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Landeszeitung

27. August 2016 | 08:23 Uhr

Chronik : Stafstedt: Autorin mit Nazi-Gesinnung

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Verfasserin der offiziellen Dorfchronik unterhält Verbindungen in rechtsextreme Szene. Der Bürgermeister wusste von dem politischen Hintergrund der Autorin .

Eine vom Verfassungsschutz wegen Rechtsextremismus beobachtete Stafstedterin hat die offizielle Chronik der Gemeinde verfasst. Bürgermeister Hans Hinrich Neve, der ein Vorwort für das vor anderthalb Jahren erschienene Werk geschrieben hatte, wusste von dem politischen Hintergrund der Autorin und kürzte einige missfällige Absätze im letzten Moment aus dem Buch.

Die Buchhändlerin Gisela S. ist für die Gemeindechronik des 340-Einwohner-Ortes, die Ende 2013 von der Kommune herausgegeben wurde, verantwortlich. Zu den insgesamt vier Autoren zählt auch ihr Ehemann, der ebenfalls Kontakte in die rechtsextremistische Szene unterhält. In einem Grußwort dankt Stafstedts Bürgermeister Hans Hinrich Neve, der für die CDU im Landtag sitzt, dem Autoren-Team für die Mühe. Dass Gisela S. dem Verfassungsschutz bestens bekannt ist, ist im Dorf kein Geheimnis. Um einige Passagen habe es vor der Veröffentlichung heftige Konflikte gegeben, so Neve auf Anfrage der Landeszeitung. Er habe einige Stellen kurz vor dem Druck der Chronik herausgestrichen, um sie „sauber von rechtsextremen Lügen“ zu halten, sagt der Bürgermeister und ergänzt: „Ich war damit, dass Frau S. an der Chronik mitgearbeitet hat, nicht glücklich.“

Mehrmals wird Gisela S. mit ihrer Versandbuchhandlung namentlich in Verfassungsschutzberichten des Landes genannt, zuletzt im Jahr 2008. Über ihren Buchhandel, den sie von Stafstedt aus betreibt, verkauft sie Werke des rechtsextremen Verlags „Hohe Warte“ aus Bayern, für den sie seit den 1990er-Jahren die „Verlagsauslieferung“ übernimmt. Dieser verbreitet vor allem die völkische Ideologie von Mathilde und Erich Ludendorff. Die Ludendorffs vertraten die Ansicht, dass „überstaatliche Mächte“, allen voran Juden, das deutsche Volk zerstören wollten. Ihre Ideen werden auch heute noch bundesweit von einigen tausend Anhängern vertreten, die „Ludendorffer“ genannt werden. Auch in der rechtsextremen Zeitschrift „Mensch und Maß“ ist als Bezugsquelle für Bücher aus einschlägigen Verlagshäusern regelmäßig die Adresse von Gisela S. genannt. Doch die 76-Jährige versorgt die Szene nicht nur mit Literatur, sondern ist auch Funktionärin einer Vereinigung, die der Verfassungsschutz als rechtsextrem beobachtet. Sie steht dem Trägerverein einer als „Ferienheim“ benannten Immobilie in Schierensee vor. Auf dem Areal des Vereins fanden neben Vortragsveranstaltungen mit rechtsextremen Referenten auch Ferienlager und Sonnenwendfeiern der „Ludendorffer“ statt, zuletzt im Juni. Der schleswig-holsteinische Verfassungsschutz rechnet das „Ferienheim“ dem antisemitischen und antidemokratischen „Bund für Gotterkenntnis“ zu.

Aufmerksame Leser hätten möglicherweise bereits bei der Lektüre der Stafstedter Chronik aufhorchen können. Zwar wird der Nationalsozialismus nicht verherrlicht, jedoch die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg relativiert: „Als (…) Polen die Mobilmachung einleitete, gab Hitler am 31. August (1939) den Befehl, am 1. September in Polen einzumarschieren.“ Renommierte Historiker bestreiten, dass die Teilmobilmachung Polens – nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Rest-Tschechei – für die Geschichtsschreibung relevant war. Vielmehr diene die Betonung dieses Details der Relativierung der deutschen Kriegsschuld. Über die deportierten und ermordeten Juden aus der Region ist in dem Abschnitt der Gemeindechronik übrigens kein Wort zu lesen. An gefallene Soldaten, auch einen SS-Mann, wird im Buch hingegen mit einer „Gedenktafel“ erinnert.

Gisela S. will sich auf Nachfrage nicht äußern. Mitautorin Frauke Rohwer sind deren politische Aktivitäten bei den „Ludendorffern“ angeblich unbekannt. „Das sind ganz nette Nachbarn“, sagt sie. Von Kürzungen, die durch den Bürgermeister vorgenommen wurden, wisse sie nichts.

Nicht zum ersten Mal sind „Ludendorffer“ in Schleswig-Holstein durch ihre zunächst unerkannte Betätigung im bürgerlichen Spektrum aufgefallen. Jahrelang unterrichtete die Rechtsextremistin Maren P. aus Bühnsdorf (Kreis Segeberg) an einer Grundschule. Erst durch eine Presseanfrage wurde das Kultusministerium auf die außerschulischen Tätigkeiten der Frau aufmerksam und beendete die Beschäftigung. Der Verfassungsschutz hatte die Pädagogin wegen ihrer „Ludendorffer“-Aktivitäten zwar im Blick, informierte die Behörden jedoch nicht über ihre Lehrtätigkeit an der Bildungseinrichtung.

Experten sehen die Beteiligung von Rechtsextremisten etwa beim Verfassen einer Dorfchronik kritisch, da dies zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz der Verfassungsfeinde beitrage. Dies führe dazu, „dass man sich daran gewöhnt, dass Rechtsextreme öffentlich agieren können“, sagt Antja Groeneveld, Mitarbeiterin der Regionalen Beratung gegen Rechtsextremismus in Kiel. In Gemeinden hätten die Verantwortlichen jedoch oft die Angst, dass durch den kritischen Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus ein negatives Licht auf die Kommune falle und das Ansehen der Gemeinde leide, sagt Beraterin Groeneveld.

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erstellt am 09.Jul.2015 | 11:33 Uhr

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