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Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 11:15 Uhr

Landwirtschaft : „30 Cent Milchgeld ist für uns die unterste Grenze“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie sich die kleine Horster Meierei in einem umkämpften Markt ihre Nischen sucht und warum sie die Landwirte besser bezahlt als alle anderen.

Frau Dr. Tegel, bundesweit stehen die Milchbauern wirtschaftlich mit dem Rücken an der Wand. Für ihre Arbeit werden sie mit 20 Cent Milchgeld abgespeist. Die Horster Meierei zahlt aktuell 30 Cent. Wie ist das möglich?

Tatjana Tegel: Wir haben uns entschieden: 30 Cent ist die unterste Grenze, sonst ist unser Konzept gescheitert. Und sonst riskieren wir, dass Höfe Land verkaufen müssen. So nehmen wir die finanzielle Last auch ein bisschen auf uns. Das ist natürlich eine Herausforderung. Aber wir alle wussten, worauf wir uns da einlassen. Es gibt ja auch diesen Spruch vom Wachsen oder Weichen. Das halte ich für desaströs.

Man müsste denken, die Milchbauern stehen bei Ihnen Schlange. Sind Sie voll ausgelastet oder könnten Sie noch Lieferanten aufnehmen?

Wir müssen erst den Markt entwickeln, dann können wir neue Landwirte aufnehmen. 20 Landwirte stehen zur Zeit auf der Warteliste, dieses Jahr haben wir schon vier aufgenommen. Aber die Not ist groß. Jede Woche melden sich welche bei uns. Oberstes Ziel bleibt aber: Wir können nicht unter 30 Cent gehen. Wir dürfen die Landwirte ja auch nicht verschleißen.

2014 stand die Meierei Horst eigentlich vor dem Aus. Wie haben Sie das Überleben geschafft?

Mit einem guten Konzept und damit, dass wir voll auf unsere Marke setzen. Gleichzeitig verzichten wir seitdem aber auch auf nicht unbedingt notwendige Investitionen. Erst vor wenigen Tagen ist bei uns eine EDV eingeführt worden. Bis dahin wurde die Buchhaltung noch über Karteikarten geführt. Und in unserer Produktion steht eine Verpackungsmaschine für Butter, deren Schwestermodell man im Freilichtmuseum am Kiekeberg bewundern kann. Aber sie funktioniert. Warum sollten wir sie also ersetzen. Außerdem haben wir unter unseren Mitarbeiter welche, die mit Zauberhänden die Maschinen in Gang halten. Natürlich müssen wir noch viele Dinge schieben. Das Geld, das wir verdienen, stecken wir derzeit aber lieber in die Weiterentwicklung unserer Marke.

Die Meierei Horst setzt voll auf Regionalität. Geht die Rechnung für Sie auf?

Wir beliefern freie Händler direkt mit unserer Ware, auch zahlreiche Supermärkte in Schleswig-Holstein und Hamburg, wobei Hamburg ein Feld ist, wo es noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Gerade in letzter Zeit haben wir eine Reihe von Märkten hinzugewonnen. Wir sind da noch ganz altmodisch mit unserem Musterkoffer unterwegs. Vor Ort bieten wir dann gleich eine Verkostung an – sehr oft mit Erfolg. Man kann mit den Supermarktleuten ja reden. Das ist ja auch genau das, was wir wollen: eine Zusammenarbeit von Landwirten, Meierei und Konsumenten. Und es zeigt, dass wir Einfluss haben auf die Angebote in den Supermärkten. Sehr viel mehr als wir manchmal denken.

Steht man als Verbraucher vor dem Milchregal, ist das Angebot ja fast schon erdrückend. Wie soll man sich da noch zurecht finden – vor allem, wenn man die Landwirte in der eigenen Region unterstützen will?

Es stimmt. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Smartphone, greifen aber ohne nachzudenken einfach ins Milchregal. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, dass überall dort, wo heute Mais wächst früher Rinder liefen. Und die Milch kommt dann von Kühen, die ihr Kraftfutter aus Brasilien kriegen. Manchmal habe ich das Gefühl, es passiert alles einfach und wir haben vergessen uns zu kümmern. Die Milch von unseren Landwirten kommt natürlich nur von Tieren, die noch auf der Weide stehen.

Die Milchwirtschaft findet heute global statt. Wo steht die Meierei Horst in diesen weltweiten Verflechtungen?

Da gibt es ein ganz einfaches Beispiel. Auch bei unserer Produktion bleibt am Ende eine bestimmte Menge Magermilch übrig. Die kann man auf dem Markt nur noch für fünf Cent pro Kilogramm verkaufen. Dann wird sie zu Pulver verarbeitet, landet in Nigeria und macht dort die Milchwirtschaft kaputt. Die globalisierte Welt macht eben auch vor einer kleinen Meierei nicht halt. Eigentlich wissen wir genau, dass nicht alles einfach so weitergehen kann.

Werden Sie Ihre Produktpalette weiter ausbauen? Wo sehen Sie vielleicht auch neue Märkte?

Für uns ist die Produktion immer auch eine große Mischkalkulation. Butter zum Beispiel kann man auf dem Markt gar nicht zu den Herstellungskosten verkaufen. Schließlich werden sechs Kilogramm Milch für die Herstellung von einem Kilogramm Butter benötigt. Da muss man sich auch neue Märkte suchen. Gerade ist bei uns die Produktion unserer ersten Salzbutter angelaufen. Wir haben lange gesucht, bis wir schließlich auf Sylt jemanden gefunden haben, der tatsächlich auch noch echtes Nordseesalz herstellt. Dann hatten wir die Idee, die Butter in ein kleines Glas abzufüllen. Herausgekommen ist ein sehr wertiges Produkt. Ein tolles Mitbringsel zum Beispiel für Touristen.

Sie seien „die letzte ihrer Art“ kann man auf den Produkten aus der Horster Bahnhofstraße lesen. Was macht Sie denn so besonders?

Allein schon die Größenordnung. Und wenn man frische Milch aus Schleswig-Holstein sucht, kommt man an Horst nicht vorbei. Es sind vor allem auch die sehr kurzen Wege in der Verarbeitung. Je größer die Pumpen sind und je länger die Rohre durch die die Milch fließt, um so mehr verändert das den Geschmack. Wenn wir von traditionell reden, ist das vor allem auch die sehr schonende Verarbeitung. Die wird eben mit Aroma belohnt. Wer unsere Milch trinkt, ist in der Regel auch begeistert.

Mit einer kleinen Biosparte bedienen Sie auch besonders bewusst lebende Verbraucher. Hat dieser Markt noch großes Potential?

Die Milch der Öko-Melkburen wird bei uns lediglich im Werklohnvertrag abgefüllt. Aber auch das läuft sehr gut. Die Frühlingsmilch ist längst ausverkauft. Jetzt ist die Sommermilch auf dem Markt.

In die Meierei Horst kann man ja auch als Verbraucher einsteigen. Wie funktioniert das und lohnt sich das?

Man kann Anteile an unserer Genossenschaft erwerben. Die Mindestzeichnung beträgt sieben Mal 77 Euro. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: Als Altersvorsorge würde ich das im Moment aber noch nicht empfehlen. Wir sind ganz klar noch nicht in der Gewinnzone. Dennoch lohnt es sich in jedem Fall. Die wichtigste Dividende ist nämlich, dass man weiter unsere Produkte kaufen kann. Und da kämpfen wir um eine sichere Zukunft.

Wenn Sie mal einen Blick in diese Zukunft wagen. Wo steht die Meierei Horst in zehn Jahren?

Unser Innenhof ist mit Glas überdacht, und wir haben regelmäßig Besichtigungen durch Menschen, die noch sehen wollen wie ganz traditionell Milch verarbeitet wird. Und unsere Produkte kann man in ganz Schleswig-Holstein und Hamburg kaufen. Dazu sind wir als kleine Meierei in den Fokus von Spitzenköchen geraten. Viele wissen doch gar nicht, was wir in Schleswig-Holstein für tolle Produkte und Köche haben. Probieren Sie doch einmal unseren Joghurt mit einer im Norden hergestellten Rosen-Marmelade. Das ist der Hammer!

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erstellt am 05.Jul.2016 | 05:50 Uhr

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