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Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 21:50 Uhr

Wilster : 15 Hausbewohner – ein Plumpsklo

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zeitzeugen erzählen Neuntklässlern von Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Wilster, an Flucht und in Gefangenschaft

Es wurde ruhig in der Mensa der Gemeinschaftsschule als sechs Zeitzeugen den Neuntklässlern aus ihrer Kindheit und Jugend erzählten. Erinnerungen, die die Jugendlichen sichtlich nachdenklich stimmten. Erinnerungen an Gefangenschaft, an Flucht und Vertreibung, an Spielen in den Trümmern. Erinnerungen an Enge, Kälte und Hunger. Und doch auch an eine Kindheit, die trotz allem Freiheiten bot. „Trotz allem, was wir erzählen, darf man ja nicht vergessen: Wir kannten es nicht anders. Während unsere Eltern sich um Heizmaterial und Nahrung bemühten, konnten wir Kinder frei spielen“, erzählte Uwe Martensen. „Wir sind in der Au geschwommen, einmal bin ich auch einfach mal nach Itzehoe abgehauen. Das hat keiner gemerkt.“

Mit Uwe Martensen stellten sich gestern Vormittag Selma Steenbuck, Gustav Hintz, Berend Kloppenburg, Friedrich Meier und Otto Andresen als Zeitzeugen zur Verfügung. Auf sechs „Stationen“ verteilt, berichteten sie aus ihrem Leben in Kriegs- und Nachkriegszeit. Dreimal 20 Minuten hörten die Neuntklässler aufmerksam zu; viele von ihnen haben in der Familie längst niemanden mehr, der aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs berichten kann.

Zum vierten Mal fand das Projekt in der Gemeinschaftsschule statt, das in Zusammenarbeit von Seniorenbeirat, Jugendparlament und Schule auf die Beine gestellt wird. „Wir möchten das auch weiterhin, sofern sich Zeitzeugen zur Verfügung stellen“, betonte Schulleiterin Marlis Krumm-Voeltz. Das Interesse der Schüler an diesem Projekt sei nach wie vor groß. „Dieser Jahrgang hat noch bedeutend besser aufgepasst“, unterstrich dies Jochen Meifort, Vorsitzender des Seniorenbeirats. Das städtische Gremium steht ebenso wie das Kinder- und Jugendparlament hinter diesem Angebot. „Die Veranstaltung verlief perfekt“, sagte KiJuPa-Vorsitzende Ann-Christin Martensen. „Das Projekt ist hervorragend“, wertete auch Jochen Meifort. Der Seniorenbeirat kümmere sich um die Zeitzeugen. „Wir sind bemüht, welche zu bekommen, was leider immer schwieriger wird.“ Dabei sei es so wichtig zu berichten, wie es war. „Die Flüchtlinge sind damals nicht von allen mit Begeisterung aufgenommen worden“, so der Wilsteraner, der damit den Bogen zur heutigen Flüchtlingssituation schlug. „Ein Problem damals wie heute.“ Nur heute mit dem Vorteil, dass in der Bundesrepublik „für alles gesorgt“ werde.

Wie es war mit Flucht und Vertreibung, erzählten Selma Steenbuck (ihr Thema: „Flüchtlinge damals – Flüchtlinge heute“) und Gustav Hintz („Meine Kindheit und Jugend in Polen“). Der erste Kontakt Ende des Krieges und in der Nachkriegszeit mit Flüchtlingen in Wilster war Inhalt von Berend Kloppenburgs Ausführungen zu „Meine Jugend in der Mühlenstraße in Wilster“. Er hatte aus Karton das Haus, in dem er damals mit Eltern und Schwester wohnte, nachgebaut. Im Obergeschoss lebte die Eigentümerin des Gebäudes. Nach und nach wurden immer mehr Menschen in die Räume eingewiesen, die Familie musste immer enger zusammenrücken. Zwischenzeitlich bis zu 15 Personen lebten in dem Haus – und es gab nur ein Plumpsklo im Anbau. Das sei für ihn als Junge mit das Schlimmste gewesen. Seine Jugend am Kohlmarkt, den Bombenangriff auf Wilster beschrieb anschaulich Otto Andresen, und das Alltagsleben nach dem Krieg in der Marschenstadt zeichnete Uwe Martensen nach.

Staunend, ein wenig betroffen und ganz gespannt folgten die Schüler auch dem Bericht von Friedrich Meier aus Itzehoe. Er erzählte von seiner Gefangenschaft in Russland, damals war er 18 Jahre alt. Mit 500 bis 600 deutschen Soldaten wurde er im Güterzug nach Kasachstan verfrachtet. „Ich weiß, es ist schwer für euch, euch vorzustellen, was Kriegsgefangenschaft bedeutet“, sagte er und bat die Jugendlichen, Fragen zu stellen Sie wollten wissen wie er behandelt wurde, ob er gehungert habe. Am schlimmsten, so führte Friedrich Meier bei der Beantwortung der Fragen weiter aus, sei Weihnachten in der Gefangenschaft gewesen. Schwermut erfasste alle, Trost gab es nicht. Das Essen unterschied sich zum Alltag, aber nicht wesentlich: Es gab Fischsuppe. Sonst morgens, mittags und abends Wassersuppe mit Hirse und Kohl und einem Kanten Brot.  

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erstellt am 29.Apr.2016 | 05:03 Uhr

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