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Norddeutsche Rundschau

30. Mai 2016 | 06:52 Uhr

Gericht : Bauern ließen 150 Kälber verhungern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Hohe Geldstrafen für 53-jährige Landwirtin aus Beidenfleth und ihren 35 Jahre alten Sohn.

Über 150 Kälber haben Mutter (53) und Sohn (35) elendig sterben lassen. Dafür bekamen sie jetzt von Strafrichter Nikolaus Rittgerodt eine Geldstrafen aufgebrummt. 2000 Euro (200 Tagessätze à 10 Euro) muss die Bäuerin zahlen, deren Hartz-4-Unterstützung komplett von der ARGE kassiert wird. 3500 Euro (140 Tagessätze à 25 Euro) muss ihr als Arbeiter beschäftigter Sohn zahlen. Amtsrichter Rittgerodt verurteilte beide wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, wie Tierquälerei im Rechtsdeutsch heißt, unerlaubten Umgangs mit gefährlichen Abfällen und Bodenverunreinigung.

Der Sohn wurde zudem wegen versuchter Nötigung sowie Trunkenheit im Straßenverkehr, begangen in Tateinheit mit Fahren ohne Führerschein, abgeurteilt. Beiden wurde ein lebenslanges Nutztierhaltungsverbot auferlegt, dem Sohn zusätzlich ein Jahr Führerscheinsperre.

Mit seinem Urteil folgte Rittgerodt vollauf dem Antrag von Staatsanwalt Kjell Gaza, zugleich Dezernent für Tierschutz- und Umweltdelikte. Rittgerodt hatte den Itzehoer Psychiatrieleiter Professor Arno Deister (57) gebeten, sich die beiden Angeklagten im Rahmen eines Gutachtens mit Blick auf die Schuldfähigkeit anzuschauen. Die Mutter verweigerte sich dem Psychiater vollständig. Über sie konnte Deister somit kein Urteil fällen. Sie wurde als voll schuldfähig eingestuft. Auch der Sohn redete keine zehn Worte mit dem Professor. Unterlagen seiner Klinik über den 35-Jährigen durfte Deister nicht verwenden. So blieb dem Gutachter auch bei ihm kaum mehr als Raten. Immerhin hatte der vor Gericht wie seine Mutter schweigende Sohn gegenüber Deister geäußert, in seinem Leben schon mal Stimmen gehört zu haben. Der Psychiater folgerte daraus eine mögliche Psychose, die Einfluss auf die Schuldfähigkeit des Angeklagten haben könnte.

Weit präziser waren da die Aussagen der tiermedizinischen Gutachter, allen voran Amtstierärztin Birte Hellerich (45). Sie organisierte zwei Hausdurchsuchungen, nachdem im Frühjahr 2011 der Fahrer (47) einer Abdeckerei die Zustände auf dem Hof mit der Kamera dokumentiert und Strafanzeige erstattet hatte. Ihm war die hohe Zahl toter Kälber, die teils schon verwest im Graben und anderswo auf dem Hof lagen, aufgefallen. ,,Zwei, drei Jahre sei es da schon so auf dem Hof zugegangen“, erklärte dazu der Wilsteraner Tierarzt Dieter Thumann (64) dem Gericht. Er wurde immer wieder gerufen, um einzelne Tiere zu behandeln. Meist blieb ihm nur, diese von ihren Qualen zu erlösen.

Hellerich war im Ende März und Anfang Dezember 2011 zur Durchsuchung auf dem Hof. 39 tote Kälber fand sie im Frühjahr, 18 im Spätherbst. 94 weitere Kälber verschwanden spurlos auf dem Hof. Obwohl von Hellerich darauf hingewiesen, dass Kohl ungesund für die Kälber sei, verfütterten die Angeklagten gammeligen Kohl. Die Tiere standen und lagen in ihren Fäkalien, die sie vor Hunger auch fraßen. Überall auf dem Hof lagen tote Tiere herum. Dazwischen umweltgefährdender Schrott und Müll: ein alter VW Bus, ein halber Traktor, beide mit Motor, ein Kühlschrank voller FCKW, eine Autobatterie, Öl- und Reinigungsmittelkanister, deren Inhalt teils schon im Boden versickerte.

Im Frühjahr auf die dringende Behebung der Zustände hingewiesen, hatte sich im Dezember daran nichts geändert. Der Sohn versuchte zudem 2014 einen ARGE-Mitarbeiter mittels Drohung zur Leistungszahlung zu bewegen. Außerdem erwischten ihn die Wilsteraner Polizeibeamten 2015 mit 1,17 Promille im Blut und ohne Führerschein.

Das Hauptaugenmerk lag auf der Tierquälerei, die das Duo durch Unterlassen an den Kälbern beging. Tiermedizininer Walter Biesenbach (54) aus Neumünster obduzierte die Kälber. ,,Dass innerhalb von fünf Wochen 39 Tiere sterben, ist, egal wie groß der Bestand ist, einfach zu viel“, so sein Fazit. Viele Tiere hatten Lungenentzündung und Magen-Darm-Erkrankungen sowie Salmonellen, stellte Biesenbach fest. Außerdem seien die Kälber ,,hochgradig abgemagert“ gewesen. Im Klartext: Die Angeklagten haben sie elendig verhungern lassen. Beide zeigten auch bei der Urteilsverkündung keine Regung. Ihnen bleibt das Rechtsmittel der Berufung wahlweise Revision.

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erstellt am 02.Sep.2015 | 16:45 Uhr

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