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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 05:43 Uhr

Das Wewelsflether Geisterschiff

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Seit mehr als eineinhalb Jahren liegt der Massengutfrachter „Anja“ bewegungslos an einem Schlengel am Störufer. Seitdem hält eine kleine Besatzung dort die Stellung.

Während es auf dem Immobilienmarkt boomt, herrscht in der Schifffahrt Flaute. Ein Musterbeispiel dafür kann man seit fast zwei Jahren in Wewelsfleth beobachten. Dort liegt der Massengutfrachter „Anja“ an einer Schlengelanlage gleich neben dem Sportboothafen – und rührt sich keinen Millimeter mehr vom Fleck. Die MS „Anja“ Schifffahrtsgesellschaft mbH & Co. Reederei KG hatte Insolvenz angemeldet. Seitdem wartet die „Anja“ auf einen Käufer, mit dem sich auch die Banken anfreunden können.

Rückblende: Bei einem missglückten Manöver im Elbehafen Bützfleth rammte die „Anja“ am 11. Oktober 2014 eine Anlegerbrücke und die Kaimauer. Für großes Aufsehen sorgte die Havarie damals nicht. Lediglich die Bürgerinitiative zum Schutz der Elbe notierte in ihrer Rubrik Havarien in Elbehäfen: „An Bord war ein Elblotse und das Schiff wurde von einem Schlepper begleitet. Als Ursache wird vermutet, dass alle Beteiligten die örtlichen Strömungsverhältnisse falsch eingeschätzt haben.“ Nach Angaben der Initiative hatte der 122 Meter lange und mit Kupferkonzentrat beladene Frachter einen zwei Meter langen Riss oberhalb der Wasserlinie abbekommen.

Die 16 Jahre alte und zuletzt unter der Flagge von Curacao fahrende „Anja“ wurde in Richtung Wewelsflether Peterswerft geschleppt. „Wir haben mit dem Schiff nichts zu tun. Es liegt dort nur am Schlengel“, sagt Werftgeschäftsführer Mark Dethlefs. Um so mehr hat Andreas Sontopski mit dem Frachter zu tun. Der Rechtsanwalt aus dem Münsterland wurde vom zuständigen Amtsgericht in Meppen als Insolvenzverwalter eingesetzt. „Unsere Zielrichtung ist die bestmögliche Verwertung“, sucht Sontopski noch immer einen Käufer für die „Anja“, der einen Betrag im einstelligen Millionenbereich locker machen müsste. Die Alternative wäre die Verschrottung: „Es wäre nicht das einzige noch seetaugliche Schiff, dass in der Verschrottung landet.“

Sontopski sorgt dafür, dass die „Anja“ wenigstens nicht weiter an Wert verliert. Unter seiner Regie wird am Wewelsflether Anleger eine drei- bis vierköpfige Mannschaft vorgehalten. „Die Männer sorgen vor allem auch dafür, dass das Schiff nicht irgendwann Beine bekommt“, weiß der Anwalt, das unbeaufsichtigte Frachter zumindest in Teilen schnell zur begehrten Beute von Dieben werden können. Daneben lässt die Mannschaft regelmäßig die Generatoren laufen, nimmt kleinere Wartungsarbeiten vor oder kümmert sich um Rostschutz. Manövrierfähig ist die „Anja“ allerdings nicht mehr. „Die notwendigen Reparaturen stehen noch aus“, blickt Sontopski auf die Bützflether Havarie zurück. Sollte sich nicht irgendwann ein Käufer finden, geht auch die „Anja“ den in der Branche üblichen Weg zum Schiffsversteigerer.

Bis dahin ist in Wewelsfleth von regem Treiben auf dem Frachter keine Spur. In den ersten Monaten hatte sich noch die Seemannsmission intensiver um die Besatzung gekümmert. Von Glückstadt aus war auch Werner Leyffer einige Male ehrenamtlich engagiert. „Zuletzt hatten wird aber den Eindruck, dass wir nicht mehr wirklich gebraucht wurden.“ Wie Werner Leyffer berichtet, wird die Mannschaft, die auf der „Anja“ die Stellung hält, etwa alle vier Monate ausgetauscht, was nach seiner Beobachtung wohl auch gut funktioniert. Bezahlt würde das „Anja“-Team über den Insolvenzverwalter. Als der Frachter in Wewelsfleth auftauchte, waren noch zwölf Mann an Bord, die wegen Zahlungsunfähigkeit der Reederei zunächst keine Heuer bekommen hatten. Als dann im Mai vergangenen Jahres endlich Geld kam, sei die Besatzung sofort nach Hause abgezogen. „Einmal war ich noch da, kam aber nicht an Bord, weil die Gangway hochgezogen war“, sagt Werner Leyffer. In das Los der vierköpfigen Aufsichts-Mannschaft kann er sich aber gut hineinversetzen. „Viele sind ja acht bis neun Monate auf einem Schiff. Das ist dann ein bisschen wie in einem Gefängnis, weil wegen der immer schnelleren Umschlagzeiten ja auch kaum ein Landgang drin ist.“ Der Glückstädter fügt hinzu: „Aber das ist eben das Los eines Seemanns.“ Die Teilnahme am Leben sei eben sehr schwer. Ein bisschen Erleichterung schaffe das Internet, wozu ihm noch eine kleine Episode aus dem Glückstädter Hafen einfällt. „Da stand der Koch in der Kombüse und holte sich aus seiner asiatischen Heimat via Skype Tipps für die Essenszubereitung.“ Für die Reedereien sei der Zugang zum weltweiten Netz aber auch nicht gerade billig. „Das kostet mal eben 1000 oder 1200 Euro im Monat.“ Außerdem leide auch die Gemeinschaft an Bord stark darunter, wenn die Besatzung sich nach Feierabend immer komplett hinter den Computerbildschirmen versteckt. „Mit Seefahrerromantik hat das nichts mehr zu tun.“ Und auf dem Wewelsflether Geisterschiff wohl schon gar nicht.

So ganz hat Anwalt Andreas Sontopski die Hoffnung aber auch noch nicht aufgegeben, dass die „Anja“ doch eines Tages wieder in See sticht. „Es laufen immer mal wieder Gespräche.“ Die erforderlichen Reparaturen wären dann nur eine Frage des Geldes. Die Werft dafür liegt ja gleich nebenan.

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erstellt am 28.Jun.2016 | 17:33 Uhr

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