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Norddeutsche Rundschau

26. September 2016 | 00:30 Uhr

Glückstadt : Deutsch lernen mit Händen und Füßen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vokabeln pauken für den Alltag in der neuen Heimat: Weiterer Sprachkurs für Flüchtlinge an der Volkshochschule hat begonnen

Draußen liegt Schnee, es ist kalt. Die Sonne geht gerade erst auf. Es ist 8.15 Uhr, und in der Volkshochschule herrscht schon reger Betrieb. 20 Flüchtlinge sind gekommen, um ihre zweite Einheit in „Deutsch als Fremdsprache“ zu bekommen.

Der Staff–Kursus (Starterpaket für Flüchtlinge) dauert zehn Wochen und umfasst insgesamt 100 Unterrichtseinheiten. Der Schwerpunkt des Unterrichts liegt in der Vermittlung von Sprache und Orientierung im Alltag. Die Leitung dieses Staff-Kurses hat Ute Gutt. Die 42-Jährige ist ausgebildete Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. „Eigentlich habe ich an der Volkshochschule Ballet unterrichtet, dann kamen die vielen Flüchtlinge nach Deutschland, und da hat es sich aufgrund meiner Ausbildung angeboten auch Deutsch zu unterrichten.“ Es ist bereits ihr vierter Staff-Kursus, zuvor lehrte sich schon in Spenden finanzierten Kursen.

Diese Lerngruppe steht noch am Anfang. Heute geht es darum andere vorzustellen, am Vortag haben sie gelernt sich selbst vorzustellen. Die Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Afghanistan sitzen an Tischen, die rund um die Tafel aufgestellt worden sind. Jeder hat ein Namenschild mit seinem Vornamen vor sich stehen. Die meisten von ihnen sind junge Männer, aber auch vier Frauen und Ältere sind dabei. Darunter Ehepaare, Geschwister oder Neffe und Onkel.

Zunächst sind sie noch unruhig, sprechen miteinander in ihrer Landessprache. Leise wird es erst, als ihnen nach einer kurzen Begrüßung ihrer Lehrerin, die ersten Fragen gestellt werden: „Wo kommen Sie her, Ahmed?“ Der junge Mann überlegt kurz. „Ich komme aus Syrien.“ Er blickt Ute Gutt fragend an. Sie nickt. „Genau. Aus Syrien.“ „Wie ist ihr Nachname?“, fragt die Lehrerin weiter und richtet sich an eine junge Frau. Doch die zuckt ratlos mit den Schultern. „Okay, dann habe ich eine andere Frage für Sie: Haben Sie Kinder?“ Gutt zeigt auf ihren Bauch, fährt mit ihren Händen die Kontur eines Babybauchs nach. „Ja, zwei“, sagt die junge Frau.

Die Schwierigkeit der Lerneinheiten wird so weit wie möglich dem Vorwissen und der Lerngeschwindigkeit der einzelnen Schüler angepasst. „Einige lernen besser, andere schlechter. Ein junger Mann hat mir vorhin schon Fragen zur Grammatik gestellt. Er scheint auch in seiner Freizeit Deutsch zu üben.“ In ihre Kurse würden zudem einerseits Akademiker kommen, aber auch Männer und Frauen, die kaum über Schulbildung verfügen, sogar Analphabeten seien dabei. „Das ist nicht immer einfach, jedem gerecht zu werden, aber ich gebe mein Bestes und das Unterrichten macht mir Spaß.“

Die Schüler sollen sie jeweils ihrem Tischnachbarn vorstellen, doch das klappt nicht auf Anhieb. „Einige kennen Gruppenarbeit im Unterricht kaum“, so Ute Gutt. Obwohl sie gerade Deutsch sprechen sollten, fallen immer mal wieder Wörter in fremden Sprachen. „Ich merke schon, ob sie sich gegenseitig Dinge erklären, die sie nicht verstanden haben, oder über anderes Sprechen.“

Kurz vor 10 Uhr blickt einer der jungen Männer auf sein Handy und zeigt seiner Lehrerin das Display mit der Uhrzeit. „Er erinnert mich nur daran, dass ich heute rechtzeitig Schluss machen wollte, weil mein Kind krank ist. Das ist schon lieb von ihm.“

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erstellt am 21.Jan.2016 | 05:07 Uhr

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