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Landeszeitung

10. Dezember 2016 | 11:58 Uhr

Der Kanal als Hindernis : Wenn nur noch die Rolltreppe bleibt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Schwebefähre außer Betrieb, Ersatzfähre im Feierabend, Fahrstuhl in Wartung – und nun? Beobachtungen am Rendsburger Fußgängertunnel, wo der Einstieg zum Abstieg für manchen eine Herausforderung ist.

Sie wollten nur kurz nach Westerrönfeld, um die Gepäcktaschen aus der Unterkunft zu holen, und sofort zurück nach Rendsburg. Doch dann werden Imme Thoma und Hilke Riecken überrascht. Die Ersatzfähre „Falckenstein“ hat die Kanal-Radfahrerinnen gegen 14.30 Uhr ans Südufer gebracht. Nicht erwartet haben die beiden sportlichen Damen aus München und Stexwig bei Schleswig, dass das Schiff eine Stunde später nicht mehr fahren würde. Die zweite Unwägbarkeit stellt sich ihnen vor dem Fußgängertunnel in den Weg – in Form einer rot-weißen Barriere. Der Fahrstuhl wird repariert. Von vier möglichen Varianten über den Nord-Ostsee-Kanal (NOK) sind drei versperrt. Jetzt bleibt nur noch eine Möglichkeit, um ohne Auto oder Zug auf die andere Seite zu gelangen. Denn auch die Schwebefähre steht seit der Havarie im Januar bis auf weiteres nicht zur Verfügung. Also: letzte Ausfahrt Rolltreppe.

Hilke Riecken kann es erst gar nicht glauben. Sie fragt Passanten, ob es denn wirklich keine Alternative gibt. „Die Fähre muss doch fahren, alle 30 Minuten würde doch reichen“, sagt sie und schaut zur Rolltreppe, vor der im Sekundentakt neue Radfahrer und nur wenige Fußgänger eintreffen. Die meisten haben Taschen oder beladene Körbe dabei und trauen sich trotzdem ohne Hilfe auf das steil nach unten führende Transportband. Vorderrad quer stellen, Handbremse gedrückt halten, Standbein mittig auf die Stufe stellen, Gleichgewicht halten, das andere Bein nachführen – so kann nichts passieren. Doch Routine ist das nur für jene, die regelmäßig durch den Tunnel fahren.

Einige nähern sich zögernd bis ängstlich dem Einstieg zum Abstieg. Ein älterer Herr, geschätzte 65 Jahre, nimmt sein Hollandrad am unterem Bogen des Rahmens wie einen Koffer in die rechte Hand und gerät fast ins Straucheln, als er versucht, auf der Rolltreppe sicher zu stehen. Eine andere Frau, um die 40, wartet minutenlang dort, wo die Stufen zu rollen beginnen. Dann hat der Mann vom Sicherheitsdienst, den das Kanalamt beauftragt hat, für sie Zeit. Er nimmt das Bike an die Hand, führt es auf die Treppe und fährt als menschlicher Fahrradständer mit in den Untergrund. Die Dame folgt ihm.

Christa (75) und Günter Reinke (79) sind geübte Radfahrer, 15 Kilometer legen sie jeden Tag auf ihren E-Bikes zurück. Trotzdem sind die Rentner aus Schülp bei Rendsburg bei den Rolltreppen nach einem Vorfall vor Jahren äußerst vorsichtig. „Wenn der Fahrstuhl ausfällt, brauche ich auf jeden Fall Hilfe“, sagt Christa Reinke und berichtet von einem Sturz mitten auf der Rolltreppe, als sie von ihrem 25 Kilogramm schweren Gefährt begraben wurde. „Ich habe nicht darauf geachtet, dass ich sicher auf der Stufe stehe. Mein Mann stand hinter mir und konnte mir nicht helfen, weil er sein eigenes Rad festhalten musste.“ Die Lösung mit der schwimmenden Ersatzfähre findet Günter Reinke „halbherzig“.

Hilke (62) und Friedhelm Goetjes (67) mussten die Rolltreppe nur bergauf nehmen. Das Paar aus Münster erreichte Rendsburg über das nördliche Kanalufer und sucht jetzt, nach einem langen Tag ohne E-Antrieb auf der NOK-Route, eine Unterkunft in Westerrönfeld. Ob sie es wegen der Bleibe mal drüben in der Tourist-Info in Rendsburg versucht haben? „Die haben wir nicht gefunden“, antwortet Friedhelm Goetjes. Auch vom Ausfall der Schwebefähre wissen sie nichts. Die Goetjes haben in Rendsburg mehrere Hinweisschilder zur Schwebefähre passiert – und nichts deutete auf deren Ausfall hin. „Dann haben wir ja Glück gehabt, wir wollten eigentlich auf der Südseite bleiben, um auf jeden Fall die Schwebefähre zu nehmen“, berichtet Friedhelm Goetjes. „Nur durch Zufall sind wir auf der gegenüber liegenden Seite nach Rendsburg reingefahren.“

Hilke Riecken und ihre Begleiterin trauen sich schließlich, die Rolltreppe in Angriff zu nehmen. Der Mann vom Sicherheitsdienst nimmt ihnen die Räder ab. Die Gepäcktaschen können dran bleiben. Ohne fremde Hilfe hätten die Urlauberinnen den Weg nach unten jeweils doppelt zurücklegen müssen – einmal mit Rad, das zweite Mal mit Taschen. Ein E-Bike mit Tourengepäck wiegt fast 40 Kilogramm. „Das hätte ich alleine nie geschafft“, sagt Imme Thoma.

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erstellt am 27.Jul.2016 | 18:21 Uhr

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