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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2016 | 09:05 Uhr

Unternehmungslustig : „Das muss ich noch einmal machen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Berlinerin erfüllt sich bei einem Besuch in der Wilstermarsch einen Kindheitstraum – und startet mit 90 Jahren in Dithmarschen zu ihrem ersten Segelflug

Die Fliegerlegende Ernst Udet hat sie noch voll in Aktion erlebt. Als kleines Mädchen bewunderte Helga Indorf den tollkühnen Piloten, wie er im Tiefflug über den Flugplatz Berlin-Johannisthal jagte und dabei sogar noch einen aufgespannten Regenschirm einsammelte. Johannisthal war 1909 als einer der ersten Flugplätze in Deutschland in Betrieb genommen worden. Die Familie von Helga Indorf lebte gleich nebenan. Der Ausflug zu den Fliegern gehörte zum regelmäßigen Programm. Mehr noch als für Ernst Udet schwärmte sie aber von den Segelfliegern. Zu ihrem 90. Geburtstag wurden die vielen Erinnerungen wieder wach – und es ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Bei einem Besuch von Sohn Kersten und Schwiegertochter Ricarda in Dammfleth, die ihr den Flug zum Geburtstag geschenkt hatten, wurde kurzerhand ein Gastflug beim Dithmarscher Luftsportverein organisiert.

„Damals wollte ich Fliegerin werden“, blickt Helga Indorf zurück. Ihre Lebensgeschichte verlief dann aber anders. Sie lernte den Beruf der Chemotechnikerin, gründete eine Familie. Und nach dem Krieg war an die Fliegerei ohnehin nicht mehr zu denken. Inzwischen lebt die sehr rüstige Seniorin in einem Stift in Berlin-Lichterfelde. „Dort konnte man gar nicht verstehen, dass ich mir zum 90. Geburtstag einen Segelflug wünschte“, schmunzelt Helga Indorf.

Auf dem Flugplatz Johannisthal waren schon vor 20 Jahren endgültig die Lichter ausgegangen. Schon in den 1920er Jahren war Tempelhof in der Hauptstadt zur Drehscheibe für den Luftverkehr geworden. Die Erinnerungen blieben aber stets wach. Bei einem Besuch in Dammfleth wurde jetzt die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Nach kurzer telefonischer Absprache ging es zum Flugplatz, wo die Flieger ihrem Gast eine herzliche Aufnahme bereiteten. „Ich finde diese Segelflugzeuge wunderschön, die elegante Form...“, kommt Helga Indorf aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus. Nach einiger Wartezeit, einen kurzen Einweisung und bepackt mit einem Fallschirm auf dem Rücken durfte sie sich ins enge Cockpit zwängen. „Da machten sich die alten Gelenke doch ein bisschen bemerkbar“, bekennt sie. Aber die jungen Leute bei den Segelsportlern seien „unheimlich nett“ gewesen. Sie habe sogar noch ein Kissen für ihren Sitz bekommen, damit sie auch hinausschauen konnte. Der Flug selbst dauerte – auch thermikbedingt – dann nur wenige Minuten. Immerhin konnte sie auch in dieser Zeit die Elbmündung von oben bewundern und in der Ferne die Kuppel des Kernkraftwerks Brokdorf aus der Luft sehen. „Ich wäre liebend gerne noch ein bisschen oben geblieben. Ich glaube, ich mache es noch einmal.“ Vielleicht ergibt sich bei einem ihrer nächsten Besuche in Dammfleth dazu ja noch einmal die Gelegenheit. Die warmen Sommertage konnte sie im Garten ihrer Kinder jedenfalls schon einmal nutzen, um den Sonnenuntergang im Westen zu bewundern. Genau in der Richtung liegt auch der Flugplatz mit den Segelfliegern. Nur, dass aus Erinnerungen jetzt ein Erlebnis geworden ist.

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erstellt am 28.Aug.2016 | 08:39 Uhr

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