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Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 23:00 Uhr

Zollfahndung : „Die filtern die schwarzen Schafe raus“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Einsatz auf der Baustelle: Unterwegs mit den Fahndern des Zolls, Finanzkontrolle Schwarzarbeit, im Kreis Steinburg.

Langsam rollen die Fahrzeuge in das Neubaugebiet auf dem ehemaligen Bundeswehr-Areal in Breitenburg-Nordoe. Zwei Kombis und ein Transporter mit dem markanten grünen Streifen und der Aufschrift „ZOLL“. Der zusätzliche Schriftzug macht klar, warum die acht Männer und zwei Frauen anrücken: „www.zoll-stoppt-schwarzarbeit.de“ steht schwarz auf weiß auf den Türen.

Heute ist eine „verdachtslose Prüfung“ geplant. Schwarzarbeit, kein Mindestlohn, Leistungsbetrug, Steuerhinterziehung – welche Delikte entdeckt werden, ist völlig offen. „Es ist vorher nicht absehbar, was daraus erwächst“, erklärt Einsatzleiter Björn Petersen. Der erfahrene Zollbeamte ist seit 16 Jahren bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit tätig. Er hat ein Gespür dafür, wo etwas faul sein könnte. Oft gibt der erste Blick schon Anzeichen. „Man sieht sofort, ob eine Baustelle sauber und aufgeräumt ist, ob die Gerüste ordentlich gesichert sind.“ Doch ob wirklich ein relevantes Vergehen vorliegt, zeigt erst die Nacharbeit im Büro. „Das macht etwa 75 Prozent unserer Arbeitszeit aus. Wir gleichen die Auskünfte mit verschiedenen Datenbanken ab. Erst dann sehen wir, ob ein Verdacht weiter verfolgt werden muss.“ Aber spätestens, wenn das Ausland ins Spiel komme, werde die Sache schwierig.

Die Autos stoppen. Ruhig steigen Petersen und seine neun Kollegen aus. Hektik gibt es nicht. „Die Zeiten, in denen wir vorgefahren sind und überall Menschen wegliefen, die etwas zu verbergen hatten, sind vorbei.“ Heute, so erklärt der Einsatzleiter, seien eher gefälschte Papiere im Einsatz – „und wer mit denen wegrennt, macht sich ja erst verdächtig“.

Schnell wird die Lage sondiert. Angesichts des nassen, norddeutschen Schietwetters wird ein Einfamilienhaus mit fertig gedecktem Dach gewählt. Die Männer und Frauen in ihren dunkelgrünen Uniformen sind nicht zu übersehen. Die Arbeiter wissen, was kommt. Auch sie bleiben ruhig. Die Stimmung ist entspannt, fast sogar freundlich. Die Pistolen im Holster gehören zur Ausstattung, ebenso Handschellen und Pfefferspray. Benutzt werden die Schusswaffen eigentlich nie. Trotzdem ist jeder, der im Außeneinsatz tätig ist, Waffenträger – etwa die Hälfte der rund 700 Mitarbeiter beim Hauptzollamt Itzehoe. Die Autobahn 7 ist grob die Grenze des Einsatzgebiets, das die Kreise Steinburg, Dithmarschen und Pinneberg sowie Norderstedt und Teile Segebergs umfasst. Dahinter beginnt das Gebiet vom Hauptzollamt in Kiel.

Heute geht es um Personenerfassung. Die Zoll-Fahnder gehen routiniert vor. Sie verfügen im gewerblichen Bereich über ein Betretungsrecht. „Gastronomie, Bau, Pflege, Rotlichtgewerbe – überall wo gearbeitet wird, dürfen wir kontrollieren“, sagt Björn Petersen. Und das läuft nach festgelegtem Schema. Auf Baustellen gilt Ausweispflicht, der wird zuerst gefordert. Anschließend werden Fragen nach Arbeitsbeginn, Tages- und Wochenarbeitszeit sowie zum Stundenlohn und der Art der Anstellung gestellt. Auf der kleinen Baustelle, auf der gerade ein oder zwei Gewerke mit nur wenigen Mitarbeitern tätig sind, bleibt die Kontrolle überschaubar. Unübersichtlich wird es bei Überprüfungen mit vielen Beamten auf riesigen Baukomplexen, auf denen nicht nur mehrere hundert Arbeiter beschäftigt sind, sondern auch noch eine Vielzahl von Firmen. „Da muss man einen kühlen Kopf bewahren und den Überblick behalten.“

Und das ist oft schwierig, schon allein angesichts der vielen Sprachen, die auf den Baustellen gesprochen werden. „Oft kommen wir auf eine Baustelle, auf der die wenigsten Deutsch sprechen. Und für uns ist es auch nicht möglich, immer einige Dolmetscher zu beschäftigen.“ Auf den Baustellen haben sich die verschiedenen Landsmänner oft die Aufgaben untereinander aufgeteilt. Mazedonier und Kroaten kümmern sich überwiegend um Eisenflechtarbeiten, der Estrich wird häufig von Polen übernommen und der Innenputz liegt in türkischer Hand.

In Breitenburg nutzen die Bauarbeiter die Kontrolle zur Frühstücks- oder Zigarettenpause, während die Zollbeamten sich beeilen, damit die Arbeit am Haus nicht zu lange unterbrochen werden muss. Bei einigen Tätigkeiten, das wissen die Beamten aus Erfahrung, ist die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu erwischen, ohnehin geringer. „Grundsätzlich gilt: Je höherwertig die Arbeit, desto geringer ist die Quote von Schwarzarbeit.“ Der Polier bleibt gelassen. Auch, wenn eine Zollkontrolle für ihn nicht gerade zum Alltag gehört. „Das ist meine zweite Kontrolle in 30 Jahren. Die machen ihren Job und filtern bei uns die schwarzen Schafe raus, das ist okay.“

Die Daten sind schnell aufgenommen, die Dokumente sind okay. Gefälschte Ausweise zu erkennen, sei allerdings gar nicht so einfach, sagt Petersen. „Dafür gibt es extra Schulungen.“ Und der Einsatzleiter weiß auch: „Der weit verbreitete Glaube, es kämen scharenweise Osteuropäer nach Deutschland und suchten hier Arbeit, ist falsch. Sie werden in ihrer Heimat angeworben und dann von im Ausland ansässigen Firmen entsendet. Diese Unternehmen schließen einen Werkvertrag mit einer Firma in Deutschland. Am Ende wird nur der Arbeitslohn verkauft, keine kompletten Gewerke“, gibt Petersen einen kleinen Einblick in das komplizierte Geflecht von Schwarzarbeit und Lohndumping. Oft gebe es Subunternehmer bis in die sechste oder siebte Ebene.

Diese Geschäftsbeziehungen zu entflechten, bedeutet langwierige Büroarbeit. Am Ende können dann aber saftige Strafen stehen. Bis zu einer halben Million Euro kann als Ordnungswidrigkeit verhängt werden. Hohe Summen, angesichts derer der Gedanke aufkommen könnte, die Beamten zu bestechen. Petersen lacht. „Bestechung habe ich in meinen 16 Jahren nicht ein einziges Mal erlebt.“ Und für ein paar tausend Euro würde auch niemand seinen Job riskieren, fügt er hinzu, während er zum Fahrzeug zurückgeht.

Rund eineinhalb Stunden hat die Kontrolle gedauert. Die zehn Zollbeamten steigen in die Fahrzeuge, starten die Motoren und rollen aus dem Neubaugebiet. Auffälligkeiten gab es nicht. Aber Gewissheit gibt es erst nach der Überprüfung im Büro.

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