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Norddeutsche Rundschau

07. Dezember 2016 | 21:21 Uhr

Entscheidung : Abschied von Pferd, Rind und Schaf

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Tierarztpraxis Dr. Thumann gibt zum 1. Mai die Behandlung von Großtieren auf. Ein Grund sind die geänderten Bedingungen in der Landwirtschaft.

Es ist das Ende einer Ära – und es dokumentiert zugleich den Wandel in der ländlichen Tiermedizin und die dramatischen Entwicklungen auf vielen Bauernhöfen: Zum 1. Mai gibt die Wilsteraner Tierarztpraxis Thumann die Behandlung von Großvieh auf. Über drei Generationen hinweg beherrschte die Tierwelt der Landwirtschaft das Geschehen bei Thumann. Künftig werden dort nur noch Kleintiere behandelt. Das allerdings auf höchstem Niveau.

„Der Schritt ist uns schon ein bisschen schwer gefallen“, bekennt Dr. Hauke Thumann, der mit Pferd, Rind und Schaf aufgewachsen ist. Sein Großvater Ernst hatte 1949 die Tierarztpraxis eröffnet, damals noch auf der gegenüberliegenden Seite des heutigen Standorts in der Neuen Burger Straße. Die zahlreichen Höfe in der Wilstermarsch versorgte er zunächst per Fahrrad. „Für seine Arbeit brauchte er damals noch die Genehmigung der britischen Besatzungsmacht“, erinnert sein Enkel an andere Zeiten.

Sein Vater Dr. Dieter Thumann, inzwischen 65 und noch immer als „alter Hase“ in dem Familienbetrieb mit aktiv, übernahm die Praxis Ende 1979. Neben Großvieh versorgte er erstmals auch Kleintiere mit. „Das war damals schon revolutionär“, sagt Sohn Hauke. Unter seinem Vater war auch die erste Gemischtpraxis in der Region geboren. Ein Schwerpunkt war vor mehr als 30 Jahren aber die Behandlung von Pferden. Zur Praxis gehörte auch eine Deckstation. Dieter Thumann, der lange Jahre gemeinsam mit Jochen Beimgraben arbeitete, hatte sich auf diesem Gebiet einen weithin hörbaren Ruf arbeitet. Der heute 38-jährige Sohn Hauke erinnert sich noch gut daran, wie er als kleiner Junge nachts um drei aus dem Bett geholt wurde. „Da standen alle schon bei der OP, und ich musste mit anpacken.“ Schon damals sei aber der Anteil an Kleintieren langsam aber stetig gewachsen.

„In den vergangenen 30 Jahren sind etliche Höfe aus der Wilstermarsch verschwunden“, erlebte die Praxis Thumann die Veränderungen hautnah. Die Bedingungen in der Landwirtschaft seien immer schwieriger geworden, sowohl bürokratisch als auch finanziell. „Und viele Landwirte bangen um ihre Existenz.“ Zudem habe sich die Rinderpraxis mit der Zeit immer mehr in eine Bestandsbetreuung verwandelt. Nicht zuletzt aus Kostengründen haben viele Bauern Arbeiten selbst übernommen, für die früher der Tierarzt geholt wurde. Hinzu kommt: Es gibt inzwischen sogar schon rollende Großtierpraxen, die die Höfe abklappern. Verändert haben sich aber auch die Anforderungen in der Tiermedizin. „Mein Vater gehört noch einer Generation an, die vieles und das auf hohem Niveau machen konnte“, sagt Hauke Thumann. Die Bandbreite reichte von der Kolik-Behandlung beim Pferd über den Kaiserschnitt beim Rind bis zum Kreuzbandriss beim Hund. Bei der zunehmenden Spezialisierung in der Tiermedizin sei es heute auch gar nicht mehr möglich, solche Allrounder unter den Land-Tierärzte zu finden.

Die Entwicklung sei schon in den letzten Jahren absehbar gewesen, sagt Hauke Thumann, der die Praxis vor vier Jahren offiziell von seinem Vater übernommen hat. Zum Team gehören seine Frau Katrin Rathjen und Tierarzt Mike Hartmann sowie sechs Mitarbeiterinnen. „Wir haben uns schweren Herzens zu diesem Schritt entschlossen“, betont der 38-Jährige noch einmal. Immerhin ist er mit Großtieren nicht nur aufgewachsen. Nach Studium in Leipzig und Budapest hat er seine Doktorarbeit im Rahmen einer Tätigkeit auf einem Hof mit 3500 Milchkühen geschrieben.

Parallel wurden aber auch schon Weichen für eine veränderte berufliche Zukunft gestellt. Hauke Thumann und Mike Hartmann holten sich zusätzliches Fachwissen bei langjähriger Arbeit in einer Nürnberger Tierklinik. Thumann ist heute auf chirurgische Eingriffe spezialisiert, Hartmann als Internist. Das Trio rundet Katrin Rathjen als Alternativmedizinerin ab. Durch umfangreiche Investitionen in moderne Gerätschaften wie Blutanalyse, digitales Röntgen, Sonografie, Osteosynthese und Endoskopie hat sich die Praxis Thumann zudem in eine spezialisierte Überweisungspraxis für Kleintiere gewandelt – mit einem inzwischen recht großen Einzugsgebiet. „Dabei arbeiten wir auch gerne mit den umliegenden Kollegen Hand in Hand zusammen“, so Hauke Thumann.

„Wir verlieren wertvolle und liebgewonnene Kunden“, schreibt Thumann in einem Informationsbrief an Landwirte und Pferdehalter und bietet seine Zusammenarbeit mit anderen Tierärzten in allen Fragen zu bestehenden oder alten Bestandsproblemen an. „Wo immer es möglich war, haben wir uns von den Landwirten auch persönlich verabschiedet.“

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