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Landeszeitung

08. Dezember 2016 | 09:07 Uhr

Nordkolleg : Vom Flüchtling zum Klinik-Arzt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Teilnehmer eines Expresskurses für hochqualifizierte Asylbewerber am Rendsburger Nordkolleg machen Fortschritte. Ein junger Iraker lernt bereits seine sechste Sprache.

Kumail Al-Bayat (25), Flüchtling aus dem Irak, hat ein Ziel: Er will in Deutschland wieder als Arzt arbeiten können. Um das so schnell wie möglich zu erreichen, nimmt er an einem besonderen Integrationskursus am Nordkolleg teil. Im Schnellverfahren werden dort gebildete Asylbewerber unterrichtet, um dem deutschen Arbeitsmarkt frühzeitig zur Verfügung zu stehen.

Der Turbo-Integrationskursus ist ein gemeinsames Pilotprojekt von Nordkolleg und Volkshochschule Rendsburg (VHS). „Landesweit ist solch ein Angebot einmalig, etwas Vergleichbares auf Bundesebene ist mir bisher auch nicht bekannt“, sagt Nordkolleg-Chef Guido Froese. Auf die Idee seien er und VHS-Leiter Rainer Nordmann gekommen, da es für Schnelllerner und Akademiker bisher keine geeignete Schulung gab. „Diese Lücke wollten wir schließen. Sie sollen schnellstmöglich wieder ins Berufsleben einsteigen können“, so Nordmann.

Ein normaler Integrationskursus umfasst 20 bis 25 Stunden die Woche. Die Express-Variante in Rendsburg hat ein doppelt so großes Pensum. Neben Medizinern wie Al-Bayat sitzen seit Ende September Lehrer, Sozialpädagogen und Naturwissenschaftler im Unterrichtsraum am Gerhardshain. Auch ein Schrotthändler ist dabei. Die meisten der 24 Teilnehmer stammen aus Syrien. Finanziert wird die Teilnahme unter anderem über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

Dozentin Merle Carstens, die zusammen mit Michael Wiecorek den Lehrgang leitet, ist begeistert von den Fortschritten ihrer Schüler: „Die sind alle hoch motiviert. Wir gehen wirklich im schnellen Tempo voran, die Teilnehmer müssen ein großes Pensum jeden Tag schaffen. Trotzdem arbeiten sie durchweg sehr konzentriert“, lautet ihr Eindruck. Zu den Inhalten gehört dabei weit mehr als nur intensiver Sprachunterricht. Auch deutsche Geschichte, Kultur und Politik werden vermittelt.

Besonders die deutsche Literatur hat es Al-Bayat angetan. „Ich mag das Gedicht ,Mondnacht‘ so sehr“, erzählt er freudestrahlend. In seiner Heimatstadt Bagdad hat der 25-Jährige bereits in einem Krankenhaus als Arzt praktiziert. Der Mediziner schrieb ein Fachbuch über Pädiatrie und spricht fließend Russisch, Französisch, Arabisch, Englisch – und inzwischen auch richtig gut Deutsch. Die erste Sprachprüfung hat der Mediziner als Klassenbester bestanden. Dass der junge Mann erst seit sechs Monaten in Schleswig-Holstein lebt, merkt man ihm nicht an. Von seiner Flüchtlingsunterkunft in Malente (Kreis Ostholstein) ist der 25-Jährige vor kurzem nach Rendsburg gezogen. Denn das besondere an dem Schnellkursus ist auch, dass die Teilnehmer in der Akademie leben können. „Das Nordkolleg ist ein Ort der Begegnung. Die Flüchtlinge kommen auch nach dem Unterricht miteinander ins Gespräch, nehmen an Veranstaltungen teil und organisieren selber Aktionen“, freut sich Froese.

Bereits im Februar steht der Abschlusstest an. Danach haben die Teilnehmer ein Sprachniveau von B1. Damit Al-Bayat tatsächlich an die Uni kann, um seine Medizin-Studiennachweise zu erbringen, muss er ein noch höheres Level erreichen. Hierfür laufen laut Froese bereits Überlegungen, weitere Kurse anzubieten. „Unser Ziel ist es, für jeden Teilnehmer eine Perspektive für den nächsten Schritt zu finden. Das kann ein Studium, Praktikum, Job oder eben der nächste Kursus sein.“

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erstellt am 29.Nov.2016 | 06:08 Uhr

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