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Landeszeitung

09. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Rendsburg : Zeitgeschichte am Beispiel einer Familie

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

In der Gartenstraße 27 in Rendsburg steht das Elternhaus von Peter Erichsen. In seinem Roman schildert er die Nachkriegsjahre seiner Familie - exemplarisch für diese Zeit in Schleswig-Holstein. Am Montag wird das Buch im Alten Rathaus vorgestellt.

Nur wenige Schritte vom Kanal entfernt wird Peter Erichsen 1946 in Rendsburg geboren, ganz in der Nähe des „weißen Hauses“, dem heutigen Martinshaus. Er wird Lehrer, geht nach Namibia und Südafrika, unterrichtet an der heutigen Heinrich-Heine-Schule in Büdelsdorf und engagiert sich im Ruhestand für den Weißen Ring und beim Storyville Jazzclub. Doch Erichsen ist auch Autor. Nach zwei Büchern über seine Afrika-Aufenthalte ist jetzt „Gartenstraße 27“ erschienen – in dem er die Geschichte seiner Familie erzählt, exemplarisch für das Nachkriegsleben in Schleswig-Holstein. LZ-Redakteurin Sabine Sopha sprach mit dem Autor.

Wie entstand die Idee zu dem Werk?

Nach meiner Rückkehr aus Südafrika 1998 begann ich, mich mit der Geschichte meiner Familie zu beschäftigen. Dann hatte ich so viel Material zusammen, dass ich vor vier Jahren beschloss: Da mache ich jetzt etwas draus.

Sie nennen Ihr Buch einen Roman. Aber es ist doch nicht alles Fiktion?

Die Bezeichnung ist schon berechtigt. In dem Geschehen handeln zwar reale Personen an realen Orten. Aber es wird zum Roman, weil ich die mir vorliegenden Dokumente und mir bekannten Ereignisse in Geschichten umgewandelt habe. Es kommen Konstellationen vor, die so nicht stattgefunden haben, dennoch authentisch sind.

Es ist die Geschichte Ihrer Familie – beginnend mit Ihren Großeltern Frieda und Johannes Erichsen, die das Haus in der Gartenstraße 27 erbaut haben.

Ja und nein. Ich wollte am Beispiel einer Familie die Zeitgeschichte spiegeln. Das Buch spielt in Rendsburg, aber ähnliche Zustände und Entwicklungen wie die Geschilderten hat es allerorten in Schleswig-Holstein gegeben.

Sie beschreiben sehr anschaulich die Wohnungsnot nach dem Krieg, die Schwierigkeiten der Verwaltung, die Arbeit wieder aufzunehmen oder den zunehmenden Wohlstand.

Mein Großvater hatte im Rathaus gearbeitet, mein Vater machte nach der Rückkehr aus dem Krieg dort eine Lehre. Später wurde sein ehemaliger Schulkamerad Hans-Heinrich Beisenkötter Bürgermeister und sein Vorgesetzter. Beide haben gut zusammen gearbeitet.

Rendsburger, die den Roman lesen, werden auf bekannte Namen stoßen.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich von noch lebenden Personen die Klarnamen verwenden durfte. Beispielsweise die meiner Schwestern Hilke und Frauke, von ehemaligen Mitarbeitern der Stadt wie Anke Pfaffe und Werner Strehlow. Es gehört viel Mut dazu, persönliche Daten preiszugeben.

Haben diese das Buch vorher gelesen?

Sie haben die Passagen gesehen, die von ihnen handeln und ihre Einwilligung zur Veröffentlichung gegeben.

Das Buch beginnt mit der Rückkehr Ihres Vaters Rolf aus dem Krieg und endet mit seinem Tod.

Von der Chronologie wollte ich nicht abweichen. Allerdings konnte ich nicht das gesamte Material verwenden, sondern habe jene Szenen und Details ausgewählt, die in den Erzählzusammenhang passen.

Hat Ihr Vater mit Ihnen über seine Kriegserlebnisse gesprochen?

Nein – bis auf eine Ausnahme –, eine Vergangenheitsbewältigung gab es nicht. Aber er und seine Zeitgenossen suchten Heilung und versuchten, Gutes zu tun. Demokratie und Völkerverständigung, das waren die Fundamente, auf denen mein Vater sein Leben aufbaute. So war er als Stadtoberinspektor und Leiter des Hauptamtes mit Patenschaftsangelegenheiten befasst. Der Ansatz war: Etwas wie der Zweite Weltkrieg darf nie wieder passieren. Auch mir ist es ein Anliegen, dass wir die begonnene Völkerverständigung nicht wieder rückgängig machen dürfen. „Nationalismus bringt Krieg“ hat der ehemalige französische Präsident Mitterand kurz vor seinem Tod sinngemäß geäußert. Ich fürchte, er hatte recht.


Woher stammt Ihr Material? Haben Sie mit Zeitzeugen gesprochen?

Ich habe in Archiven geforscht, Bekannte und Familienangehörige befragt, Fotos gesammelt, um die damaligen Gegebenheiten vor Augen zu haben. Und, wie ich es in meinem Nachwort geschrieben habe: Es ist ein großes Glück, in meinem Alter noch eine Mutter zu haben, die sich mit großem Enthusiasmus in die gemeinsame Erinnerungsarbeit gestürzt hat. Sie ist gerade 95 Jahre alt geworden und wird am Montag bei der Buchpräsentation dabei sein.

Gibt es das Haus in der Gartenstraße 27 noch?

Natürlich. Allerdings sieht es heute anders aus. Die weiße Pforte ist verschwunden, der Weg wurde nach links verlegt und führt nun direkt auf einen Anbau zu, der zu Lebzeiten meines Vaters erstellt wurde und in dem meine Mutter heute noch wohnt.

> Buchvorstellung Montag, 26. September, 18 Uhr, Altes Rathaus Rendsburg, zusammen mit Boyens-Verlag und der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte > Buch Peter Erichsen, „Gartenstraße 27 – Ein Leben nach 1945 in Schleswig-Holstein“, 416 Seiten, Boyens Buchverlag, 24 Euro

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erstellt am 23.Sep.2016 | 19:29 Uhr

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