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Norddeutsche Rundschau

27. April 2017 | 01:34 Uhr

Lieratur : Das Geheimnis guter Geschichten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eine tolle Idee allein macht einen Roman nicht zum Bestseller: Die Glückstädter Autorin Tania Schlie verrät, wie man erfolgreich Bücher schreibt.

Hin und wieder sieht man am Glückstädter Hafen eine große, schlanke Frau mit kurzem, mittelblondem Haar entlang spazieren und Selbstgespräche führen. Das ist Autorin Tania Schlie bei der Arbeit. Sie redet laut Dialoge ihrer Romanfiguren vor sich hin. So bekommt sie einen Eindruck, ob der Text, an dem sie arbeitet, funktioniert.

Tania Schlie (56) war Lektorin, hat dann als Autorin auf die andere Seite des Schreibtisches gewechselt. Gleich ihr erstes Buch „Die Spur des Medaillons“ (2002) war ein Erfolg. Das ist in der Branche eher die Ausnahme. Und um zu bestehen, braucht es viel Disziplin und Ausdauer. Im Interview plaudert sie über ihren Autorinnenalltag, über Fluch und Segen des Internets, Anfängerfehler, was sie inspiriert und warum Erotikliteratur für Kollegen manchmal die Rettung ist.

Kann man vom Schreiben leben?

Nur 0,8 Prozent aller Autoren in Deutschland können davon leben, das sind 80 bis 100: Die, die wochenlang auf der Spiegel-Bestseller-Liste unter den ersten Zehn stehen. Der Rest hat einen Brotberuf oder Mann oder Frau, wo dann zwei Gehälter zusammenkommen. Ich alleine könnte davon leben, aber eine Familie zu ernähren würde schwierig werden. Deshalb mache ich ja auch andere Sachen, lektoriere für andere Verlage oder habe gerade eine Ausstellung, die auf meinem Buch „Schreibende Paare“ basiert mit kuratiert. Ich erschließe mir andere Einnahmequellen.

Sie hatten gleich mit ihrem ersten Roman Erfolg...

Erfolgreiche Erstlingsautoren gibt ganz wenig. Zu sagen: Ich schreibe ein Buch und verdiene mir einen goldenen Hintern, funktioniert nicht. Man muss mehrere Bücher im Jahr schreiben, um davon leben zu können. Ich arbeite schon an einem Thema für das übernächste Buch, obwohl das aktuelle noch nicht einmal fertig ist. Deshalb haben so viele Kollegen Pseudonyme, um mehrere Verlage und Genres zu bedienen. Ich veröffentliche meine historischen Romane beispielsweise unter Caroline Bernard. Eine Bekannte schreibt unter einem Pseudonym, das sie aber nicht verrät, erotische Literatur, weil man damit Geld verdienen kann. Das trifft auf mich aber nicht zu.

Haben Sie ein Erfolgsrezept für einen guten Roman?

Eine tolle Idee allein reicht vielleicht für ein Exposé, aber dann ist das Pulver auch verschossen. Ein unbekannter Autor wird niemals wegen eines tollen Exposés eingekauft werden. Da müssen mindestens die ersten fünf Kapitel stehen. Man muss echt viel investieren ohne zu wissen, was dabei rauskommt. Und man muss viel lesen, um zu schreiben. Man muss die richtigen Charaktere haben, das richtige Setting, einen Spannungsbogen bilden, die Konflikte müssen stimmen und man muss die Leserin bei Stange halten – über 400 Seiten.

Wie schaffen Sie das?

Viele von uns recherchieren intensiv, dazu gehöre ich auch. Ich bin für „Rendezvous im Café de Flore“ einen Monat nach Paris gezogen, durch den Jardin de Plantes gelaufen, um die Atmosphäre ganz genau einzufangen. Viele Leserinnen kamen zu mir und haben mir gesagt, dass sie mit meinem Buch als Vorlage Paris abgelaufen sind. Das ist ein tolles Kompliment für mich. Aber auch der historische Hintergrund muss stimmen. Das fängt damit an, historische Stadtpläne zu wälzen: Hieß die Straße schon immer so? Gab es dieses Haus schon? Was hatten die Leute an? Wie haben sie gesprochen? Wie war die politische Situation? Gab es die und die technischen Erfindungen schon? Das ist wirklich Arbeit. Ich benutze manchmal Wörter und schreibe über historische Begebenheiten, die man so nicht kennt, wo man aber gleichzeitig ein bisschen was lernt, wenn man das liest. Über Frauen im französischen Widerstand zum Beispiel. Das wird einem nicht als Geschichtsunterricht vermittelt, sondern im Laufe einer Geschichte.

Ist es für junge Autoren heute einfacher als damals, ein Buch zu veröffentlichen?

In den letzten 20 Jahren hat sich die Situation für Autoren sehr geändert. Als ich angefangen habe, habe ich viel höhere Vorschüsse bekommen. Wenn man da ein Buch veröffentlicht hatte, hatte man eine Chance, davon leben zu können. Die Menge an Büchern auf dem Markt ist mittlerweile regelrecht explodiert, auch durch die Self Publisher: 90  000 Neuerscheinungen gibt es in der Belletristik im Jahr, dazu kommen 150  000 Titel der Self Publisher. Nur lesen die Leute deshalb ja nicht mehr. Das heißt, die Anzahl der verkauften Bücher verteilt sich auf immer mehr Titel.

Aber das Internet eröffnet auch neue Perspektiven.

Jeder kann sich heute hinsetzen und ein Buch schreiben, hochladen und gucken: Krieg ich das verkauft? Vielleicht haben auch früher viele Leute geschrieben, aber die hätten es auf dem Markt nicht geschafft, weil sie qualitativ nicht gut genug waren. Self Publishing eröffnet andere Möglichkeiten. Ich möchte das nicht schlecht reden. Es gibt ja auch viele gute Selfpublisher wie Hanni Münzer oder die Autorin von Shades of Grey. Das war ursprünglich nur im Netz verfügbar. Natürlich kommen dann die Verlage und sagen: „Sie sind so erfolgreich. Wollen Sie das nicht auch als Buch herausbringen?“ Das ist mir ja auch selber so gegangen. Ich habe im letzten Herbst ein Buch als eBook only (Der Duft von Rosmarin und Schokolade, Anm. d. Red.) veröffentlicht, das sich so gut verkauft hat, dass ich das jetzt natürlich auch an den Verlag verkauft habe. Das hat es vor 20 Jahren nicht gegeben. Meine ersten Romane gibt es gar nicht mehr im Print, da kam das Angebot vom eBook-Verlag, die neu aufzulegen. Die sind auch richtig erfolgreich. Das ist für mich noch mal eine wichtige Einnahmequelle.



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erstellt am 16.Apr.2017 | 10:54 Uhr

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