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Landeszeitung

03. Dezember 2016 | 12:44 Uhr

„Vor dieser Musik gab es einfach kein Entkommen“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Erinnerungen vom Plattenteller mit Abba, Heintje und Roy Black in der Stadtbücherei

„Ich bin hier nicht der DJ – ich leg hier nur auf“, sagt Reinhard Frank. Und zwar die Schallplatten, die sich die 15 Teilnehmer seines neuen Musikformats ausgesucht haben. Dafür hat der Kulturbeauftragte des Kreises einen Stapel alter Vinyl-Singles auf dem Tisch in der Stadtbücherei ausgebreitet. Einzige Bedingung: Wer mit dem Finger auf eine der alten Scheiben zeigt, muss auch sagen, welche Erinnerung er damit verbindet.

Um das Eis zu brechen, erzählt Frank von den musikalischen Traumata seiner Jugend. „,Ganz in Weiß‘ von Roy Black fand ich schrecklich, und vor Heintje gab es einfach kein Entkommen“, sagt er. Und legt dann, wie um alte Wunden aufzureißen, das italienische Original des Stückes auf, mit dem Heintje seinen Durchbruch hatte. Die Nadel kratzt über die Schellackplatte – die Aufnahme ist von 1940 – und dann beweist Beniamino Gigli, dass man die einzig wahre Ode an die Mutter mit noch mehr Schmalz und Drama in der Stimme schmettern kann, als der ewig 13-jährige Hein Simons. „Kaum zu erklären, warum dass nicht damals schon ein Welthit wurde“, sagt Frank trocken.

Er will keine Vinyl-Party machen, er will, dass die Musik dieses kleine Wunder geschehen lässt, das nur sie hervorrufen kann. Nämlich Gefühle und Erinnerungen wieder lebendig machen. Für manche eine harte Übung. „Lieder aus meiner Jugend treffen mich ins Herz“, sagt eine Besucherin. „Dann denke ich, ach Schade, dass schon so viel Lebenszeit vergangen ist.“ Aber auch die positiven Emotionen werden wieder hochgeholt. Eine andere Besucherin wählt „El condor pasa“ von Simon and Garfunkel. „Das haben wir damals im Zeltlager gespielt“, sagt der Mann neben ihr. Darauf sie: „Und in genau diesem Zeltlager haben wir uns ineinander verliebt.“

Die Idee für die Zeitreise am Plattenteller kam Reinhard Frank während eines Besuchs bei Helga Pleep. Die war auf der Suche nach fürsorglichen Händen für die Plattensammlung ihrer verstorbenen Schwiegermutter. Beide stöberten in der Plattenkiste wie in einem Fotoalbum, stießen auf Werke von Zarah Leander, Hans Albers und Frank Sinatra. Kaum eine Single glitt durch ihre Finger, ohne irgendeine Erinnerung anzurühren. So auch jetzt auch bei der Veranstaltung in der Stadtbücherei: Fremde Menschen sollen über die Musik ins Gespräch kommen, sich erinnern oder zumindest lustvoll streiten über Geschmacksverirrungen und musikalisches Foulspiel. Entsprechend persönlich gerät das Treffen in der Bücherei, das im September wiederholt werden soll. „Mit Musik kann ich mich immer wieder aufbauen“, sagt Gudrun Meissner, und Margret Kloth bekennt, welche Wirkung Melodien auf sie haben: „Sie beeinflussen mich mehr, als Alkohol es jemals könnte.“ Deshalb hört sie Musik auch nicht alleine zu Hause, sondern nur in Gesellschaft.  

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