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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 07:49 Uhr

Die Arbeit im Hauptamt verankern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Dietrich Haeberlein, Beauftragter für Menschen mit Behinderungen, zieht Halbzeitbilanz / Verwaltung muss Ressouren bereitstellen

Die Hälfte seiner fünfjährigen Amtszeit ist rum – und das Fazit durchweg positiv. Nach und nach werde er immer mehr einbezogen, sagt Dietrich Haeberlein. Der Itzehoer ist der erste ehrenamtliche Beauftragte für Menschen mit Behinderungen in Steinburg. Am 1. Januar 2014 trat er das Amt nach einem einstimmigen Votum durch den Kreistag an. Über seine Arbeit, Erwartungen und Ziele sprach er mit unserem Redaktionsmitglied Joachim Möller.

War es die richtige Entscheidung des Kreistages, einen Beauftragten für Menschen mit Behinderung- einzustellen?
Auf jeden Fall. So gelangt das Thema noch mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung. Und ich werde als Beauftragter für Menschen mit Behinderung auch immer mehr wahrgenommen, werde zu Veranstaltungen und Sitzungen eingeladen und einbezogen in Planungen wie Neubau des Kreishauses oder der Außenstelle der Steinburg-Schule. Positiv ist auch, dass der Kreistag zum 1. Januar 2016 mit Karl-Friedrich Steltmann einen Stellvertreter für den Verhinderungsfall berufen hat.

Eine ganze Reihe Kreispolitiker wünschte sich einen hauptamtlichen Beauftragten, konnten sich damit im Kreistag aber nicht durchsetzen. Bedauern Sie dies?
Es ist richtig, dass es ein Ehrenamt ist. So ist der Beauftragte absolut unabhängig und nicht an Weisungen gebunden. Das ist ein wichtiger Punkt für mich.

Ungebunden sind Sie so zwar - aber ist die umfangreiche Arbeit im Ehrenamt auch zu leisten?
Mit der Ehrenamtlichkeit alleine kommen wir dauerhaft nicht weiter – trotz der Unterstützung durch unser vielfältiges Netzwerk. Die Arbeit muss im Hauptamt verankert werden, die Verwaltung muss Ressourcen bereitstellen. Ein Beispiel dafür ist Ostholstein, dort ist die Arbeit so organisiert. Ähnliche Strukturen müssen wir für uns entwickeln. Wir brauchen nicht nur die Unterstützung in der Verwaltung, es bedarf einer klaren Zuordnung von Aufgaben an diese. Sonst verlieren die ehrenamtlich Tätigen auch ihre Motivation, wenn sie merken, dass die Arbeit auf Dauer nicht mehr zu leisten ist.

Ihr Hauptthema ist die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die auf allen Ebenen die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung für Menschen mit Behinderungen fordert. Worum geht es da genau?
Es geht in erster Linie nicht um Geld, wie immer behauptet wird. Es geht um Rechte, um Menschenrechte. Diese werden Menschen mit Behinderungen oft nicht zuerkannt. Nur aus diesem Grund gibt es überhaupt die UN-Behindertenrechtskonvention. Weil man erkannt hat, dass der schöne Grundsatz „Alle Menschen haben gleiche Rechte“ bei Menschen mit Behinderungen oft nicht anerkannt wird. Es geht um einen selbstbestimmten Platz aller in einer barrierefreien Gesellschaft. Es geht um selbstbestimmte, gleichberechtigte Teilhabe aller am öffentlichen Leben.

Inwieweit ist die UN-Behindertenrechtskonvention im Kreis Steinburg angekommen?
Die Umsetzung ist eine Pflichtaufgabe, 2009 wurde die UN-Konvention von der Bundesrepublik unterschrieben und ist damit geltendes Recht. An vielen Stellen ist dies jedoch noch nicht erkannt worden, es besteht Handlungsbedarf. Leider werden Überlegungen zur Umsetzung schnell mit dem Kostenargument abgewiesen, und der Rechtsanspruch der Menschen mit Behinderungen wird dadurch nicht anerkannt. Dabei haben mindestens zehn Prozent der Menschen in Deutschland Behinderungen, hinzu kommen pro Personen zwei bis drei Mit-Betroffene, so dass man gut von 30 Prozent Betroffenen ausgehen kann. Und dies, auf Grund der älter werdenden Gesellschaft, mit zunehmender Tendenz.Und was viele vergessen: Was für Menschen mit Behinderung gut ist, ist auch für alle anderen Menschen, wie Mütter mit Kinderwagen, kleine Kinder, um nur einige Beispiele zu nennen, gut.

Der Einstieg in die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Kreis war im September die Veranstaltung „Vielfalt vereinen“. Was hat sich daraus für ihre Arbeit ergeben?
150 Menschen aus dem Kreis haben teilgenommen, 500 Karten mit Anregungen, Projekten und Gedanken wurden während der Veranstaltung beschrieben. Sie wurden in Listen erfasst und in vielstündiger Arbeit in einer Auswertungsgruppe ausgewertet. Sie wurden geordnet, bewertet und gewichtet. Daraus haben sich Schwerpunkte für die weitere Arbeit entwickelt: angemessene, barrierefreie Wohnformen, die Arbeit an der Erstellung einer Inklusions-Landkarte, Überlegungen zur Entwicklung eines Internet-Auftritts zu Fragen der Barrierefreiheit im Kreis.

Wie soll es damit jetzt weitergehen?

Ein Aktionsplan oder auch eine Planung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention – wie immer man es nennen will – muss sein. Ein Aktionsplan für den Kreis Steinburg ist im vergangenen Jahr vom Kreistag abgelehnt worden, weil erst das Land einen entsprechenden Plan vorlegen sollte. Diesen gibt es jetzt im Entwurf. Nun ist der Kreis Steinburg an der Reihe.

Ist das allen zum Nulltarif zu bekommen?
An der einen oder anderen Stelle wird man auch Geld in die Hand nehmen müssen, um die größten Hindernisse zu beseitigen. Es geht aber auch genauso darum, vernünftige Zukunftsplanung zu betreiben, um Fehlinvestitionen mit hohen Folgekosten zu vermeiden. Ich denke da zum Beispiel an neu gestaltete Fußgängerzonen ohne Blindenleitsysteme. Insgesamt geht es natürlich auch darum, den Kreis Steinburg attraktiver zu gestalten, um zum Beispiel Anreize für den Zuzug neuer Bürgerinnen und Bürger zu schaffen.

Zweieinhalb Jahre haben Sie hinter sich, mindestens zweieinhalb Jahre vor sich. Was möchten Sie in dieser Zeit noch erreichen?
Ich arbeite mit vielen Menschen zusammen, die ehrenamtlich einen Beitrag zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention leisten wie zum Beispiel die Agenda 21, die Kreisarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände oder die Projektwerkstatt Inklusion. Ich hoffe, dass wir es erreichen, dass es zu einer gemeinsamen Arbeit mit Politik und Verwaltung kommt, dass alle Beteiligten erkennen, dass Schluss sein muss mit der Benachteiligung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung! Und dass dieses Ziel nur mit gemeinsamer Anstrengung erreicht werden kann. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diesem Ziel Stück für Stück näher kommen werden! Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich für die Unterstützung, die ich von vielen Seiten erfahre, herzlich bedanken!







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erstellt am 14.Jul.2016 | 15:56 Uhr

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