zur Navigation springen

Landeszeitung

02. Dezember 2016 | 21:15 Uhr

Kreis Rendsburg-Eckernförde : Wenn Spiel und Spaß zur Sucht werden

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Internetabhängigkeit und synthetische Drogen sind Herausforderungen der Zukunft. In der Leitung der Diakonie-Beratungsstelle gibt es jetzt einen Wechsel. Hans-Jürgen Lauer und Stefan Gloe im Gespräch über ihre Aufgaben.

Rund 3,3 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholkrank – eine Zahl, die seit etwa 30 Jahren konstant ist. Etwa 1,5 Millionen sind abhängig von Medikamenten. Wer im Kreis Rendsburg-Eckernförde Hilfe braucht, kann sich an die Suchtberatung der Diakonie wenden. Stefan Gloe übernimmt zum 1. Januar 2017 die Abteilungsleitung von Hans-Jürgen Lauer. Im Gespräch mit LZ-Redakteurin Sabine Sopha sprechen die Suchtberater über die Herausforderungen der Zukunft: Internetsucht und synthetische Drogen.

Warum wird ein Mensch süchtig?

Lauer: Da müssen wir zwei Gruppen unterscheiden. Ältere verwenden psychotrope Substanzen wie Alkohol, Cannabis oder synthetische Mittel, um dem gesellschaftlichen Druck standhalten zu können. Für Menschen über 45 Jahren ist es meist der Versuch, im Leben weiter zurecht zu kommen. Bei Jugendlichen überwiegt meist dagegen die Experimentierfreude.

Wann wenden sich die Menschen an die Beratungsstelle?

Lauer: Wir sehen nur die Spitze des Eisberges. Jene Menschen, die nicht mehr können, die zusammengebrochen sind oder die von Angehörigen zu uns geschickt werden.

Gloe: Jene, die synthetische Drogen beziehungsweise „Legal Highs“ konsumieren, kommen bisher selten zu uns. Bei ihnen ist der Abhängigkeitsverlauf nicht so klassisch. Diese Drogen richten zwar schneller und oft irreparable Schäden an, aber der Leidensdruck entsteht nicht so rasch. Aber wir erwarten, dass dieses Thema in den nächsten Jahren eine höhere Sprengkraft entwickeln wird.

Was genau sind „Legal Highs“?

Gloe: Es sind legale Drogen, die high machen. Momentan wird der Markt davon überschwemmt. Die Substanzen kann man über das Internet beziehen – als Kräutermischung oder „Badesalz“. Die Beschreibung gibt verschlüsselte Hinweise, dass diese Mittel „die Stimmung verbessern“.

Woraus bestehen diese Drogen?

Gloe: Sie enthalten einen hohen Anteil an Cannabinoiden, also Cannabis in seiner ursprünglichen, aber auch in synthetischer Form. Das Fatale: Sie wirken unberechenbarer als Cannabis in seiner natürlichen Form, zum Teil mit dramatischen Folgen für den Körper.

Lauer: Das ist für die Mediziner daher eine große Herausforderung, wenn jemand kollabiert ist.

Werden diese Drogen nicht verboten?

Gloe: Erste Substanzen sind verboten worden. Doch dann wird die Mischung verändert – und die ist wieder legal.

Wer konsumiert „Legal Highs“?

Lauer: Das sind meist jüngere Menschen, die dann oft frühzeitig geschädigt werden.

Gloe: Das ist eine große gesellschaftliche Herausforderung. Deshalb setzen wir in diesem Fall hauptsächlich auf Prävention an Schulen.

Apropos Schulen – wie sieht es mit der Internetabhängigkeit aus?

Gloe: Dieser Problematik müssen wir uns verstärkt stellen. Internetabhängigkeit ist zwar noch nicht in den klassischen Diagnose-Katalog aufgenommen worden, ebenso wie Spielsucht. Aber wir gehen davon aus, dass dies mit der nächsten Aktualisierung geschehen wird. Denn die Diagnose ist die Eintrittskarte für eine Behandlung.

Sind in erster Linie junge Menschen internetabhängig?

Lauer: Die heutigen Jugendlichen sind IT-Native, das heißt, sie sind mit Internet und PC aufgewachsen und verwenden beides entsprechend. Der Übergang zur Abhängigkeit ist allerdings fließend. Wenn etwas zu viel und zur falschen Zeit konsumiert wird und sich schädlich auswirkt – dann wird es zur Abhängigkeit. Wenn man sich beispielsweise stundenlang, auch in der Nacht, damit beschäftigt, obwohl man es gar nicht will. Man kann es nicht lassen.

Gloe: Die „Pinta“-Studie der Bundesregierung hat gezeigt, dass ein Prozent der Gesamtbevölkerung von der Internetabhängigkeit betroffen ist – von den 14- bis 16-Jährigen sind es vier Prozent. Bei 15 Prozent liegt ein schädlicher Gebrauch vor.

Tragen die Smartphones dazu bei?

Gloe: Ja, das ist deutlich zu spüren. Diese Geräte geraten früh in die Hände von Kindern. Ab der 5./6. Klasse sind sie ein Muss. Wer keines hat, ist isoliert, kann sich nicht in den Whats-App-Gruppen austauschen. Aber damit sind die Kinder auch dem elterlichen Zugriff entzogen. Prävention ist gefragt – mit den Eltern zusammen. Wir müssen die Eltern stärken, damit sie Regeln aufstellen.

Wenn die Menschen zu Ihnen kommen, wie helfen Sie ihnen?

Gloe: Nicht alle kommen aus eigenem Antrieb. Diese Menschen motivieren wir erst einmal. Sie müssen erkennen, dass sie krank sind. Erst dann ist eine Behandlung möglich.

Lauer: In Deutschland haben wir ein hervorragendes Hilfesystem, bestehend aus den drei Bausteinen Information, Vorbeugung und Beratung. Wir begleiten den Antrag auf Reha, so der Fachausdruck für Suchttherapie, und kümmern uns auch anschließend bei der Nachsorge um diese Menschen.

Suchtberatung der Diakonie

> Fachstelle Sucht in Rendsburg: Am Holstentor 16, Telefon 04331 / 696340, erreichbar Montag bis Donnerstag 8 bis 17 Uhr, freitags bis 13 Uhr.

> Fachstelle Sucht in Eckernförde: Schleswiger Straße 33, Telefon 044351 / 8931-0. Montag bis Freitag 9 bis 13 Uhr, Montag bis Donnerstag 14 bis 16 Uhr.

> Internet: www.diakonie-rd-eck.de

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 25.Nov.2016 | 11:27 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen