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Norddeutsche Rundschau

30. September 2016 | 12:03 Uhr

BIAB und BUND fordern bessere Filter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Quecksilberbelastung durch Holcim bereitet Bürgern weiter Sorgen

Die Schilderung drastisch, die Reaktion eindeutig: „Kribbeln an Mund und Lippen, gestörte Bewegungen, Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust...“ – betroffenes Schweigen im Café Schwarz, als der Kieler Toxikologe Dr. Hermann Kruse beschrieb, welche Folgen die in unmittelbarer Nähe des Zementwerkes Holcim in Lägerdorf gemessenen Schadstoffwerte an Quecksilber beim Menschen haben könnten. Seine Botschaft unmissverständlich: „Die Schadstoffkonzentration in der Luft ist viel zu hoch und somit gesundheitsgefährdend. Das kann in die Nahrungskette übergehen. Vor allem das inhalativ aufgenommene Quecksilber erzeugt mit einer Latenzzeit irreversible neurologische Schäden.“

Die Bürgerinitiative zur Verhinderung der Verbrennung gesundheitsgefährdender Abfälle bei Holcim (BIAB) und der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) hatten zu einem nicht-öffentlichen Informationsabend für Mitglieder geladen, etwa 60 Zuhörer waren gekommen.

Rainer Guschel (BUND) stellte klar: „Wir sind nicht gegen den Betrieb oder das Werk Holcim. Der ist ein Global Player, der seinen Betrieb fortführen muss, dessen sind wir uns durchaus bewusst.“

Diplom-Physiker Dr. Wilhelm Mecklenburg machte auf den Widerspruch aufmerksam: Obwohl es sich mittlerweile eher um eine Müllverbrennungsanlage handele, würden die geringeren Höchstwerte für Zementfabriken gelten. Während Holcim pro Jahr 1,6 Millionen Tonnen Müll zur Zementherstellung verbrenne, erreiche die Müllverbrennungsanlage SAVA lediglich 80 000 Tonnen im Jahr. „Das Problem ist, dass die Genehmigungen nur ganz schwer vor Gericht anzugreifen sind.“

Anstatt diese Mengen durch die zuständige Behörde Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) so gering wie möglich zu halten, habe die Behörde mit ihrer Genehmigung von 2012 der Zementfabrik eine 100-prozentige Müllverbrennung zugestanden – „...mit dem Ausstoß von 189 Kilogramm Quecksilber im Jahr“, so die BIAB-Vorsitzende Sabine Dammann empört. Holcim mache kräftig Gewinn. „Warum“, so fragt sie, „ist es dann nicht zumutbar, bessere Filter einzubauen?“

Bislang waren nur private Kläger zugelassen, seit 2011 können auch Verbände klagen. „Wir verlangen, dass Emissionswerte überprüft werden und der optimale Stand der Technik eingesetzt wird.“ Umweltvereinigungen wie der BIAB komme eine besondere Rolle zu. „Wir verlangen weiterhin, eine Umweltverträglichkeitsprüfung – eine Richtlinie, die seit 1988 gilt.“ Das LLUR habe das für Holcim nur einmal 2012 gemacht.

Umweltaktivist Karsten Hinrichsen meinte: „Die Firma macht gute Gewinne. Die könnten mit Geld eine bessere Technik einrichten. Wenn die Anwohner sich mehr auf die Hinterbeine stellen würden, wäre das auch möglich.“

Auf eine Verwässerung deutscher Umweltstandards durch europäische Richtlinien machte Diplom-Ingenieur Christian Tebert vom Umweltinstitut Ökopol aufmerksam, das Umweltinitiativen und engagierte Gemeinden berät. Bei den darin fest gelegten „verbindlichen Emissionsbandbreiten“ sei die „Beste verfügbare Technik“ (BVT) entscheidend. „Das ist aber nicht unbedingt die fortschrittlichste, sondern eher ein Durchschnitt, der für alle gilt. Aber wir können in Deutschland mehr.“

Einen Erfolg könne sich die BIAB auf die Fahnen schreiben: „In der europäischen Verordnung ist geregelt, dass ein Gewebefilter gar nicht mehr abgeschaltet werden darf : Das ist ihnen vor Ort zu verdanken, weil Sie diese Stelle jahrelang bekämpft haben.“ Die Staubbelastung bei Holcim sei bereits nach und nach herunter gegangen, teilweise kaum noch messbar, ein großer Erfolg der BIAB.

Der Stickoxidausstoß des Werkes könnte mit Hilfe von Katalysatoren auf unter 200 Milligramm gesenkt, die Abwärme genutzt werden, um den Katalysator zu beheizen. „Holcim stößt am oberen Limit des gesetzlich Erlaubten aus. Ohne Katalysator ist das nicht optimal, aber billiger.“

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