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Norddeutsche Rundschau

08. Dezember 2016 | 05:15 Uhr

Literatur : Der gute Geist lebt im Döblin-Haus weiter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zum 30. Geburtstag der Grass-Stiftung in Wewelsfleth: Erinnerungen an die legendäre Haushälterin.

Bis weit nach Mitternacht ging die Feier zum 30-jährigen Geburtstag des Alfred-Döblin-Hauses. Die Berliner Akademie der Künste hatte den Wein ausgegeben, die Hausbewohner Würstchen und Schnittchen aufgetischt, Peter Wawerzinek und Thilo Bock mit einer höchst amüsanten Lese-Performance für Stimmung gesorgt. Das Haus mit seinem charakteristischen Fachwerk war sozusagen knickeknacke voll.

Unter den Gästen befanden sich mit Bruno Grass ein Sohn des Hausstifters und mit Theo Junge ein Vertreter der Familie, die dieses Haus früher bewohnt hatte.

Seit 30 Jahren finden im Alfred-Döblin-Haus regelmäßig Lesungen der hier arbeitenden Literatur-Stipendiaten statt. 250 meist junge Schreiber haben mittlerweile hier an ihren Texten gefeilt, Grund genug für den Berliner Senat, zum 30-jährigen Jubiläum das Projekt zweier ehemaliger Stipendiaten zu fördern, die den guten Geistern dieses Hauses nachspüren. Thilo Bock und Peter Wawerzinek orientieren sich dabei am Chef-Geist dieses mindestens 300 Jahre alten Hauses, der 2010 verstorbenen Hannelore Keyn. Sie, offiziell Wirtschafterin, hatte es da schon lange in Berliner Kulturkreisen zu literarischem Status gebracht. Dem setzen Bock und Wawerzinek nun mit dem Buch die Krone auf: „Das auffallend unauffällige Leben der Haushälterin Hannelore Keyn in der Villa Grassimo zu Wewelsfleth“.

Wewelsfleth kann sich dieses besonderen Hauses rühmen. Das Fachwerkhaus, die barocke Kirchspielvogtei, prägt das Dorfbild seit mehr als 300 Jahren. Anfang der 70-er Jahre kaufte der damals schon berühmte deutsche Dichter und spätere Literaturnobelpreisträger Günter Grass das Haus. Hier lebte und arbeitete er bis 1985. Berühmte Werke wie „Der Butt“ entstanden hier. Dann zog es ihn nach Behlendorf bei Lübeck. Sein Haus schenkte er dem Berliner Senat. Seine Gegenforderung: Berlin (vor 1989: West-Berlin) möge junge Männer und Frauen mit einem Stipendium unterstützen, um hier in der Einsamkeit der Wilstermarsch schreiben zu können, abseits des damals von der DDR eingemauerten West-Berlin.

Jörg Feßmann, in der Akademie der Künste für die Literatur als solcher auch für die Auswahl der Stipendiaten zuständig, blickte eingangs nicht ohne Stolz auf die 30 Jahre zurück, in denen der Berliner Senat und die Akademie das Haus zur „Villa Grassimo“ gemacht haben. Er erinnerte an die Verstorbenen des letzten Jahrzehnts, an Mechtild Dietrich, die für die Verbindung von Haus und Menschen der Umgebung gesorgt habe, an den im letzten Jahr verstorbenen Günter Grass und an die 2010 verstorbene Hannelore Keyn, in in ihrer unverwüstlich direkten Art die Geister des Hauses zum Leben erwecken konnte.

Und deswegen wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn Wawerzinek und Bock den Geist der alten Keyn mit ihrer Jenseitsbeschwörung tatsächlich zurückgeholt hätten. Knarrte es da nicht an der Treppe, wackelte da nicht ein Bild an der Wand? Und bewegten sich nicht die Fischbräter in Grass’ Ex-Küche, als Bock den Butt herbeizitierte? Bei diesem Jubiläumsfest wäre - bei aller Skepsis – alles möglich gewesen...


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