zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 11:22 Uhr

Justiz : „Ein widerwärtiges Verbrechen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein 25-jähriger Glückstädter wird wegen Folterung und Freiheitsberaubung verurteilt.

Für die damals 21-jährige Glückstädterin war es Ende April vergangenen Jahres ein Martyrium: zwei Tage lang wurde sie von ihrem Ex-Freund gefangen gehalten, nachdem dieser sie zuvor mit mehreren Messerstichen schwer verletzt hatte. Erst am dritten Tag gelang ihr die Flucht. Bis heute gibt es weder ein Geständnis des Täters noch die Tatwaffe – dennoch wurde der heute 25-jährige Angeklagte vom Itzehoer Amtsgericht zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.

Für den Vorsitzenden Richter Nicolaus Rittgerodt stellte sich die Beweislage am letzten Verhandlungstag eindeutig dar, weshalb er mit seinem Strafmaß noch über die Anträge von Staatsanwaltschaft und Nebenklage hinausging. „Es war ein widerwärtiges Verbrechen“, so Rittgerodt. „Sie haben ihr Opfer regelrecht gefoltert.“

Aus Sicht des Gerichtes trafen sich Opfer und Täter, die damals noch ein Paar waren, am Abend des 26. April 2015 mit Freunden um Alkohol und illegale Drogen zu konsumieren. Am darauffolgend Morgen sei der 25-Jährige mit seiner Freundin in Streit geraten, weil er vermutete, sie habe ein Verhältnis mit einem anderen Mann. Als sie dies leugnete, schnitt der Angeklagte ihr das erste Mal mit seinem Springmesser in die linke Hand, als sie weiter bestritt, fremdgegangen zu sein, schnitt er seiner Freundin auch in die andere Hand und verletzte erneut Sehnen und Blutgefäße. Anschließend, so der Richter, habe er der jungen Frau den Messerknauf an die Schläfe geschlagen und ihr anschließend noch einen Stich in den linken Oberschenkel zugefügt. Nachdem die junge Frau nun unter Schmerzen log, ihn doch betrogen zu haben, ließ er von ihr ab.

Statt zu einem Arzt brachte der junge Mann die blutende Frau zu seinem Vater, der sie notdürftig versorgte. Anschließend musste sie zurück in die Tatwohnung. „Wenn du fliehen willst, hast du ein Messer im Hals, bevor du an der Tür bist“, soll der Angeklagte laut Polizeiprotokoll gedroht haben. Erst am 29. April – also drei Tage später – gelang der jungen Frau die Flucht, als ihr Peiniger sich auf die Suche nach dem vermeintlichen Liebhaber gemacht hatte.

Das vergleichsweise hohe Strafmaß ohne Bewährung begründete Richter Rittgerodt nicht zuletzt mit der langen Vorstrafenliste des Angeklagten: zwischen 2006 und 2012 wurde er unter anderem wegen schweren Diebstahls, sexueller Nötigung, gefährlicher Körperverletzung, Raub und Drogenhandels angeklagt und zum Teil zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Der Mann hatte die Hauptschule nach der siebten Klasse ohne Abschluss verlassen und verdient sich seither Geld mit Gelegenheitsarbeiten. Mittlerweile lebt er mit einer neuen Freundin und zwei Kleinkindern arbeitslos in Berlin. Für das Gericht keine gute „Sozialprognose“, die jedoch für eine Bewährungsstrafe notwendig gewesen wäre.

Der Verteidigung, die zuvor einen Freispruch für ihren Mandaten gefordert hatte, räumte das Gericht Berufung oder Revision ein. Für Pflichtverteidiger Christian Ebsen gab es während des Prozesses zu viele Widersprüche bei nur einer Augenzeugin, die gleichzeitig die Geschädigte ist. Trotz eines massiven Einsatzes des mobilen Einsatzkommandos der Berliner Polizei sei es nicht gelungen, die Tatwaffe sicherzustellen. Die 21-Jährige sei nachweislich psychisch labil, spätestens seit ihr ihre drei Kinder entzogen worden sind. Für Ebsen war deshalb nicht auszuschließen, dass sich das mutmaßliche Opfer die Verletzungen selbst beigebracht hat. „Für eine Verurteilung bestehen zu viele Zweifel an der Schuld meines Mandanten“, so Ebsen

Richter Nicolaus Rittgerodt sah das anders: Die Vorwürfe der Frau seien detailliert und plausibel geschildert worden, das Verhalten des Angeklagten dagegen „niederträchtig“; hierzu zählte das Gericht auch dessen fehlende Reue. Die „Brutalität der Tat“ mache eine Verurteilung unumgänglich und eine Bewährungsstrafe unmöglich.

zur Startseite

von
erstellt am 08.Okt.2016 | 08:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen