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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 15:40 Uhr

Ein Dorf in der Sackgasse: Streit um Senioren-Wohnprojekt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Hitzige Diskussionen in der Einwohnerversammlung / Gegner sehen zu großes finanzielles Risiko, während die Befürworter erheblichen Bedarf voraussagen

Erst Flüchtlinge, dann Senioren – und die möglichst aus der Gemeinde: Bahrenfleth plant auf eigene Rechnung den Bau einer Anlage von fünf kleinen Einzelhäusern. Mit Hilfe von Zuschüssen, günstigen Zinsen und für ein solches Projekt vereinfachtem Baurecht will eine Mehrheit in der Gemeindevertretung damit den Auswirkungen der demografischen Entwicklung entgegenwirken und älteren Einwohnern ein Angebot zum Verbleiben in gewohnter Umgebung machen. Das 1400-Quadratmeter-Grundstück in Höhe der Fritz-Höger-Straße hatte sich die Gemeinde über ihr Vorkaufsrecht von der Kirche gesichert. Mit zahlreichen neuen Flüchtlingen rechnet aktuell niemand wirklich, obwohl auch keiner eine Prognose wagen will.

„Wir rechnen täglich mit der Baugenehmigung“, gab Bürgermeister Harm Früchtenicht den Stand der Dinge in einer ungewohnt gut besuchten Einwohnerversammlung bekannt, die nicht zuletzt wegen einer Initiative der örtlichen Kirchenjugend einberufen worden war. Die jungen Leute hatten eine Unterschriftenaktion gestartet und mehr Informationen gefordert.

Tatsächlich ist das Projekt im Dorf höchst umstritten. Die Entscheidungen in den kommunalen Gremien waren denkbar knapp zustandegekommen. Auch aus den Reihen der Einwohner gab es jetzt reichlich Gegenwind. „Schön, wenn die Gemeinde sich das leisten kann“, meinte ein Zuhörer ironisch und verwies auf zuletzt deutlich angehobene Grund- und Hundesteuern. Vor allem wurden aber Zweifel laut, ob die seniorengerechte Wohnungen überhaupt angenommen werden. Der Ortsteil Neuenkirchen liegt in einer Sackgasse. Die Busanbindung ist schlecht oder gar nicht vorhanden. Eine Zwischenruferin: „Was sollen die Senioren denn den ganzen Tag machen? Hier gibt es doch nur eine Kirche und einen Friedhof.“ Für fraglich hält eine Reihe von Einwohnern es auch, ob die Gemeinde das unternehmerische Risiko auf dem umkämpften Immobilienmarkt eingehen dürfe.

Am Bedarf von Wohnraum für ältere Menschen, die in ihrem Dorf, aber nicht mehr im eigenen, vielleicht zu groß gewordenen Haus bleiben wollen, gibt es für Maria Meiners-Gefken keinen Zweifel. Die Senioren von heute und morgen seien fitter, mobiler und sehr aktiv, wollten vielfach aber in ihrem sozialen Umfeld bleiben. „Da rollt eine Lawine auf uns zu“, hält die neue Leiterin eines amtsweiten Seniorenprojekts es für zwingend, dass „ein Ort in seine Alten investieren muss“. Letztlich, so Jörg Bucher vom Amt Krempermarsch, sei das eine politische Entscheidung. Er räumte bei der Kalkulation allerdings ein, dass Unterhaltungskosten für das Wohnprojekt durch Mieteinnahmen wohl nicht abgedeckt werden könnten.

In einer zeitweise recht aufgeheizten Stimmung meldeten sich aber auch Befürworter zu Wort. So gab es den Hinweis auf demokratisch zustandegekommene Entscheidungen. Auch sei das Projekt seit einem Jahr Thema und bekannt. Alle Sitzungen seien öffentlich gewesen, Protokolle könne man im Internet nachlesen. Und mit den örtlichen Steuern habe die Finanzierung nichts zu tun. Die seien vielmehr Folge einer Schieflage der gesamten kommunalen Finanzpolitik. Eine junge Frau meinte denn auch: „Ich will in einem Dorf leben, wo es eine solche Anlage gibt.“ Endgültig abgesegnet werden soll der Plan in der nächsten Sitzung der Gemeindevertretung. Vor dem Gemeindehaus wurde allerdings auch schon angeregt über die Möglichkeit eines Bürgerentscheids diskutiert.

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erstellt am 15.Sep.2016 | 10:37 Uhr

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