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Kirche und Glaube : „Beten ist wie eine Whatsapp“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ende November sind Kirchenwahlen - Jugendmitarbeiter Timo Milewski erklärt im Interview, warum schon 14-Jährige abstimmen dürfen und wie der Glaube in einer digitalisierten Welt eine Chance hat.

In knapp drei Wochen werden überall in den Kirchengemeinden neue Gemeinderäte gewählt. Wahlberechtigt sind Kirchenmitglieder schon ab 14 Jahren. Der Jugendmitarbeiter bei der Kirchengemeinde Wilster, Timo Milewski, sagt, warum das niedrige Wahlalter für ihn kein Problem ist und wie man junge Leute an die Kirche binden kann.

Herr Milewski, am 27. November werden neue Kirchengemeinderäte gewählt. Wahlberechtigt sind Kirchenmitglieder schon ab einem Alter von 14 Jahren. Ist das nicht ein bisschen jung?
Timo Milewski: Nein. Ich denke, dass die Jugendlichen auf dem Weg zur Konfirmation religionsmündig werden. Damit geben wir ihnen alle kirchlichen Rechte, aber das Wahlrecht erst mit 16  ? Das macht keinen Sinn.

In diesem Alter nimmt man gerade einmal am Konfirmandenunterricht teil. Ist dort die eher trockene Arbeit der Kirchengemeinderäte schon ein Thema?
Ich glaube, man unterschätzt die jungen Leute. Sie wählen ja auch Klassen- oder Schulsprecher. Sie wissen auch, dass es schon wichtig ist, dass eine Gemeinde gut geleitet und geführt wird. Es ist ihnen eben auch schon wichtig, dass da alles in guten Bahnen läuft. Ich soll einige aus der Altersgruppe sogar per Whatsapp an den Wahltag erinnern.

Voraussetzung für die Wahlberechtigung ist ja lediglich die Mitgliedschaft in der jeweiligen Gemeinde und, dass man getauft ist. Gilt man mit der Taufe im kirchlichen und theologischen Sinne schon als erwachsen?
Nicht die Konfirmation ist da von Bedeutung, sondern entscheidend ist die Taufe. Und die Taufe ist eben ein einmaliges Ereignis. Ob man nun im Alter von drei Monaten oder mit zwölf Jahren getauft wird, macht da keinen Unterschied. Für mich als Theologen macht das Sinn.

Mit der Wahlteilnahme werden Jugendliche ja auch schon an die praktische Arbeit in der Gemeinde herangeführt. Vielfach kann man aber beobachten, dass nach der Konfirmation das Interesse an Kirche stark zurückgeht. Wie kann man die jungen Leute länger und stärker an ihre Gemeinde binden?
Das ist nicht immer leicht zu beantworten. In jedem Fall sollte man schon in der Konfirmandenzeit Angebote machen und die jungen Leute binden. Nicht an mich persönlich, sondern an meine Aufgabe als Jugendmitarbeiter. Dann kann man ihnen zeigen: Kirche leistet sehr viel mehr. Das reicht von der Pfadfindergruppe bis zu ganz niedrigschwelligen Angeboten wie Jugendabenden. Ganz wichtig ist dabei das Erleben von Gemeinschaftsgefühl. Wir kochen und essen zum Beispiel gemeinsam, was es ja in vielen Familien schon gar nicht mehr gibt. Mein Ziel war es, dass zehn Prozent der jungen Leute nach der Konfirmandenzeit dabei bleiben. Es sind 20 Prozent geworden. Das habe ich am Anfang nicht für möglich gehalten.

Für junge Menschen ist sicher auch eine Art Erlebnisfaktor von Bedeutung. Was kann die Kirchengemeinde in Wilster zum Beispiel da bieten?
Für ganz wichtig halte ich die Möglichkeit, bei uns auch eine Jugendleiterausbildung zu machen. Dann gibt es natürlich eine Reihe von Freizeiten, wobei hier nicht unbedingt der Fun-Faktor im Vordergrund steht. Wir verbinden das immer auch mit kirchlichen und biblischen Themen. Im Hinterkopf habe ich dabei: Wenn die jungen Leute sich später gerne an diese Zeit erinnern, dann sagen sie sich vielleicht: Bei dem Verein bleibe ich.

Sie haben als Jugendmitarbeiter vor allem mit dieser Altersgruppe zu tun. Was würden Sie sagen, welchen Stellenwert die Kirche heute bei jungen Menschen hat?
Da gibt es wohl eine Dreiteilung. Die eine Gruppe geht den Weg der Tradition. Der zweiten Gruppe bedeutet es so viel, dass sie aus eigenen Stücken den Weg mit der Kirche geht. Die dritte Gruppe geht dann andere Wege.

Kirche hat ja etwas mit Glauben zu tun. Einmal ganz platt gefragt: Hat Gott gegen die Verlockungen der digitalen Welt da überhaupt eine Chance?
Das kann man doch gut miteinander verbinden. Beten ist im Grund ja nicht viel anders als das Schreiben einer Whatsapp. Man kann sich das auch Vorstellen wie in einem Chat.

Am Computer bekommt man dann aber meist postwendend eine Antwort?
Im Konfirmandenunterricht habe ich das einmal mit diesem Beispiel deutlich gemacht: Du musst dir vorstellen, du hast wegen eines gebrochenen Armes starke Schmerzen. Mit einem Gebet werden diese Schmerzen vielleicht ein bisschen weniger. Wichtig ist eben zu wissen: Gott reagiert manchmal nur im Kleinen.

Beherrschendes Thema in den Medien ist der Terror durch Islamisten. Wie nehmen nach ihrer Beobachtung junge Menschen die anhaltende Diskussion um die Frage wahr, ob der Islam mittlerweile zu Deutschland einfach dazugehört?
Eher wenig. Vielleicht liegt das daran, dass wir hier im ländlichen Raum leben. In Hamburg ist das Thema deutlich präsenter. Es kommt aber auch schon mal die Frage auf, wieso eigentlich von „heiligen Kriegen“ gesprochen wird. Dann berichte ich gerne von einer Begegnung mit einem Imam, der mir ganz deutlich sagte: Nirgendwo im Koran steht davon etwas drin. Der Islam sei eine sehr friedliche Religion und dürfe nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden. Schließlich haben wir im Grund ja auch alle die gleichen Wurzeln.


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