zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2016 | 05:21 Uhr

Forderung der UN : Behinderten-Werkstätten unverzichtbar

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Erhalt der Einrichtungen sei eine Frage des gesunden Menschenverstands, sagt Dorothee Martens-Hunfeld von der Stiftung Mensch.

Die Forderung der Vereinten Nationen (UN), Menschen in der Wirtschaft unterzubringen und so die Werkstätten für Behinderte überflüssig zu machen, stößt bei Dorothee Martens-Hunfeld, Vorstand der Stiftung Mensch in Dithmarschen, auf Ablehnung. So einfach sei das Thema nicht.

Stehen die Werkstätten, die ursprünglich sogar mit dem Attribut „Beschützend“ versehen waren, der von den UN beabsichtigten Inklusion entgegen?
Dorothee Martens-Hunfeld:
Werkstätten für Menschen mit Behinderung, in den 1960ern entstanden, sind mehr als nur Arbeitsort. Sie sind Lebensmittelpunkt und auch Schutzraum. Ich möchte nicht, dass diese letzte Bastion fällt. Beschlossen vor zehn Jahren, zielte die UN-Konvention in erster Linie auf eklatante globale Missstände ab, auf Länder mit Zuständen wie vor den Weltkriegen. Für mich ist das deutsche System hoch entwickelte soziale Infrastruktur und eines der weltweit besten, vielleicht sogar das beste. Und es ist es eine Frage des gesunden Menschenverstands einzuschätzen, wie ein geistig oder körperlich schwer behinderter Mensch adäquat in der Wirtschaft einen Arbeitsplatz findet.

Das klappt nicht in jedem Fall?
Als rohstoffarmes Land sind wir für unseren Wohlstand auf Leistung bis hin zur Ausbildung von Eliten angewiesen. Ein solches System hat seinen Fokus nicht auf Menschen mit Behinderungen. Bis heute hat die Arbeitswelt sich darauf nicht hinreichend eingestellt, Menschen mit Behinderung gerecht zu werden.

Aber es gibt Wege in die Wirtschaft?
Natürlich! Das ist mir wichtig, das deutlich zu sagen: Wir unterstützen das in jedem Fall! Dazu investieren wir sehr viel Zeit mit besonders profilierten sogenannten Jobcoaches, einen passenden Arbeitsplatz gemeinsam mit einem Arbeitgeber zu entwickeln. Das ist ein aufwendiger Prozess – und erfolgreich. Im vorigen Jahr sind landesweit zwanzig Menschen mit Behinderung diesen Weg gegangen, darunter sieben von der Stiftung Mensch.

Das in einer strukturschwachen Region ist doch ein Erfolg?
Wir sprechen hier leider aktuell lediglich über die Stärksten, denen es gelingt, einen Acht-Stunden-Tag mit all den Anforderungen zu schaffen, die an Menschen ohne Behinderung gestellt werden. Weit über 90 Prozent unserer Werkstattbeschäftigten haben gravierendere Einschränkungen. Gilt für die diese Chance nicht? Gerade an diesen darf die so verstandene Inklusion nicht vorbei gehen. Hinzu kommt: So viele Menschen wie noch nie zuvor werden im Laufe ihres Arbeitsleben psychisch krank und scheitern oftmals an der Leistungsgesellschaft – die können nicht einfach dahin zurück. Ein anderes Beispiel: England hat die beschützenden Werkstätten aufgelöst. Was ist passiert? Keinesfalls hat die Wirtschaft dies gelöst. Die Beschäftigten sind jetzt mit Sozialhilfe zu Hause – und ohne die Werkstätten als Taktgeber für einen geregelten Tag. Hier droht vielfach eine soziale Verelendung von Menschen mit Behinderung. Das zeigt: Man darf nicht ein System einreißen, ohne eine Alternative zu haben.

Einen Arbeitnehmer mit Behinderung – geistig, körperlich, psychisch – einzustellen, ist wahrscheinlich gerade für die im ländlichen Raum typischen Kleinbetriebe viel schwerer umzusetzen als von Industrieunternehmen?
Richtig. Bei uns im ländlichen Raum hat der durchschnittliche Betrieb drei bis fünf Beschäftigte. Ich habe großen Zweifel, dass dieser kleine Betrieb es schafft, auf den Kollegen, der seine Beeinträchtigungen mitbringt, geeignet eingehen zu können, von Investitionen, etwa in ein Behinderten-WC, ganz zu schweigen. Diese Arbeitgeber zu finden, ist schwierig. Wir reden hier über 700 Beschäftigte allein aus unseren Werkstätten. Dafür brauchten wir entsprechend viele Betriebe. Das gilt auch für kommunale Unternehmen. Die müssten in Dithmarschen 100 schwerstbehinderte Kollegen übernehmen, eine Stadt wie Brunsbüttel allein zehn – sollte das nicht erst einmal funktionieren? Wir machen nicht einmal drei Millionen Euro Umsatz. Dafür genügen in der Wirtschaft 20 Mitarbeiter.

Was machen die Werkstätten anders?
Wir schneidern Arbeitsplätze auf Maß und gehen von den Ressourcen aus, nicht von den Defiziten. Wir halten eine hohe Vielfalt vor, um den richtigen Platz zu finden. Richtig, das heißt: Unser Rhythmus, Anspruch, auch medizinische Versorgung bis hin zu den Arbeitswegen gehen auf die individuelle Behinderung ein. Uns gelingt so eine hohe Qualität in unseren Aufträgen, wir sind dafür zertifiziert. Das geht, weil wir das Tempo steuern. Und das geht so in der Wirtschaft heute noch nicht. Wir geben dem Menschen die Arbeit, die zu ihm passt und nicht wie er zur Arbeit. Daneben sind die Werkstätten viel mehr: Sie sind ein sozialer Ort, der eine Alltagsstruktur liefert, der Lebensfreude und Geborgenheit bietet – Behinderte benötigen Assistenz.

Ist es also müßig, über das System der Werkstätten zu reden, weil es offenbar nicht zu ersetzen ist?
Werkstätten in Deutschland gehören aus meiner Sicht zu den besten Systemen der Welt. Auch dieses muss sich unter steigendem Kostendruck ständig selbst hinterfragen. Die Stiftung Mensch ist bekannt dafür, das selbstkritisch zu tun. Ich halte aber die Diskussion für von Menschen angezettelt, die oft niemals vor Ort waren in Werkstätten und nicht wissen, was und wer dort arbeitet. Und: Die Betroffenen werden kaum selbst dazu gefragt. Daher auch die vielen Demonstrationen aktuell gegen das Bundesteilhabegesetz mit seinen vielen Webfehlern und Laufmaschen. Das verunsichert die Betroffenen hochgradig, das macht ihnen Angst. Unser System ist ein Stabilisator der Gesellschaft und soziale Infrastruktur. Ganz sicher ist Sierra Leone nicht inklusiver oder Kasachstan, weil es dort nie Werkstätten gegeben hat. Wir sind das Gegenteil, wir sind maximal geöffnet, auch für die, die absehbar von der Wirtschaft nicht aufgenommen werden. Ich möchte behaupten, das sind beinahe alle.

zur Startseite

von
erstellt am 22.Nov.2016 | 14:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen