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Gesellschaft : „Aischa“ kritisiert SEK-Einsatz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Beidenfletherin schildert Festnahme aus ihrer Sicht: „Ich glaubte an einen Überfall“. Polizei weist die Vorwürfe zurück.

Nach dem Klingeln an der Haustür dauert es noch einen kleinen Moment. Dann erscheint eine Frau in schwarzer Vollverschleierung. Ihren deutschen Namen hat sie vor etwa einem Jahr abgelegt, als sie zum Islam konvertierte. „Nennen Sie mich Aischa.“ So hieß eine der Ehefrauen des Propheten Mohammed. Sie lebt im ersten Stock eines gemeindeeigenen Wohnhauses in Beidenfleth. Vor zehn Wochen ging es hier nicht ganz so friedlich zu. Zwei Beamte der Polizeistation Wilster standen vor der Tür, wollten einen Haftbefehl vollstrecken. Die Frau hatte plötzlich eine Pistole in der Hand. Die Beamten riefen das Spezialeinsatzkommando. Nach rund vier Stunden wurde die Frau in ihrer Wohnung überwältigt und abgeführt. Die Pistole war eine ungeladene Schreckschusswaffe.

Heute erhebt Aischa schwere Vorwürfe gegen das Vorgehen der Polizei und des Staates an sich. Während sie noch in einer Aufwachphase gewesen sei, hätten die Beamten plötzlich mitten in ihrem Flur gestanden. Sie habe an einen Überfall geglaubt. Den Generalschlüssel für alle Mietwohnungen im Haus habe die Polizei zuvor vom Amt Wilstermarsch bekommen. „Das ist Hausfriedensbruch“, sagt sie und will nun Anzeige erstatten.

Überhaupt entspreche die veröffentlichte Darstellung des Tages, es war der 9. Februar, nicht in allen Punkten den Tatsachen. Aischa stellt erst einmal klar, dass sie nicht geistig verwirrt sei. Auch ihr damals von den Behörden genanntes Alter von 57 Jahren mag sie nicht bestätigen. Sie beschreibt sich als eine Frau im reifen Alter.

Und für das Großaufgebot an Polizei findet sie nur diese Erklärung: „Der deutsche Staat hat Angst vor dem ’Islamischen Staat’ und meint deshalb, Narrenfreiheit zu haben.“ Die Polizei jedenfalls, so betont sie noch einmal, habe kein Recht gehabt, einfach in ihre Wohnung einzudringen. Sicher, so räumt sie ein, habe es einen Haftbefehl gegeben. „Aber keinen Durchsuchungsbeschluss.“ Worum es bei dem Haftbefehl denn gegangen sei? Eine Geldangelegenheit. Und die Pistole? Die habe sie nur zu ihrem persönlichen Schutz gehabt.

Fragen nach ihrer Vergangenheit oder ihrem Lebenslauf weicht sie aus. Durchblicken lässt sie nur, aus einem guten Hause zu stammen. Und später habe sie einige Zeit Psychologie studiert. Offen spricht sie hingegen über den so genannten „Islamischen Staat“, zu dem sie sich mehrfach klar bekennt. Ob sie nicht verstehen könne, dass sie mit diesem Bekenntnis Ängste bei Polizeibeamten, vielleicht auch in der Bevölkerung einer so kleinen Gemeinde wie Beidenfleth weckt? „Das ist mir egal.“ Und die Polizei müsse damit rechnen. Das sei ja ihr Job. Es interessiere sie auch nicht, wie andere Menschen über sie denken. Ihr komme es aber dennoch darauf an, einige Punkte klarzustellen. „Schließlich betrifft das ja meine Person. Und ich lasse mich nicht bloßstellen.“ Das Verhalten von Polizei und Behörden sei aus ihrer Sicht eben nicht in Ordnung gewesen.

Ganz freimütig teilt sie noch mit, dass sie da auch schon andere Erfahrungen gemacht habe. Einmal sei der Zoll wegen einer Vollstreckung bei ihr vorstellig geworden. „Die hätten dann aber auch einen eindeutigen Durchsuchungsbeschluss gehabt.“

Und auch mit Polizeispezialkräften habe sie schon Erfahrung. „Ich hatte früher schon zweimal Besuch vom SEK.“ Dass sie diesmal eventuell unsanft behandelt worden sei, darüber klagt sie nicht. Sie zeigt aber auf Blutspuren am Boden und an einer Wand, die noch von der Festnahme herrührten. Und warum sie sich erst Wochen nach dem Ereignis mit ihrer Sicht an die Öffentlichkeit wende? „Ich bin ja jetzt erst wieder aus der Justizvollzugsanstalt rausgekommen.“

Bei der Polizeidirektion Itzehoe reagiert man gelassen auf die Vorwürfe. Das Anliegen der Beidenfletherin, so bestätigt Sprecherin Merle Neufeld, sei schriftlich eingegangen und als Dienstaufsichtsbeschwerde eingestuft worden. Inzwischen seien die Vorwürfe allerdings schon zurückgewiesen worden. Das Betreten der Wohnung sei mit dem Haftbefehl nämlich rechtlich abgedeckt. Die Antwort der Polizei an die Beidenfletherin sei allerdings als unzustellbar zurückgekommen. Sie wurde daraufhin durch Streifenbeamte persönlich zugestellt.

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erstellt am 21.Apr.2017 | 05:42 Uhr

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