zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 19:28 Uhr

Fahrräder für Flüchtlinge : Ein Stück Freiheit auf zwei Rädern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Velo-Werkstatt von Fakir hat inzwischen rund 150 Drahtesel aufgemöbelt und an Flüchtlinge vergeben – für die bietet das eine ungeahnte Mobilität.

„Das ist zu groß für dich“, sagt Rudolf Rönne angesichts des 28er Herrenrads mit Siebengang-Nabenschaltung. Ein enttäuschter Blick trifft den ehrenamtlichen Mitarbeiter der Fakir-Fahrradwerkstatt. Die gute Stimmung ist aber schnell wieder hergestellt.

Im kleinen Ladenraum, der neben der Velo-Werkstatt auch das Fakir-Büro (Flüchtlingshilfe im Amt Kellinghusen Integration in der Region) beherbergt, herrscht Hochbetrieb. „Bei uns ist meistens viel los“, sagt Rönne. Wenn er mittwochs gegen 14 Uhr die Tür zur Fahrradwerkstatt aufgesperrt hat, bleiben dem Ehrenamtler und seinen Kollegen Peter Rathje und Chris Chinery für die nächsten zwei Stunden kaum eine Minute zum Luftholen. Der Kellinghusener Brite Chinery hatte das Mobilitätsproblem der Flüchtlinge zuerst erkannt. Für die per Landesquote dezentral im Amtsbereich untergebrachten rund 300 Menschen bedeutet das individuell nutzbare Fortbewegungsmittel ein Stück Freiheit und Selbstbestimmtheit. Per Zweirad erreichen sie auch aus entlegenen Winkeln des Amtes den Sprachunterricht im Unterzentrum und können Termine für Arzt- oder Behördengänge wahrnehmen.

Seine Idee von der Mobilität durch aufgemöbelte Spendenräder verwirklichte Chinery zunächst auf seinem Privatgrundstück. Doch die provisorische Garagenwerkstatt platzte bald aus allen Nähten. Mit finanzieller Hilfe des Amts konnten die Ehrenamtler ihre Arbeit jedoch schnell in einer offiziellen Unterkunft fortsetzen. „Im August letzten Jahres sind wir hier gemeinsam mit dem Fakir-Büro eingezogen“, sagt Rönne. Seither brummt das ehemalige Ladenlokal zwischen Kirchenmauer und Fußgängerzone. Auf dem gepflasterten Platz vor der großen Fensterscheibe ist sogar ausreichende Raum für kleine Übungsrunden.

Mit geschulten Augen sehen die Werkstattbetreiber, ob die Technik der frisch hergerichteten Räder funktioniert und – ganz wichtig – ob die stolzen Empfänger sich sicher darauf bewegen. „He, zu zweit auf dem Rad geht gar nicht“, ruft Rathje herumalbernden Jugendlichen zu. In Doppelbesetzung in die Umlanddörfer düsen, ist leider nicht erlaubt. Die Stimmung vor der Fakir-Unterkunft ist gelöst, der Umgang miteinander freundlich. Und wenn Rönne, Rathje und Chinery mit „Baba“ angesprochen werden, so zeugt dies gleichermaßen von Respekt und Zuneigung.

Zwischen Rädern, Pneus und Ersatzteilen verbreiten im Inneren Vater Ismail Abubakir, Sohn Ismael, Vetter Mouij sowie Mohammed Alkeftan einen Hauch von orientalischem Basarflair. Zuverlässig und geschickt gehen die freiwilligen Flüchtlings-Helfer den deutschen „Chefs“ zur Hand. Im Handumdrehen montieren sie Stützräder an Kinderfahrräder, richten Gangschaltung und Beleuchtung – und weisen allzu eifrige Fahrradbewerber in ihre Schranken. Vordrängeln gibt’s nicht, obgleich jeder einzelne der Besucher im vollen Laden meint, sofort Gehör finden zu müssen.

Für Hamid Haidari zahlt sich das geduldige Warten aus. Seit drei Wochen ist er auf der Suche nach einem passenden Velo, nun rollt ein Spender es ihm praktisch vor die Füße. Noch schnell ein Rad ausgetauscht und zur Wiedererkennung das obligatorische „F“ für Fakir ins Tretlagergehäuse gefräst, dann radelt Hamid winkend in seine neue Heimatgemeinde Hennstedt.

Etwa 150 Fahrräder haben die Ehrenamtler in den vergangenen Jahren flott gemacht. Dafür danken sie den Spendern und hoffen auf weiteren Nachschub an ausgedienten oder defekten Rädern. Als Erfolg werten sie, das einzelne Kunden bereits bei den „Dienstradlern“ von Heiner Heidemann mitgeradelt sind oder gemeinsam mit dem Kellinghusener Hans-Werner Haase die Region erkundeten.

>Geöffnet ist die Fahrradwerkstatt in der Hauptstraße 6 an jedem Mittwochnachmittag.

> Das Fakir-Büro ist dienstags von 16 bis 18 Uhr besetzt. E-Mail: fluechtlingshilfe-amt-kellinghusen@web.de

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen