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Norddeutsche Rundschau

10. Dezember 2016 | 02:12 Uhr

Chancengleichheit : „Der Kampf ist noch nicht vorbei“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Interview mit Tinka Frahm, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Steinburg.

Seit Februar 2012 ist Tinka Frahm als Hüterin der Gleichstellung im Kreis Steinburg tätig. In 25 Wochenstunden kümmert sich die dreifache Mutter um Gewalt- und Mobbing-Opfer, die Chancengleichheit im Beruf und darum, dass auch mehr Männer die Möglichkeiten der Elternzeit nutzen.

Frau Frahm, wer macht bei Ihnen zu Hause die Wäsche, wer kümmert sich ums Essen und wer bringt den Müll raus?

Tinka Frahm: Zu 70 Prozent mein Mann. Aber das ist nicht meine Schuld. Er kocht einfach viel lieber und auch besser als ich. Und beim Müll sieht er schneller, wenn der voll ist. Die Wäsche mache ich meistens, da bin ich gut drin. Alles andere läuft 50/50. Aber ich kümmere mich meistens um die Kinder.

Gibt es eine Absprache wer was macht?

Nein, das würde auch nicht klappen.

Gibt es hier in der Kreisverwaltung typische Frauen- und Männerarbeiten? Wie ist das beispielsweise mit dem Kaffeekochen?
Ob es eine Kaffeekoch-Verteilung gibt, kann ich nicht sagen. Aber insgesamt ist es bei uns so, dass die Frauen mit 320 den Großteil der 491 Bediensteten stellen. Allerdings stellen sie auch den überwiegenden Teil der Teilzeitkräfte. Nur 18 von 204 Personen in Teilzeit sind Männer. Da zeigt sich dann auch wieder die Aufteilung der Familienarbeit, die überwiegend immer noch bei den Frauen liegt.

Bei so vielen Frauen in der Verwaltung, gibt es da bei Stellenausschreibungen noch den Zusatz „werden bei gleicher Eignung bevorzugt“?
Ja, aber nur in Bereichen, in denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Also beispielsweise häufig in Leitungsfunktionen.

Müsste es dann in anderen Bereichen – beispielsweise pädagogische oder soziale Berufe – nicht den gleichen Zusatz für Männer gegeben?
Ich habe das tatsächlich mal vorgeschlagen. Das wurde aber bisher nicht umgesetzt. Nach dem Gesetz zur Gleichstellung ist nur die Frauenförderung explizit vorgesehen. Es muss einfach insgesamt auf ein Gleichgewicht geachtet werden, eben auch in Leitungsfunktionen. In der Kreisverwaltung haben wir auf Amtsleiterebene sogar eine Frau mehr als Männer, bei der Abteilungsleitung sind es mehr Männer. Da muss zwar darauf geachtet werden, aber das wächst sich irgendwann aus. Eher müssen wir darauf achten, dass wir in Zukunft den Beruf als Verwaltungsfachangestellter auch für Männer attraktiver machen.

Sind das Ihre großen Sorgenkinder?
Nein, das sind alles Aspekte, die beachtet werden müssen. Viel schlimmer sind die Auswirkungen, die durch die Teilzeitarbeit zustande kommen. Und davon sind in erster Linie die Frauen betroffen. Sie verdienen weniger und bekommen dann später auch deutlich weniger Rente. Auch die Aufstiegschancen sind bei Teilzeitbeschäftigten in der freien Wirtschaft, aber auch in der Verwaltung, egal welchen Geschlechts, deutlich schlechter.

Also würden Sie grundsätzlich von der Teilzeitarbeit abraten?
Auf keinen Fall. Das ist ein wichtiges Instrument, das auch gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht – Frauen und Männern. Aber jeder, der sich überlegt, in Teilzeit zu arbeiten, muss sich der Konsequenzen bewusst sein. Dann bietet das tolle Möglichkeiten.

Ich habe das Gefühl, das ist vor allem Männern und Arbeitgebern häufig nicht so bewusst.
Das ist richtig. Da muss ein Umdenken stattfinden. Die Menschen müssen offener sein und auch mal etwas Neues ausprobieren wollen. In Deutschland besteht leider immer noch oft das Bild vom Mann, der seine Karriere vorantreibt, und die Frau arbeitet in Teilzeit und macht „nebenbei“ noch den Haushalt.

Wollen Sie die Frauen zu ihrem „Glück“ zwingen?
Auf keinen Fall. Es gibt ja auch Frauen, die das gar nicht wollen. Grundsätzlich ist es ja jedem selbst überlassen, wie er seine Familie organisiert. Aber manchmal ist einfach ein bisschen mehr Flexibilität gefragt. Ich kenne inzwischen schon viele junge Männer, die das Teilzeitmodell ausprobieren würden und sich gerne mehr um die Familie kümmern würden. Dafür müssen dann auch die Voraussetzungen geschaffen werden. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob er das Angebot annimmt. In der Kreisverwaltung gibt es künftig Telearbeit, so dass ein Teil zu Hause erledigt werden kann. Das ist nicht nur für Mütter und Väter interessant, sondern beispielsweise auch für pflegende Angehörige.

Sie müssen immer ausgleichend einwirken. Sind Sie vom Sternzeichen Waage?
(Lacht) Nein, ich bin Fisch. Aber es stimmt schon, ich muss immer versuchen, beide Seiten zu berücksichtigen. Wenn ich sehe, dass eine Seite benachteiligt wird, bin ich gefragt. Ich habe auch schon mal eine Veranstaltung zum Thema Elternzeit angeboten – ausschließlich für Männer.

Braucht es einen männlichen Gleichstellungsbeauftragten, der sich speziell deren Probleme widmet?
Nein, dazu sind die Frauen in vielen Bereichen einfach noch zu sehr benachteiligt und die Männer nicht benachteiligt genug. Aber für Frauen gibt es viel zu tun. Da gibt es Bereiche, die eigentlich immer aktuell sind.

Welche sind das?
Ich habe drei Themenfelder, bei denen ich großen Handlungsbedarf sehe. Das ist die Rolle der Frau im Erwerbsleben, denn es ist nach wie vor so, dass sie die schlechtesten Chancen haben, oft geradezu abgehängt sind. Als zweiter Bereich liegt mir die politische Teilhabe sehr am Herzen. Es gibt eindeutig zu wenig Frauen in den politischen Gremien. Das fängt in den kommunalen Parlamenten an und zieht sich bis in die höchsten Ebenen. Ich denke in unserer Demokratie sollte die Verteilung annährend das Verhältnis in der Gesellschaft spiegeln. Und zum Dritten geht es um Gewalt gegen Frauen. Da muss noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet, öffentlich sensibilisiert werden.

Es gibt also immer noch viele Problembereiche und viel Arbeit für eine Gleichstellungsbeauftragte. Wo stehen wir denn heute auf einer Skala von 1 (größte Ungleichberechtigung) bis 10 (komplette Gleichberechtigung)?
Das kann ich nicht sagen. Das kommt auf die Bereiche an, da bestehen einfach zu große Unterschiede.

Das ist vermutlich wie der Vergleich mit anderen Ländern: einige haben gar keine Gleichberechtigung und andere sind uns schon voraus.
Ja, genau. Frankreich hat zum Beispiel ein Entgeltgleichheitsgesetz und ein Gesetz, nach dem die Parteien für alle Parlamente Listen mit gleich vielen Frauen wie Männern aufstellen müssen.

Wenn man Vorstände in Firmen oder Landtage über eine Quote gesetzlich regelt, gibt es möglicherweise den Vorwurf, dass Posten zwangsweise mit Frauen besetzt werden, die möglicherweise gar nicht kompetent sind.
Es gibt sicherlich schon jetzt viele Posten, die mit inkompetenten Männern besetzt sind. Ohne Zwang.

Um noch mal auf die Länder zu kommen: Es gibt auch viele Länder, in denen Gleichberechtigung ein Fremdwort ist. Wo stehen wir denn nun?
Wenn wir uns mit anderen Ländern vergleichen, kann man sagen, dass wir uns in Deutschland viel erkämpft haben. Aber der Kampf ist ganz sicher noch nicht vorbei.

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erstellt am 19.Jul.2016 | 04:45 Uhr

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