zur Navigation springen

Landeszeitung

11. Dezember 2016 | 09:10 Uhr

Mit Video : Selbstversuch im Flugzeug: Über dem Boden der Tatsachen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Redakteurin Katrin Schaupp absolvierte in einem Selbstversuch eine Flugstunde. Lehrer und Schülerin genossen die Freiheit.

Hajo, seine Ikarus C42, ich – und nur eine Stunde an einem ganz normalen, sommerlichen Nachmittag in Schleswig-Holstein – und doch werden diese 56 Minuten für mich unvergesslich bleiben. In dieser Stunde durfte ich nämlich fliegen und dabei erfahren, was Reinhard Mey mit seinem vielleicht bekanntesten Lied ausdrücken wollte. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt er da. Und ich weiß jetzt: Das ist direkt darunter auch so. Ich habe nämlich eine Schnupperstunde auf dem Flugplatz Schachtholm absolviert und bin dabei den Wolken entgegengeflogen, habe eine Ahnung von der grenzenlosen Freiheit bekommen und konnte die Schönheit unseres Landes von oben bewundern.

Doch bevor auch nur daran zu denken war, mit einer der Maschinen abzuheben, erklärte mir Fluglehrer Hans-Joachim Stühmer, den ich eben Hajo nennen durfte, das Wichtigste in puncto Theorie. So lernte ich beispielsweise, dass es sich bei den Ultraleicht (UL)-Flugzeugen um Luftsportgeräte handelt. Wir wollten mit einer Ikarus C42 abheben, die leer nur etwa 280 Kilogramm wiegt und deren Abfluggewicht 472,5 Kilogramm nicht übersteigen darf – bis zu 70 Liter Treibstoff, Passagiere und Flugzeug zusammengerechnet. Maximal 1300 Kilometer kommt man mit einer Tankfüllung weit, was unter anderem aber auch vom Wind abhängt.

Das Wetter sei ohnehin ein ganz wichtiges Thema, schärft mir Hajo ein: „Das Wetter muss man jederzeit im Auge behalten und gegebenenfalls umkehren. Erkennen und reagieren ist da die Devise, sonst steht alles ganz schnell auf Messers Schneide“, sagt der 57-Jährige. Sollte es hart auf hart kommen, verfügt die C42 über ein Vollrettungssystem. Aktiviert man dieses, schlägt eine Rakete ein Loch in den Rumpf aus glasfaserverstärktem Kunststoff, so dass sich ein Fallschirm entfalten kann, an dem dann das gesamte Flugzeug hängt. Damit es soweit aber gar nicht erst kommt, macht Hajo einen Sicherheits-Check, bevor wir uns in dem zweisitzigen Ultraleichtflugzeug anschnallen, die Headsets aufsetzen, über die wir uns verständigen können, und anschließend zur Start- und Landebahn rollen.

Kaum habe ich mich nur annähernd in die Lenkung des Flugzeuges am Boden reingefuchst, stehen wir auch schon am Ende der Startbahn und ich befolge nur noch Hajos ruhige Anweisungen: richtig Gas geben und den Steuerknüppel nach hinten ziehen. Das nächste, was ich bemerke ist, dass wir fliegen. „Du bist ganz alleine gestartet, ich habe gar nichts gemacht“, sagt Hajo und freut sich. Ich mich auch. Und gleichzeitig bin ich überwältigt davon, dass ich das wirklich geschafft habe, von der Aussicht und dem Gefühl, den Wolken immer näher zu kommen. Beängstigend ist dabei gar nichts. Und so fliegen wir dem Nord-Ostsee-Kanal in Richtung Westen nach, legen die C42 zur Übung in Kurven, steigen und sinken, in dem ich mehr oder weniger beschleunige.

Über uns ist der mit vielen einzelnen Wolken übersäte Himmel, unter uns das grüne Schleswig-Holstein. Und alles ist schön: Der Blick in die Wolken und der nach unten. Weil wir während unseres Fluges höchstens 1000 Meter hoch fliegen, gibt es viel zu sehen. Die Frachter auf dem Kanal sehen aus wie Spielzeug, man erkennt, wie viele kleine Seen und Felder es gibt. Und von oben betrachtet liegt alles ganz dicht zusammen. „Das dahinten ist der Westensee, da fliegen wir jetzt mal hin“, sagt Hajo, nachdem wir gewendet haben. „Da ist Neumünster, da Kiel und dahinten Eckernförde. Flieg mal Richtung Kiel weiter“, weist mich mein Fluglehrer an, als wir den dunkelblauen Westensee hinter uns gelassen haben. Hier habe ich studiert, verbinde mit jeder Ecke etwas. Und obwohl wir nah dran sind, ist alles doch weit weg. Und dann erinnere ich mich daran, was Hajo gesagt hat, was er an der Fliegerei am meisten liebt: „Beim Fliegen ist man ganz losgelöst, man hat keine Sorgen mehr und genießt einfach nur die Schönheit dabei.“ Das stimmt, finde ich. Reinhard Mey übrigens auch. Denn seine bekannte Liedzeile geht so weiter: „Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen und dann würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein.“

Ich genieße das alles in vollen Zügen, bis es zurück Richtung Schachtholm geht. Bei der Landung ist es wie beim Start: Ich kriege nicht so richtig mit, was ich da eigentlich mit Hajos Hilfe tue. Aber der Boden der Tatsachen hat uns sicher wieder. Und ich bin um viele Eindrücke reicher.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 30.Jul.2016 | 15:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen