baggerschaufel die Leitung berührt hatte? „Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich sie beschädigt habe“, sagte der Angeklagte. Die Verformung, die später festgestellt wurde, sei für ihn nicht zu sehen gewesen. Und selbst wenn: Die eingehende – und sehr kritische – Befragung des Stadtwerke-Vertreters zeigte, dass kaum schnell genug hätte gehandelt werden können, um die Explosion zu verhindern. Eher wären noch mehr Menschen gestorben, wie Staatsanwalt Bestmann in einer Pause vor Fernsehkameras sagte.

Die Richterin ließ den Willen erkennen, das Verfahren schon am ersten Verhandlungstag zu Ende zu bringen. Drei waren ursprünglich angesetzt. Doch das ging dem Vertreter der Anklage zu schnell, Bestmann wollte sich in Ruhe auf seinen Antrag vorbereiten. So wird der Prozess am kommenden Mittwoch um 13 Uhr mit den Plädoyers fortgesetzt.

shz.de war am 10. März 2014 vor Ort, um mit Anwohnern zu sprechen und das Ausmaß der Schäden zu dokumentieren. Hier können Sie den Liveticker nachlesen.

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erstellt am 16.Nov.2016 | 17:19 Uhr

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