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Landeszeitung

25. Juli 2016 | 23:57 Uhr

Unfall auf dem Nord-Ostsee-Kanal : Video: Rendsburger Schwebefähre fällt wohl ein Jahr aus

vom

Die Daten des Frachters werden ausgewertet. Der Fährführer ist noch im Krankenhaus. shz.de mit einem Video.

Rendsburg | Nach der Kollision der Rendsburger Schwebefähre mit einem Frachter auf dem Nord-Ostsee-Kanal sucht die Polizei weiter nach der Unfallursache. Die Daten des Automatischen Identifikationssystems (AIS) des Frachters „Evert Prahm“ würden nun ausgewertet, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. Einen Zeitpunkt, wann die Fähre wieder in Betrieb gehen kann, nannte ein Sprecher nicht. „Wir müssen die Fähre erst mal bergen, bevor wir das ganze Ausmaß des Schadens kennen.“

 

Dass die Fähre mindestens ein Jahr nicht zur Verfügung stehen werde, vermuteten allerdings die Teilnehmer einer Krisensitzung mit Bürgermeistern sowie Vertretern des Kreises und des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Kiel-Holtenau am Dienstag. „Man muss von einem Jahr ausgehen“, sagte WSA-Leiter Dieter Schnell. Die Bürgermeister von Rendsburg und Osterrönfeld, Pierre Gilgenast und Bernd Sienknecht, teilten diese Einschätzung.

Die Schwebefähre ist 102 Jahre alt und ein Wahrzeichen Rendsburgs. Bei einem spektakulärem Unfall prallte die 45 Tonnen schwere Schwebefähre am Freitagmorgen mit einem Frachter zusammen. Durch die Kollision wurde sie hin- und hergeschleudert, zwei von zwölf Tragseilen rissen. Der Fährführer wurde schwer verletzt, der einzige Passagier erlitt leichte Verletzungen.

Einige Einzelheiten zum Hergang des Unglücks wurden mittlerweile bekannt. Der Frachter MS „Evert Prahm“ befuhr den Nord-Ostsee-Kanal mit 8,4 Knoten (15,5 Stundenkilometer), als die Schwebefähre unerwartet vom Nordufer ablegte. Auf der Brücke des Schiffs der Karl Meyer Reederei in Wischhafen befanden sich nach Angaben eines Unternehmenssprechers drei Personen: ein Lotse, der nautische Wachoffizier sowie ein Kanalsteuerer (Matrose).

Als die Kollision sich abzeichnete, ließ der Wachoffizier die Maschinen sofort stoppen. Der Zusammenstoß ließ sich aber nicht mehr verhindern. Im Moment des Aufpralls war der Frachter  noch mit rund sechs Knoten, umgerechnet elf Stundenkilometer, in Richtung Brunsbüttel unterwegs. Die Besatzung der „Evert Prahm“ blieb unverletzt, der Fährführer erlitt unter anderem einen Beinbruch. Er ist noch im Krankenhaus und ist noch nicht vernehmungsfähig. Sein einziger Passagier, ein 30-jähriger Polizist in Zivil auf dem Heimweg, hatte großes Glück. Trotz extremer Schlagseite fiel er nicht über Bord und wurde nur leicht verletzt. „Sein Fahrradhelm hat ihn geschützt, als er über den Boden der Fähre rutschte“, sagte der Polizeisprecher.

Derzeit befindet sich die MS „Evert Prahm“ im Kreishafen. Die Ladung (1900 Tonnen Mais) wird seit Dienstag gelöscht und mit Lastwagen nach Husum transportiert. Zuvor war der Frachter notdürftig repariert worden, um seine Navigationsfähigkeit wiederherzustellen. Erwartet wird, dass die Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr) am Mittwoch eine Auslaufgenehmigung erteilt. Danach wird das Schiff zur Reparatur in eine Werft verlegt. Die MS „Evert Prahm“ ist etwa drei Mal im Monat auf dem Nord-Ostsee-Kanal unterwegs, nach Angaben der Reederei immer mit Lotsenberatung.

An der unter einer Eisenbahnbrücke hängenden Fähre war bei dem Unfall Sachschaden in Millionenhöhe entstanden. Das 45 Tonnen schwere Gefährt wurde hin- und hergeschleudert und wurde stark verformt - und wird aus diesem Grund lange ausfallen. In den kommenden Wochen soll sie mit Hilfe großer Kräne vollständig demontiert werden, teilte das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Kiel-Holtenau mit.

Offen ist noch, welche Auswirkungen der Schaden auf die für 2017 geplante Bewerbung der Fähre als Unesco-Weltkulturerbe haben wird. Für den Rendsburger Bürgermeister Pierre Gilgenast (SPD) war das Fährunglück, bei dem zwei Menschen verletzt wurden, ein Schock. „Wir hoffen, dass es sie auch noch in Zukunft geben wird“, sagte Gilgenast. Die Rendsburger Fähre sei eine von weltweit gerade mal sieben noch existierenden Schwebefähren. Zudem gelte die in Rendsburg „Eiserne Lady“ genannte Brücke mit Fähre als eines der wichtigsten Denkmäler der Stadt, für die er sich sogar den Unesco-Welterbestatus wünscht. Zunächst will sich Gilgenast jedoch am Dienstag vom WSA über das weitere Vorgehen der Bergung informieren lassen.

Derweil prüft die Kieler Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren. „Wir müssen abwarten und untersuchen, wer möglicherweise welche Schuld trägt“, sagte eine Sprecherin der Anklagebehörde am Montag. Die Sachverständigen untersuchten deshalb die Unfallstelle an dem mehr als 100 Jahre alten Bauwerk.

Schwebefähre: Seit 1913 in Betrieb

Die Rendsburger Schwebefähre wurde am 2. Dezember 1913 in Betrieb genommen, um Menschen und Fahrzeugen die Überquerung des Nord-Ostsee-Kanals zu ermöglichen. Die 14 Meter lange und sechs Meter breite Gondel hängt an einer Eisenbahnhochbrücke.

Sie bietet Platz für sechs Autos und 60 Fußgänger. Maximal dürfen 7,5 Tonnen zugeladen werden. Die von vier Elektromotoren angetriebene Fähre hängt an zwölf Seilen und überquert das Wasser, ohne es zu berühren. Zum Wasser bleiben drei Meter.

Eine Passage über den 135 Meter breiten Kanal dauert 90 Sekunden. Im Jahr kommt eine Fahrstrecke von 6000 Kilometern zusammen.

Täglich befördert die denkmalgeschützte Fähre 520 Fahrzeuge und 1700 Menschen. Betrieben wird sie von einem Maschinisten.

Die Eisenbahnbrücke, an der die Fähre hängt, hat eine lichte Durchfahrtshöhe von 42 Metern. Sie ist insgesamt 317 Meter lang. Der erste Zug rollte am 1. Oktober 1913 über die Brücke. Sie löste damals zwei Drehbrücken ab. lno

 

Die Schwebefähre wird normalerweise von Fußgängern, Radfahrern und Autos benutzt. Sie transportiert täglich etwa 520 Fahrzeuge und 1700 Menschen. Schüler aus Osterrönfeld, die in Rendsburg eine Schule besuchen und bisher die Schwebefähre nutzten, müssen ab sofort auf den Fußgängertunnel ausweichen. Einen Bus-Ersatzverkehr wird es nicht geben. Dies hat eine Prüfung ergeben, die von Landrat Rolf-Oliver Schwemer und Rendsburgs Bürgermeister Pierre Gilgenast veranlasst wurde.

 

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erstellt am 13.Jan.2016 | 09:59 Uhr

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