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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 15:41 Uhr

Geschichte : Erinnerungen an Krieg und Flucht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Hohenlockstedter Helmar Dorka spürt seinen Wurzeln nach. Er machte sich auf den Weg in die Vergangenheit – ins ehemalige Königsberg.

Todbringende Bombenangriffe, Verwüstung, Vertreibung, Hunger und die ständige Angst um das eigene Leben und das seiner Lieben sind nicht nur in der heutigen Zeit grausame Realität. Millionen Menschen aus der Generation der Eltern und Großeltern mussten dies im Zweiten Weltkrieg ebenfalls durchleiden. Ihre Kriegserlebnisse haben sie ihr Leben lang geprägt. Zu ihnen gehört auch der Hohenlockstedter Helmar Dorka. Der heute 76-Jährige war einer von 250  000 Flüchtlingen, die – aus West- und Ostpreußen kommend – in einem dänischen Flüchtlingslager Unterschlupf fanden. Auch heute noch bewegen ihn intensive Erinnerungen an Vertreibung und Internierung und das tiefe Bedürfnis, in der alten Heimat seinen eigenen Wurzeln nachzuspüren.

Rückblende: Am 27. Januar 1945 stehen sowjetische Truppen vor seiner Geburtsstadt Königsberg. Der Vater des gerade Fünfjährigen Helmar kämpft an der Ostfront. Als Gewehrschüsse und Kanonendonner immer näher kommen, beschließen die Frauen der Familie – Mutter und Oma – bei eisiger Kälte mit einem vollbepackten Handschlitten die Flucht Richtung Pillau am Frischen Haff anzutreten. Zu Fuß und teilweise auf Militärlastern – „doch die blieben im tiefen Schnee stecken“ – gelangt die kleine Familie bis nach Gotenhafen (Gdynia), wo sie nach einigen Wochen des Wartens einen Platz auf einem Lazarettschiff bekommt, das nach Dänemark fährt.

„Wir erhielten Quartier Allesø in der Nähe von Odense auf der Insel Fünen“, berichtet Dorka. Pro Familie ist ein Zimmer auf den Bauernhöfen vorgesehen. „Dort war es schön. Wir Kinder hatten genug Platz zum Spielen und als ich am 26. März meinen sechsten Geburtstag feierte, bekam ich als Geschenk einen Teller mit Haferflocken und Zucker.“ Während die kindliche Vorstellung von Zukunft mit so einem Geschenk rosig aussieht, hatten die erwachsenen Flüchtlinge immer größere Probleme. Mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 sah der kleine Helmar staunend zu, wie um das Dorf ein 2,50 Meter hoher Stacheldrahtzaun gezogen wurde. „Wir waren Internierte und von der Außenwelt abgeschnitten. Kontakte zur dänischen Bevölkerung waren nicht mehr möglich und auch verboten“, berichtet Dorka. Grund war die Entscheidung der Alliierten, Flüchtlinge wegen der schlechten Versorgungslage in Deutschland bis auf weiteres in Dänemark festzusetzen.

Nach anderthalb Jahren hinter dem Gitterzaun kam die Familie in das Barackenlager Grove bei Karup in Nordjütland. „Dort waren wir unter schlechteren Bedingungen untergebracht. 20 Personen mussten sich einen Raum teilen. Unterteilt durch Schränke, versuchte man, sich ein Minimum an Privatsphäre zu schaffen, schlief in doppelstöckigen Betten und wärmte sich an einem kleinen Kanonenofen. Versorgt wurden wir von einer Großküche.“ Auch dieses Lager war von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Und, so Dorka: „Insbesondere Wanzen waren eine große Plage für uns. Herbststürme deckten häufig die Holzbaracken ab, sodass ich einmal nachts von meinem Etagenbett aus plötzlich den freien Himmel über mir sehen konnte.“

Die Internierten hatten ihr Lagerleben organisiert – wie in einer kleinen Stadt mit Lagerleitung, Zeitung, Polizei und Bürgermeister. Helmar Dorka ging in der lagereigenen Schule zum Unterricht. Lehrer war, wer es sich zutraute. Die Kleidung wurde zugeteilt und die Übergabe auf Karteikarten vermerkt. Dorka erinnert sich noch heute, wie stolz er auf sein erstes Paar Holzschuhe war. Gespielt habe man mit abgebrochenen Ziegelsteinen, die rundgeschliffen für verschiedene Spiele genutzt wurden.

Über das Rote Kreuz fand sich die Familie wieder. Der aus englischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Vater bekam eine Anstellung als Lehrer in Lohbarbek nahe Hohenlockstedt. Da er Wohnraum – wenn auch beengten mit gemeinsamer Küchenbenutzung mit einer anderen Flüchtlingsfamilie – besorgen konnte, bekam er für seine Familie die ersehnte Zuzugsgenehmigung und konnte seine Lieben 1948 auf dem Bahnhof Wrist in die Arme schließen.

Helmar Dorka weiß, dass seine Familie noch Glück in all dem Unglück hatte. Viele Flüchtlinge hatten dies nicht. Die Kindersterblichkeit in den dänischen Lagern war hoch, ärztliche Hilfe und dänische Freundlichkeit nicht selbstverständlich. In den deutschen Flüchtlingslagern in Dänemark starben 7000 Kinder aus Pommern, Ost- und Westpreußen.

Helmar Dorka studierte nach seiner Bundeswehrzeit Mathematik, Physik und Chemie und arbeitete danach als Realschullehrer in Itzehoe – die letzten 14 Jahre bis zu seinem Ruhestand als Schulleiter an der Realschule mit Hauptschulteil in Hohenlockstedt. 1994 trat er erstmals für die CDU zur Kommunalwahl an. Bis 2008 war er 14 Jahre lang Bürgervorsteher in der Gemeinde, seinem Zuhause.

Seiner alten Heimat ist er gedanklich immer treu geblieben. Das Bedürfnis nach seinen Wurzeln zu forschen, hat ihn 1993 noch einmal nach Königsberg geführt, wo er sein Elternhaus – unversehrt vom Krieg – wiederfand. Helmar Dorka ist Mitglied der Dittchenbühne, die die interkulturelle Zusammenarbeit mit den Ostseeanrainerstaaten fördern möchte, ist Vorsitzender der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen Hohenlockstedt, engagiert sich dort auch für den Verein für Kultur und Geschichte und die Volkshochschule – und das alles macht ein Mensch, der „bis heute keine Geburtsurkunde vorweisen kann“. Die sei wohl irgendwo auf der Flucht abhanden gekommen.

Wenn Helmar Dorka sich mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik konfrontiert sieht, empfindet er tiefes Mitleid. Er weiß, wie es ist, wenn es am Nötigsten fehlt und man nur das besitzt, was man auf dem Leib trägt. Damals hat seine Familie in Lohbarbek viel Unterstützung von der hiesigen Bauernfamilie Grüttner erfahren, für die er heute noch dankbar ist. Ganz von vorn beginnen geht nur, wenn sich Menschen gegenseitig helfen, meint er – auch wenn die Flüchtlinge heutzutage höhere Ansprüche an ihr neues Leben stellen.

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erstellt am 27.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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