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Norddeutsche Rundschau

07. Dezember 2016 | 15:32 Uhr

„Einfach abwarten funktioniert nicht“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Landwirtschaft, Energiewende, Bevölkerungsentwicklung: Wie mit einem Forschungsprojekt die Weichen für die Zukunft gestellt werden sollen

Wohl noch nie haben sich Wissenschaftler so intensiv mit den Elbmarschen beschäftigt wie beim Projekt Regiobranding (siehe Infokasten). Es gab Haushaltsbefragungen, Interviews, Erhebungen. Die Ergebnisse sollen im November präsentiert werden. Eine erste Zwischenbilanz gab es bereits bei einer so genannten Statuskonferenz in Hamburg-Wilhelmsburg. Der für den Kreis Steinburg gemeinsam mit Beate von Malottky für das Projekt zuständige Peter Huusmann erinnerte hier zum Auftakt an die Entstehungsgeschichte einer Region, die im 12. Jahrhundert dank holländischer Entwässungskünstler geschaffen wurde. Über 800 Jahre war die Landschaft dann durch grüne Wiesen, Weidewirtschaft und eine typische Hauslandschaft geprägt. Neben der Energiewende sorgt jetzt vor allem ein tief greifender Strukturwandel in der Landwirtschaft für massive Eingriffe und Veränderungen. Hinzu kommt der demografische Wandel. „Einfach abwarten und sehen, was passiert, wird nicht funktionieren“, warnt Daniela Kempa vom Institut für Umweltplanung der Leibniz-Universität Hannover.

Erste Zwischenergebnisse aus den mit Akteuren in der Region geführten Interviews stellten dann Ines Lüder und Falco Knaps von der Fakultät Architektur und Landschaft vor. Wirklich überraschende Erkenntnisse gab es dabei nicht. Hervorgehoben wurde das Leben mit dem und am Wasser – was allerdings auch den Nachteil von Kraftwerken und Stromtrassen mit sich bringe. Auch Windparks wurden von den Befragten in der Regel als eher störend empfunden. Ines Lüder mit einem Originalzitat: „Wir haben hier eine so schöne Landschaft und sind aber der Müllplatz der Region.“

Tatsächlich wurden in den Interviews als positive Merkmale häufig die weite Landschaft, der Wind, die saubere Luft und die Wolkenbilder am Himmel genannt. Hinzu kommen noch die Besonderheiten eines ausgeklügelten Systems von Deichen und Einrichtungen zur Be- und Entwässerung. Als Zeugnisse früheren Reichtums kamen in die Liste aber auch die historischen Rathäuser von Wilster und Krempe oder auch der Gründungsmythos eines Stadtdenkmals wie Glückstadt vor. Und eine Legende aus Wewelsfleth, nach der Dichter Friedrich Schiller die Steilvorlage für seinen Wilhelm Tell von einem in der örtlichen Kirche hängenden Bild bekommen haben soll.

Immer wieder wurde aber auf die Bedeutung der Landwirtschaft hingewiesen. Tatsächlich werden in den Elbmarschen 84 Prozent der Flächen von Bauern genutzt. Landesweit sind es nur 74 Prozent. Gleichzeitig hat sich die Zahl der bewirtschafteten Betriebe zwischen 1990 und 2012 aber halbiert. Dabei haben die Landwirte vergangener Jahrhunderte erst zu dem heute noch typischen Landschaftsbild ganz entscheidend beigetragen. Immer wieder hervorgehoben wurden von den Interviewten die vielen Baudenkmäler, die den Elbmarschen erst ihr Gesicht geben. Davon dürfte auch eine künftige Generation noch profitieren. Ines Lüder: „Was heute hier an Neubauten entsteht, ist in 20 Jahren vielfach nur noch Sondermüll. Die 200 oder 300 Jahre alten Gebäude hingegen stehen auch für Nachhaltigkeit.“ Ihr Vorschlag: Der Wandel einer jahrhundertealten Kulturlandschaft durch die Energiewende könnte durch eine Abgabe für den Erhalt der Region gemildert werden. „Bisher war dies eher vom Zufall oder dem Wohlwollen der Investoren abhängig.“

Während die wissenschaftliche Auswertung der Befragung scheinbar ein eher düsteres Bild zeichnet, sind die hier lebenden Menschen offenbar sehr viel zuversichtlicher. Das jedenfalls wurde in einer kurzen Diskussionsrunde deutlich, an der der Wilstermarsch-Kreistagsabgeordnete Jürgen Ruge und die Sommerländer Bürgermeisterin Helga Ellerbrock teilnahmen. „Der Wandel ist so beständig, dass es ihn immer weiter geben wird“, kommentierte Ellerbrock die aktuelle Krise in der Landwirtschaft. Um die Zukunft ist ihr nicht bange: „Die jungen Landwirte sind heute so gut ausgebildet.“ Und Jürgen Ruge sieht in der Energiewende weniger die Belastungen als beste Chancen. In zehn Jahren könne die Marsch eine Vorzeigeregion für erneuerbare Energie sein. Auch für die Landwirtschaft sieht er nicht ganz schwarz. Sie müsse eben nur umweltfreundlich und nachhaltig sein. Dann könne sich die Marsch auch auf diesem Gebiet zu einer Fokusregion mausern. Ruge mahnt allerdings auch: „Keiner will Windräder haben und keiner will mehr Geld für Milch bezahlen. Das geht so nicht.“ Eher entspannt nimmt der Kreistagsabgeordnete auch die Zahlen vom demografischen Wandel und möglichen Abwanderungsbewegungen im ländlichen Raum zur Kenntnis. Er ist überzeugt: „Ich rechne fest mit einem Zuzug junger Menschen, wenn erst die Digitalisierung der Arbeitsplätze weiter voranschreitet.“ Viel „Luft nach oben“ sieht Ruge allerdings noch in den Bereichen Tourismus und Kultur.

Fazit der Hamburger Veranstaltung: Der Wandel müsse gestaltet und der Zukunft eine Perspektive gegeben werden. Durch Stärkung der Naherholung, regionalerem Bezug landwirtschaftlicher Produkte und den Einsatz von Gewinnen aus der Energiewende für den Erhalt der Kulturlandschaften. Auch erste ganz praktische Beispiele wurden schon genannt: die bessere Inszenierung der Schleuse Kasenort als herausragendes Industriedenkmal oder die Aufführung von Wilhelm-Tell-Spielen in Wewelsfleth, um auch den Heimatgedanken zu stärken. Schließlich habe auch das Plattdeutsche viel mit der Identifikation der Menschen für ihre Region zu tun.

Auf eine Hypothek haben die Akteure bislang aber keine Antwort: Ein Vertreter des Kieler Umweltministeriums betonte nämlich mit Hinweis auf den Klimawandel: „Wir können die Deiche nicht unendlich erhöhen.“ Entsprechend müsse bei allen Planungen für die Zukunft auch der steigende Meeresspiegel und seine Auswirkungen beachtet werden. Peter Huusmann sieht diesen Aspekt nicht ganz so dramatisch: „Die Menschen an der Elbe sind mit dem Wasser groß geworden.“ Ganze Landstriche aufzugeben, sei daher keinesfalls ein Thema. Dazu sei die Region auch viel zu groß.

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erstellt am 07.Okt.2016 | 15:02 Uhr

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