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Norddeutsche Rundschau

10. Dezember 2016 | 17:33 Uhr

Erste Hilfe : „Alles ist besser als nichts tun“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nachdem sein letzter Kurs schon über zehn Jahre zurückliegt, hat unser Redakteur an einer Erste-Hilfe-Fortbildung in Itzehoe teilgenommen – ein Selbstversuch

Zugegeben: Ich habe ein schlechtes Gewissen, als ich mich auf den Weg zum Erste-Hilfe-Kurs beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) mache. Meinen letzten Kurs habe ich (30) vor meiner Führerscheinprüfung gemacht, 13 Jahre ist das her. Meine Erinnerungen sind blass. Dass wir die Wiederbelebung an einer Puppe geübt haben, kann ich vor dem geistigen Auge gerade noch erkennen. Aber wie das genau ging, bekomme ich nicht mehr zusammen.

Mein Gewissen wird noch schlechter, als ich durch das Fenster des Kursraums in der Lindenstraße eine Malerin beobachte, die etwas unbeholfen eine Leiter hinaufsteigt. Was würdest du tun, wenn sie jetzt runterfällt, frage ich mich. Ich finde nicht so wirklich eine Antwort und hoffe einfach, dass nichts passiert.

Bei der Vorstellungsrunde findet mein Gewissen schnell Erleichterung: Als ich kleinlaut berichte, dass mein letzter Kurs 13 Jahre her ist, fangen andere Teilnehmer an zu schmunzeln. „Mein letzter Kurs ist über 20 Jahre her“, sagt eine Teilnehmerin. Bei einem sind es sogar über 30 Jahre. „Das macht nichts“, sagt Übungs-Leiterin Kristina Wittmann, die seit vielen Jahren ehrenamtlich die Kurse leitet. „Erste Hilfe heißt vor allem, den Kopf einzuschalten. Und wenn der Kopf nicht das Richtige sagt, dann sagt es der Bauch.“ Sich auf seinen Instinkt verlassen, das könne erst einmal jeder – egal wie lang der letzte Kurs her sei.

In der Tat: Als Wittmann die Grundlagen der Ersten Hilfe abfragt, bekommt sie schnell die richtigen Antworten aus der Runde: Hilflose Person ansprechen, Atmung kontrollieren, Person in stabile Seitenlage bringen, Notruf absetzen. „Gar nicht so schlecht“, lobt sie und ergänzt: „Und niemals die eigene Sicherheit vergessen. Die geht im Zweifel immer vor.“ Ein Gefühl der Beruhigung macht sich in mir breit, das hätte ich auch noch gewusst.

Spannend wird es, als es schon nach einer knappen Stunde Theorie an die erste Praxisübung geht. In kleinen Gruppen sollen wir den Umgang mit verschiedenen Unfallszenarien durchspielen. An der ersten Station soll ein verunfallter Autofahrer versorgt werden, der nur eine kleine Wunde hat. Einen einfachen Verband zu wickeln, bekomme ich hin. Allerdings ist es ungewohnt, meiner Gruppen-Partnerin Christine Vielstich (52) so nahe zu kommen. Ist es okay für sie, wenn ich sie berühre? Wie fest darf der Verband sein? Nicht nur bei mir, auch bei anderen Teilnehmern ist die Unsicherheit groß.

„Das ist in der Tat ein großes Problem“, sagt Kristina Wittmann. „Die meisten Teilnehmer der Erste-Hilfe-Kurse haben Berührungsängste. Ich versuche, sie den Leuten zu nehmen.“ Wichtig sei dafür vor allem die Kommunikation untereinander: „Reden Sie mit den Verletzten und sprechen Sie sich mit den anderen Helfern ab“, mahnt Wittmann immer wieder.

In unserer Gruppe funktioniert das gut. Schnell kommen wir ins Gespräch miteinander, bei allen werden Erinnerungen an Unfälle wach, die sie selbst schon erlebt haben. Spätestens bei der dritten Station sind alle Berührungsängste abgebaut und wir haben richtig Spaß miteinander.

Schließlich geht es an die Herz-Lungen-Massage, die natürlich nicht am Gruppen-Partner, sondern an einer Puppe geübt wird. Der Klassiker in jedem Erste-Hilfe-Kurs. Aber wo muss ich gleich nochmal pumpen? Wieder krame ich in meinem Gedächtnis: Da war doch irgendwas mit Rippenbogen ertasten, Abstand mit den Fingern messen? „Ja, das gab es mal“, sagt Wittmann, „ist aber viel zu kompliziert. Drücken Sie einfach im unteren Drittel des Brustbeins.“ Schnell habe ich die richtige Stelle gefunden, und auch wenn es mich nach drei Minuten ein wenig aus der Puste bringt, ist das eigentliche Pumpen kein Problem für mich. „Erste Hilfe ist einfacher geworden“, sagt die Übungsleiterin. Schließlich sei man ja nur Ersthelfer. „Den komplizierten Part überlässt man lieber den Profis. Alles ist besser als nichts tun – und wenn Sie nur den Krankenwagen rufen.“

Mit diesem beruhigenden Satz im Hinterkopf gehe ich abends nach Hause, mein schlechtes Gewissen ist endgültig verflogen. Und auch meine Gruppenpartner sind zufrieden. „Der Kurs hat auf jeden Fall etwas gebracht, ich fühle mich sicherer“, sagt Nadine Urban. „Er hat mir ein bisschen die Angst genommen“, meint Christine Vielstich. Als ich den Kursraum verlasse, sehe ich wieder die Malerin, die immer noch auf ihrer Leiter steht: Dass ihr nichts passieren wird, hoffe ich noch immer. Aber falls sie runterfällt, wäre ich jetzt wenigstens nicht mehr ganz so hilflos.

>Erste-Hilfe-Kurse in Itzehoe: Das Deutsche Rote Kreuz bietet am Sonnabend, 16. Juli, von 9 bis 17 Uhr den nächsten Kurs an. Weitere Termine und Informationen gibt es unter www.drk-kv-steinburg.de oder unter 04821/ 67900.

Der nächste Kurs beim Malteser Hilfsdienst findet Sonnabend, 25. Juni, 9 bis 17 Uhr statt. Anmeldung und Informationen unter 04821/ 947236 oder www.malteser-itzehoe.de.

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erstellt am 11.Jun.2016 | 08:00 Uhr

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