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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 11:40 Uhr

Gasexplosion : Bauarbeiter freigesprochen

vom

Vier Menschen waren in Itzehoe bei einer Gasexplosion im März 2014 gestorben. Das Unglück hatte sich infolge von Bauarbeiten ereignet. Mehr als zweieinhalb Jahre später steht nun fest: Die Arbeiter trifft keine Schuld.

Itzehoe Die Anspannung ist den beiden angeklagten Bauarbeitern anzusehen. Vorgebeugt sitzen sie auf ihren Stühlen in einem Saal des Amtsgerichts Itzehoe, der Schachtmeister blickt immer wieder hinter sich in die mit Journalisten gefüllten Zuschauerreihen, als gestern der zweite Verhandlungstag beginnt. Es geht um die Gasexplosion vom 10. März 2014 in der Itzehoer Schützenstraße. Vier Menschen starben damals, darunter auch ein Kollege des 52-jährigen Baggerfahrers und des 51-jährigen Schachtmeisters, die nun auf der Anklagebank sitzen. Bei Arbeiten an der Regenwasserleitung vor dem Haus Nummer 3 hatte der Baggerfahrer gegen 8.40 Uhr mit seiner Schaufel eine Gasleitung touchiert, um 9.04 Uhr flog das Haus in die Luft. Fahrlässige Tötung wirft ihnen der Staatsanwalt jetzt unter anderem vor.

Schon am ersten Verhandlungstag in der vergangenen Woche, hatte alles darauf hingedeutet, dass die Arbeiter frei gesprochen werden (wir berichteten). Schließlich hatten sie nichts von der Leitung aus dem Jahr 1964 gewusst. In den aktuellen Plänen der Stadtwerke war sie nicht verzeichnet – offenbar ein Übertragungsfehler, der bei der Digitalisierung der alten Pläne zwischen den 70er- und 90er-Jahren passiert sein soll. Einen Verantwortlichen bei den Stadtwerken hatten die Ermittlungsbehörden jedoch nicht ausmachen können.

Dennoch lassen es sich Staatsanwalt und Verteidiger nicht nehmen, ihre Plädoyers zu halten. „Die entscheidende Frage ist, ob die Angeklagten das Rohr hätten sehen können, bevor es von der Baggerschaufel erfasst wurde“, stellt Staatsanwalt Joachim Bestmann nüchtern fest. Laut Bericht eines Gutachters sei das nicht der Fall. „Beide Angeklagten hätten den Austritt des Gases nach der Beschädigung des Rohres nach meiner Überzeugung nicht mehr verhindern können“, sagt Bestmann und plädiert für Freispruch. Aufatmen bei den Angeklagten.

Trotzdem sparen die beiden Verteidiger nicht mit Kritik. „Auf der Anklagebank sitzen die beiden letzten und schwächsten Glieder einer langen Kette“, sagt die Anwältin des Baggerfahrers, Katja Münzel. Die Staatsanwaltschaft habe es sich zu einfach gemacht. Der Vertreter der Stadtwerke, der am ersten Verhandlungstag neben weiteren Zeugen gehört worden war, habe die Vorwürfe „ganz unverfroren“ von sich gewiesen.

Der Sachverhalt sei schon im Ermittlungsverfahren klar gewesen, ergänzt der Verteidiger des Schachtmeisters, Sven Sommer. „Ich bin froh, dass wir einen kurzen Prozess hatten und nicht noch weitere Zeugen hören mussten. So können wir das Martyrium für meinen Mandanten beenden.“

Die Vorwürfe will Staatsanwalt Joachim Bestmann nicht unkommentiert stehen lassen. Noch einmal erhebt er  sich und stellt klar, dass die Sache  während des Ermittlungsverfahrens noch anders ausgesehen habe. Der Baggerfahrer habe beispielsweise erst während der Verhandlung konkrete Angaben zu Ablauf und Uhrzeiten gemacht.

Nach viertelstündiger Bedenkzeit spricht Richterin Katja Komposch die beiden Arbeiter schließlich frei. Endlich könne sie sich auf ihren Stühlen zurücklehnen. Sie könne verstehen, dass Hinterbliebene und Verletzte erfahren wollten, wer der Schuldige für das Unglück sei, sagt Komposch an Matthias Rebentisch gerichtet, der die Nebenkläger vertritt. „Die Angeklagten sind es jedenfalls nicht.“

 

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erstellt am 23.Nov.2016 | 15:41 Uhr

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