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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2016 | 11:05 Uhr

Reportertausch : Am Tiefpunkt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

3,54 Meter unter Normalnull – wie fühlt es sich da an? Dieser Frage ist Andreas Gruhn nachgegangen. Unser Autor aus dem Rheinland hat den offiziellen Tiefpunkt besucht und den Ort auf sich wirken lassen.

Die Straße nach Wilster hat einige Dellen. Der Asphalt schlägt Bögen. Die Häuser, die an dieser Straße liegen, sind ziemlich alleine, die nächsten Nachbarn wohnen mindestens hundert Meter entfernt. Und man scherzt, hier könne man mittwochs schon sehen, wer sonnabends zu Besuch kommt. Überraschungsbesuche sind ja nur gut, wenn man sich darauf vorbereiten kann. Auf wenigen Wiesen weiden Pferde und Kühe, sonst ist das Land sehr leer.

Und mitten in diesem Marschland liegt der absolute Tiefpunkt: Irgendwo bei Kilometer 6,4 der Landstraße 135 (um es genau zu sagen bei 53.96317431771302 Grad Nord und 9.31816577911377 Grad Ost) in Neuendorf-Sachsenbande ist der geografische Punkt, an dem Deutschland dem Erdkern am nächsten ist. Nirgendwo ist Deutschland tiefer gelegen als hier. 3,54 Meter unter Normalnull. Und wenn man auf einer Bank an diesem Pfahl mit der Aufschrift „Tiefste Landstelle der B.R. Deutschland“ sitzt, auf die eigentliche Senke im Privatbesitz schaut, bildet man sich fast ein: Es ist auch nirgendwo schöner.

Am Niederrhein, der Heimat des Autors, gibt es diese Landschaft auch. Die Erde ist platt wie eine Scheibe, aber es gibt doch einen Unterschied, den man auf den ersten Blick nicht sieht: Wasser. Die Wilstermarsch, so besagt es ja auch der Name, ist voll davon. Furchen durchziehen die Flure, in ihnen steht das Wasser. In der Nähe steht noch eine alte Windmühle, in der offenkundig aber kein Getreide gemahlen wurde. Sondern die eine der Pumpen angetrieben hat, die die Marsch entwässern. Heute, erfahre ich, funktioniert das alles moderner, und zwar elektronisch. Aber trotzdem können auf vielen Flächen keine Landwirte ackern. Straßen schlagen Wellen. Und Häuser, die nicht ordentlich auf Pfählen gebaut sind, sacken ab. Auch davon sieht man einige an den Landstraßen der Wilstermarsch. Vielleicht war es auch dieses Phänomen, das Neuendorf-Sachsenbande den offiziellen Tiefpunkt Deutschlands beschert hat? Immerhin lebt ein Großteil der Einwohner (etwa 500 Menschen) unterhalb des Meeresspiegels.

Ganz sicher jedenfalls war es das Katasteramt Itzehoe, das im September 1987 die Tiefe amtlich vermessen hat. Damit endete ein jahrelanger Streit mit Krummhörn, das mit einer Senke von 2,30 unter Normalnull zuvor den tiefsten Punkt des Landes für sich beansprucht hat. Seitdem ist aber Ruhe, und die Besucher des Ortes können sich ganz offiziell ins Gästebuch des Tiefpunktes, das in der Hütte hängt, eintragen. Wie hoch das Wasser an dieser Stelle gestanden hätte, gäbe es die Deiche nicht, zeigt ein Pfahl mit den Sturmfluthöhen seit 1825. Im Jahr 1962 zum Beispiel stieg das Wasser bis auf 5,83 Meter. An Deutschlands tiefstem Punkt hätte das Wasser also 9,37 Meter tief gestanden.

Und genau deshalb begreift man als Niederrheiner, der das Meer nur vom Urlaub kennt, warum es angesichts von stärkeren Unwettern und steigendem Meeresspiegel so wichtig ist, dass das Land Schleswig-Holstein in den kommenden Jahren 129 Millionen Euro in den Hochwasser- und Küstenschutz investieren will.

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