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Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 11:15 Uhr

Aus dem Leben eines umstrittenen Querdenkers

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ungewöhnliches Thema beim Verein Leselust: Autor Rüdiger Sünner bringt Zuhörern den Künstler Joseph Beuys näher

Die sensible Seite von Joseph Beuys stand im Mittelpunkt des Vortrags von Rüdiger Sünner. Er wolle den Künstler denen nahebringen, die bislang wenig Verständnis für die Beuys‘sche Kunst hatten, erläuterte der Berliner Autor und Filmemacher. Beuys sei als Querdenker und Grenzgänger bis heute umstritten, aber oft verkenne man auch seine Anliegen. „Er wollte berührbar sein und berühren“, bezog Sünner eigene Begegnungen mit Beuys‘ Werken auf dessen frühe Biographie, die durch einschneidende Erlebnisse geprägt ist.

„Etwas ganz anderes“, präsentierte damit der Verein Leselust in seiner traditionellen monatlichen Veranstaltung. „Ob ich Beuys nun lieber mag, weiß ich noch nicht, eigentlich verstehe ich ihn nicht. Aber Ihr Vortrag und alles, was Sie mit ihm verbinden, hat mich rundum begeistert“, bekannte die Leselust-Vorsitzende Birgit Böhnisch nach der Lesung, die mit Ausschnitten aus dem Buch „Zeige deine Wunde“ und aus dem gleichnamigen Film illustriert wurde.

Ähnlich reagierte auch das Publikum, das im Anschluss an die Präsentation viele Fragen stellte, aber auch einräumte, dass es das Phänomen Beuys bislang eher kritisch betrachtet habe. „Gehen Sie mal ins Museum nach Düsseldorf, München oder Kassel und lassen Sie eine Installation von Beuys auf sich wirken“, riet Sünner. Die Beuys‘sche Kunst sei nicht didaktisch, sondern gebe assoziative Winke. Joseph Beuys habe sich als Vermittler verstanden, habe leidenschaftlich mit Ausstellungsbesuchern diskutiert und auch Widerrede geschätzt.

Wenn man seine Arbeiten wie er erstmals als 16-Jähriger im Original sehe, spüre man deren Wirkung sinnlich, erzählte Sünner, der aus Köln stammt. Bei ihm sei viel Fantasie freigesetzt worden, Ängste, Assoziationen, aber auch Hoffnung, als er in der Kunsthalle Düsseldorf zufällig vor der Installation „Das Rudel“ stand: Einem alten VW-Bus folgt eine Ansammlung von Schlitten, die mit Filzdecken bepackt sind.

Der biographische Hintergrund: Beuys ist im Zweiten Weltkrieg mit einem Jagdflieger auf der Krim abgestürzt und hatte bis zur Bergung in der Kälte Fantasien, die um Tataren und Nomaden kreisten und ihn lebenslang spirituell prägten. Die Nahtoderfahrung habe ihn vermutlich extrem empfindsam und seelisch durchlässig gemacht.

Zudem sei er als Kind eines Mehlhändlers mit dem Vater viel in alten Mühlen am Niederrhein unterwegs gewesen und habe deren objekthafte Magie, die sich auch mit der schöpferischen Kraft der Natur verband, in seine Arbeiten übernommen.

„Bei ihm verwandelten sich die Dinge, auch materiell Niedriges, Schmuddeliges und oft gering Geschätztes werde edel und wichtig“, erklärte Sünner die Verwendung von Filz oder der legendären Butter in den Beuys’schen Arbeiten. „Er hebt die Dualismen auf, unter denen wir leiden. Wir sehen oft nur das Funktionelle an den Dingen. Beuys bricht aus dem Gefängnis der Zweckbestimmung aus.“ Wir sollten das zulassen, sagte Sünner. Er selbst empfinde die Zärtlichkeit von Beuys für das Verfallende als Balsam – denn für die Zukunft müssen wir es neu definieren.

Insofern passe auch der Lesungsort im Palais ideal zum Thema. „Das wunderschöne kleine Schloss ist mit seinem Spiegelsaal nicht so bombastisch und einschüchternd wie Versailles, man denkt, Johann Sebastian Bach kommt gleich um die Ecke.“

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erstellt am 19.Okt.2016 | 14:31 Uhr

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