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Landeszeitung

08. Dezember 2016 | 17:15 Uhr

Sehestedt : Wohnen – in aller Freundschaft

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Traum vom Kollektiv: Ein großes Haus mit wechselvoller Geschichte. Mitglieder der „Community“ treffen sich immer noch.

Ob Villa, Bauernhof oder modernes Einfamilienhaus – schöner Wohnen ist am Kanal oder anderen Orten des Kreises auf vielfältige Art und Weise möglich. Häuser, aber auch Wohnwagen oder Hausboote, mit denen sich die Bewohner ihre persönlichen „Wohnträume“ erfüllt haben, stellt die Landeszeitung in lockerer Folge vor.

Fotos aus der Zeit der Kommune? Leander Bruhn zuckt bedauernd mit den Schultern. „Alles verbrannt.“ Ein Feuer im Frühjahr dieses Jahres vernichtete das hintere Gebäude am Alten Fährberg, in dem Werkstatt und eine Wohnung untergebracht waren – und persönliche Gegenstände. Trotzdem: In Sehestedt erinnern sich noch zahlreiche Bewohner an die Kommune, die in dem ehemaligen Kaufmannsladen Ende der 70er Jahre einzog und sprechen von den fulminanten Festen, die gefeiert wurden. Inzwischen wohnen hier mehrere Generationen unter einem Dach und es geht ruhiger zu.

Es begann mit dem Traum dreier Paare „aus dem linksradikalen Lager, die versuchten, sich eine schöne heile Welt zu bauen“, erinnert sich Bruhn. Man schrieb das Jahr 1977, Leander Bruhn war 28 Jahre alt und der ehemalige Kaufmann Johannsen suchte einen Käufer für das große Anwesen und ehemalige Kaufhaus. Die jungen Leute waren Studenten oder fast fertig mit dem Studium. „Wir haben unser ganzes Geld zusammen geschmissen.“ Alle wurden ins Grundbuch eingetragen und fürs erste hinten im ehemaligen Laden eine Ecke freigeräumt. „Ihm Raum standen noch die Kühltruhen“, erzählt der Mann der ersten Stunde beim Gespräch an dem langen Esstisch, der fast vollständig die andere Seite des rund 100 Quadratmeter großen Zimmers ausfüllt. Heute steht dort eine großzügige Sitzecke mit Bollerofen. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten und das gesamte Kollektiv packte mit an – misstrauisch beäugt von den Dörflern. „Wat hebt se uns hier na Sehestedt geholt?“ wollten die wissen. Wenn jemand nach der Kommune fragte, hieß es: „Dat is dor, wo de Brennnesseln in’t Fenster wassen doh’n“, zitiert Leander Bruhn. Aber ansonsten habe sich das Dorf „uns gegenüber immer tolerant verhalten“.

Das Haus erhielt neue Fenster, eine neue Heizungsanlage. Jeder hatte eigene Zimmer, es gab ein gemeinsames Arbeitszimmer und ein gemeinsames Wäschezimmer. Sogar das Fernsehen wurde auf der Projekt aufmerksam. Unter dem Titel „Die Rolle der Hausfrau im Wandel der Zeiten“ drehte der Sender Freies Berlin in Sehestedt. Als der Film gesendet wurde, gab es zwei der Anfangsbewohner nicht mehr. Der Traum vom gemeinsamen Leben hielt in der ersten Konstellation gerade drei Jahre.

Fast 1500 Quadratmeter Grundstück und eine Villa mit über 400 Quadratmetern – irgendwann waren Leander Bruhn und seine damalige Frau alleinige Besitzer. „Da begann die Ära der Wohngemeinschaften.“ Und irgendwann entschloss sich Bruhn, seinen Beruf als Oberstudienrat an den Nagel zu hängen, widmete sich dem Haus und später seiner „Nutzkunst“ – in dem er mit großem Gespür für alte Gegenstände und modernes Design diese aufgearbeitet hat, so wie aus einem Holzklotz ein Zeitungsständer entstand. All die Jahre hat er Stück für Stück in dem Haus renoviert, neue Wände eingezogen, historische Türen aufgearbeitet und eingebaut – so das nicht erkennbar ist, wenn neue Räume entstanden.

An vielen der Türen finden sich Schilder: „Interkulturelles Wachstum“, „In aller Freundschaft“ oder „Barfußgang“ und weisen auf die Nutzung der Räume hin. Inzwischen ist aus der Wohngemeinschaft ein Mehrgenerationenhaus geworden. Jeder hat seine eigene Küche und sein eigenes Bad. „Es ist nicht mehr wie früher, dass man jeden Abend zusammen sitzt“, sinniert Leander Bruhn. Aber manchmal treffen sich die Bewohner im Garten und dann kocht Leander Bruhn für alle. Und eines ist geblieben: Über neue Mieter wird stets gemeinschaftlich entschieden. Auch wenn Bruhn und seine Frau Heike Rullmann Besitzer sind, haben alle Bewohner ein Mitspracherecht. Eine nicht immer einfache Übung in Demokratie. „Wir waren immer die Vermittler und haben uns bemüht, alles zusammenzuhalten“, erklärt Leander Bruhn. Mit Erfolg. Geblieben ist ein loses Band zwischen vielen der ehemaligen Bewohner.

Inzwischen kann man am Alten Fährberg auch Urlaub machen. Die kleine Ferienwohnung im Erdgeschoss ist schon vermietet – mit eigener Terrasse. Wer jedoch Gemeinschaft und einen weiten Blick haben möchte, der steigt auf eine Art Dachterrasse. Von hier aus können die Bewohner zur Kirche und zur Fährstelle am Kanal sehen.

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erstellt am 03.Aug.2016 | 06:00 Uhr

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